Sauna statt Facebook

re:publica, Berlin: Der gläserne Jarvis

Blogger Jeff Jarvis zum Thema Datenschutz im Internet
Von dpa / Karina Henschel
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Jeff Jarvis arbeitet als Professor in New York, wählt die Demokraten und ist impotent. Wer das wissen will, muss weder hinter dem Amerikaner in die Wahlkabine schleichen noch die Akte seiner Krebserkrankung lesen: Der 56-Jährige schreibt darüber offen in seinem Blog Buzzmachine.

Auf der Internet-Konferenz re:publica [Link entfernt] in Berlin hielt der Internet-Vordenker heute ein engagiertes Plädoyer für mehr Offenheit im Internet und kritisierte das seiner Ansicht nach überzogene Bedürfnis der Deutschen nach Datenschutz im Internet. "Hier gehen die Menschen in die gemischte Sauna und lassen zu, dass ihre intimsten Körperteile von wildfremden Menschen gesehen werden - beim Internet hört aber der Spaß auf", sagte Jarvis (Autor von "Was würde Google tun?"). Das Recht auf Öffentlichkeit müsse gegen Bestrebungen von Regierungen und Unternehmen dringend verteidigt werden. Die Blogger und Netz-Enthusiasten applaudierten kräftig - auch wenn einige Fragen offen blieben.

Der gläserne Mensch? Kein Problem für Jarvis

"In der Gesellschaft von Nackten ist niemand nackt", spitzt Jarvis seine These zu. Er selbst lebe das vor: "Mein Schatten bei Google ist so groß wie Utah, mein Ego ist genauso groß", sagt er augenzwinkernd. Viel detaillierter werden seine Thesen allerdings nicht, die Probleme der völligen Offenheit wischt er weg. Aber was passiert, wenn die Berufsunfähigkeitsversicherung einem kranken Blogger keine Police mehr gibt? Auch hierauf gibt der Internet-Experte keine Antwort

Ein schlechter Präzedenzfall seien die Verbote von Straßenaufnahmen des Google-Dienstes Street View in Deutschland. Als nächstes könnten andere Fotos aus der Öffentlichkeit verboten werden. Das Internet sei ein öffentlicher Ort, in dem Wissen mit allen geteilt werden könne. Es gehe dort weniger um den Schutz der Privatsphäre, sondern um die Information, was mit persönlichen Daten angerichtet wird, sagte Jarvis. Diese Kontrolle müssten die Nutzer behalten.

An dem Szenekongress nehmen bis zu diesem Freitag Betreiber von Internet-Foren und Online-Tagebüchern aus 25 Ländern teil. Insgesamt gibt es 160 Stunden Programm rund um den Friedrichstadtpalast.

Digitale Öffentlichkeit statt Angstdebatte

Auch der deutsche Blogger Peter Glaser (Glaserei) kritisierte die "Angstdebatte" um Google. "Was Google mit seiner ebenso innovativen wie aggressiven Vorgehensweise immer wieder mühelos schafft ist, zu zeigen, wo die Gemeinschaft versagt ­ aus Bequemlichkeit, Geiz oder Unentschlossenheit", sagte Glaser in seinem Eröffnungsvortrag. So habe die "Provokation" durch Google Books die EU dazu veranlasst, endlich mehr als nur eine symbolische Summe für eine eigene Digitalisierungs-Initiative in die Hand zu nehmen. Auch zu Googles "Street View" gebe es Alternativen wie das Open Source- Projekt OpenStreetMap.

"Statt sich in Angstdebatten zu verlieren, wäre es konstruktiver, ein solches Projekt zu fördern und eine digitale Öffentlichkeit zu entwickeln, die es mit der Leistungsfähigkeit von Google aufnehmen kann", sagte Glaser. Am Ende entscheide die Qualität, und ein vielleicht sogar besseres Konzept, weil alle mitmachen.

Jarvis warf den traditionellen Medien vor, mit kostenpflichtigen Angeboten die Nutzer in der Rolle reiner Nachrichtenkonsumenten belassen zu wollen. Das Internet biete die Chance zur aktiven Teilhabe an der Informationsgesellschaft. Als Negativbeispiel nannte Jarvis Apples neues Lesegerät iPad. Dessen Applikationen ("Apps") ließen sich weder kommentieren noch verlinken. Er habe deswegen sein iPad in der vergangenen Woche zurückgegeben.

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