Erfahrungsbericht

iOS-10-Update: Wie mein iPhone zum Ziegelstein wurde

Ja, ich war einer der ersten, der das iOS-10-Update am Dienstag Abend herunterlud. Dafür bin ich von Apple schwer bestraft worden. Aber warum schafft es Apple nicht, eine sinnvolle Funktion zum Zurücksetzen des iPhone zu programmieren?
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Wer mich kennt, weiß, dass ich Windows für eines der besten Desktop-Systeme und Android für eines der besten Mobil-Systeme halte. Dass Android mit seiner katastrophalen Fragmentierung und (Nicht-)Update-Politik allerdings schwere Probleme hat, fasste kürzlich der Kollege Johannes Kneussel in seiner Betrachtung Warum das Google-OS immer unsicher bleiben wird prägnant zusammen. Natürlich nutze ich aus Interesse mehrere Systeme parallel und habe insbesondere bei iOS schon immer das perfekte Zusammenspiel zwischen Hard- und Software bewundert. Bislang hielt ich auch die Update-Politik von Apple für gelungen.

Seit Dienstag hat mein Glaube an die Unfehlbarkeit von Apple bei iOS-Updates aber einen argen Schaden genommen. Als einer der ersten lud ich kurz nach 19 Uhr das Update auf iOS 10 herunter - und war prompt von dem folgenschweren iOS-Update-Problem betroffen: Nach dem zweiten Neustart befand sich mein iPhone im Wartungsmodus. Es war zu dem berüchtigten Ziegelstein geworden und nicht mehr nutzbar.

Funktion zum Zurücksetzen des iPhone gewünscht

Wiederherstellung per iTunes nach dem Update-BugWiederherstellung per iTunes nach dem Update-Bug Glücklicherweise ist das iPhone bei mir nicht das Produktiv-Gerät, auf dem ich alle Kontakte gespeichert habe oder auf dem alle E-Mails meiner schätzungsweise 15 E-Mail-Konten ankommen. Wenn ich mir vorstelle, dass ein Geschäftsmann oder ein Freiberufler in diesem Moment wichtige Anrufe tätigen oder E-Mails bearbeiten müsste, wird mir schwindlig. Denn es gibt beim iPhone nach wie vor keinen Kniff, mit dem man das Gerät nach einem verkorksten Update schnell und ohne weiteres Gerät wieder einsatzfähig machen kann.

Am iPhone existiert keine Tastenkombination, bei der man einfach die letzte bekannte und funktionierende Konfiguration des Systems wiederherstellen und booten kann. Natürlich würde das Speicherplatz kosten, aber wer so einen Ruf der Unfehlbarkeit hat wie Apple, sollte sich einmal Gedanken darüber machen, ob man so etwas nicht auf einem separaten Chip, der nicht einmal beschreibbar, sondern nur lesbar sein müsste, implementiert. Von früheren Windows-Versionen war ich ja derartige Katastrophen gewöhnt, aber selbst Windows kann in diesem Fall mittlerweile recht einfach die letzte bekannte und funktionierende Version wiederherstellen.

Natürlich weiß ich, dass dies bei iPhone über die iTunes-Software auch relativ einfach zu erledigen ist. Ich wollte mich nach dem Problem am Dienstag aber einmal bewusst dumm stellen und fragen: "Apple, wie hilfst Du mir denn jetzt, wenn ich gerade keinen Mac und keinen Windows-Computer in der Nähe habe? Wie schaffst Du es, mein iPhone auch ohne iTunes wieder flott zu bekommen? Ich könnte ja gerade auch im Urlaub oder sonst irgendwo ganz ohne Computer sein."

Chats mit dem Support: "Freunde, Familie oder Nachbarn" sollen helfen

Am Mittwoch Vormittag wollte ich also wissen, was Apple direkt zu meinem Problem sagt und startete den Support-Chat auf der Homepage. Das Chat-System prognostizierte eine Wartezeit von etwa 10 Minuten. Als nach 20 Minuten immer noch kein Betreuer dran war, dämmerte mir, dass das Update-Problem vielleicht doch nicht nur so wenige Kunden betraf wie Apple behauptete. Nach gut einer halben Stunde meldete sich dann ein freundlicher Mitarbeiter, der zunächst höflich fragte, ob wir uns duzen können, was ich bejahte.

