Meinung

Kommentar: Die Aufregung über Alexa ist paradox

Amazon-Mitarbeiter sollen die Alexa-Sprach­daten ihrer Kunden abgehört haben. Ist das wirklich ein Skandal? Unser Autor meint: Solange ihr ein Smartphone habt, bleibt locker.
Ein Kommentar von Dennis Knake
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Wir Deut­sche haben ein gespal­tenes Verhältnis zu neuen Tech­no­lo­gien. Das äußert sich beson­ders beim Thema Sprachas­sis­tenten immer wieder: Kaum eine Woche vergeht ohne einen neuen Aufreger-Artikel über die "Wanze" Alexa. Doch in Zeiten von Smart­phones ist diese Empö­rung ziem­lich verlogen. Gerade aktuell: Amazon Mitar­beiter hören Gespräche mit. Massen­haft wird die Meldung in den sozialen Netz­werken geteilt und meist mit "Wer sich so einen Spion ins Haus holt, ist doch selber schuld" kommen­tiert. Doch in Zeiten von Smart­phones ist die Aufre­gung ziem­lich verlogen.

Im Freundes- und Bekann­ten­kreis beob­achte ich oft die ableh­nende Haltung gegen­über Sprachas­sis­tenten. Die Argu­mente sind immer dieselben: "Wie kannst Du Dir nur so einen Spion ins Haus holen?".

Alexa pfui, Smart­phone hui?

Echo Dot der dritten GenerationAmazon Alexa erhitzt die Gemüter. Warum eigentlich? Womit aber gleich­zeitig kaum einer ein Problem hat, ist das eigene Smart­phone. Und genau diese Haltung ist paradox, denn ein Smart­phone ist die viel bessere Wanze.

Ein Smart­phone hat mehr, als nur ein einge­bautes Mikrofon zum Mithören. Ein Smart­phone verfügt über eine Kamera und kann via WLAN, GPS und die Mobil­funk­zelle auf den Meter genau geortet werden. Auf einem Smart­phone lassen sich Apps unzäh­liger Hersteller instal­lieren. Nur die wenigsten inter­es­sieren sich über­haupt dafür, welche Daten diese Apps anschlie­ßend von ihren Benut­zern abgreifen.

Im Gegen­satz zu Alexa kann ein Smart­phone nicht nur mithören, es verfolgt auch unser Surf­ver­halten, es spei­chert unser Bewe­gungs­profil und die neuen Modelle sogar unseren Finger­ab­druck. Ein Smart­phone lässt sich von Dritten mit relativ einfa­chen Mitteln anzapfen und unbe­merkt fern­steuern. Ein Smart­phone ist das perfekte Über­wa­chungs­gerät. Und genau die Leute, die gerade noch Alexa als Wanze bezeichnet haben, tragen dieses Smart­phone rund um die Uhr mit sich herum und posten ihren Rant über Alexa womög­lich auch noch auf ihrem Face­book-Account.

Bei soviel selek­tiver Wahr­neh­mung bleibt mir die Spucke weg

Um die KI von Alexa weiter zu entwi­ckeln, bleibt Amazon kaum etwas anderes übrig, als Sprach­daten zu analy­sieren. Das kann auch jeder in den Daten­schutz­ein­stel­lungen der Alexa-App nach­lesen. Dafür gibt es die recht über­sicht­li­chen Daten­schutz­ein­stel­lungen in der Alexa-App. Die finden sich unter "Einstel­lungen - Alexa Konto". Dort gibt es den Punkt Legen Sie fest, wie Ihre Daten Alexa verbes­sern sollen und sogar fett­ge­druckt der Hinweis: Sprach­auf­nahmen verwenden, um bei der Entwick­lung neuer Funk­tionen beizu­tragen. Und genau dieser Funk­tion kann man als Kunde wider­spre­chen, indem man sie mit einem Fingerwisch deak­ti­viert.

Kritiker monieren, aus den Nutzungs­be­din­gungen von Amazon ginge nicht eindeutig genug hervor, dass die Auswer­tung der Sprach­daten nicht voll­au­to­ma­tisch erfolge. Das ist naiv. Es geht ja gerade darum, einer Soft­ware das rich­tige Verständnis von gespro­chenen Sätzen beizu­bringen. Wenn das bereits voll­au­to­ma­tisch mit einem Algo­rithmus funk­tio­nieren würde, was sollte man Alexa dann noch beibringen können?

Was bleibt, ist die Lust am Skandal. Amazon verkör­pert für viele ohnehin das perso­ni­fi­zierte Böse. Was macht da mehr Freude, als über die böse "Wanze" Alexa zu schimpfen. Am besten via Smart­phone. Auf Face­book.

Die ausführ­liche Version dieses Kommen­tars Alexa, German Angst und die Lust am Skandal ist auf LinkedIn Pulse erschienen.

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