Nach meiner Problemschilderung schrieb er erst einmal: "Ich verstehe sehr gut, dass du dich an uns wendest wenn du ein Update Problem hast. Schließlich möchte man ein tadellos funktionierendes Gerät haben, mir würde es nicht anders gehen." Wahrscheinlich lernt man derartige Sätze in der Ausbildung zum Kundenbetreuer, weil das irgendwie deeskalierend wirken soll oder so. Ich schrieb, dass ich keinen Mac besitze (was stimmt) und dass ich die iTunes-Software auf dem Windows-PC nicht installieren darf (was nicht stimmt, in Wirklichkeit möchte ich es nicht). Darauf schrieb er: "Vielleicht hast du ja Freunde, Familie oder Nachbarn zu deren Rechnern du Zugang bekommen könntest, um eine Wiederherstellung zu machen."

Darauf tat ich erstaunt und fragte, ob dies echt die einzige Möglichkeit wäre und ob es nicht einen zertifizierten Händler in meiner Nähe gebe, der das kostenlos machen könne. Daraufhin schickte er mir die Apple-zertifizierten Service-Provider im Umkreis von etwa 30 Kilometer. "Ob es etwas kostet kann ich dir bei einem Service Provider nicht sagen", ergänzte der Betreuer. Einer der Service-Provider befindet sich tatsächlich in meiner Stadt ganz in der Nähe.

Der Apple-zertifizierte Händler in meiner Nähe ist Comspot, eine kleine Kette mit sieben Filialen in Deutschland. Als ich die Homepage meines Comspot-Stores aufrief, staunte ich nicht schlecht - dort gibt es nämlich einen Chat-Button. Aus Neugierde klickte ich darauf - und sofort war ein Berater dran! Ich schilderte mein Problem und fragte, ob ich vorbeikommen könne. Selbstverständlich würde Comspot derartige Wiederherstellungen von iPhones machen, vom iOS-Update-Bug hatten sie allerdings am Mittwoch Vormittag noch nichts gehört. Auf meine Frage nach dem Preis musste der Berater erst einmal Rücksprache halten: Etwa 28 Euro würde die Wiederherstellung des iPhones kosten.

Hard Reset versus Diebstahlschutz?

Selbstverständlich nahm ich das Angebot von Comspot nicht an, sondern biss in den sauren Apfel und installierte iTunes auf meinem Windows-PC. Das iPhone und das Problem erkannte die Software schnell. Allerdings gehörte mein iPhone zu den Geräten, bei denen es mit dem einfachen Neuaufspielen von iOS 10 nicht getan war.

iTunes versuchte im zweiten Schritt, iOS 9 wiederherzustellen. Dies schlug beim ersten Versuch allerdings auch fehl, das iPhone fror ein und iTunes meldete, dass dieses iPhone nicht wiederhergestellt werden könne. Ich versuchte es noch einmal, und erst dann klappte es mit der Wiederherstellung und dem Neuaufspielen von iOS 10. Was in der Regel rund 10 Minuten dauert, hatte bei mir inklusive iTunes-Installation rund 40 Minuten Zeit verschlungen.

Ich plädiere gegenüber Apple, aber auch anderen Herstellern dafür, sich wirklich einmal Gedanken zu machen, wie Geräte nach einem fehlerhaften Firmware-Update ohne weitere Hilfsmittel und ohne weitere Geräte und Programme wiederhergestellt werden können. Beim iPhone gibt es zwar so einen Kniff, der funktioniert aber nur, wenn das iPhone sich aufgehängt hat, nicht aber bei einem fehlerhaften Firmware-Update. Momentan gibt es in diesem Fall keine Alternative zum Wartungsmodus mit Wiederherstellung per iTunes-Software.

Natürlich sagen die Hersteller, dass sie genau die von mir gewünschte Möglichkeit nicht bieten, damit ein Dieb ein gestohlenes Smartphone nicht einfach zurücksetzen kann. Es gibt allerdings längst internetbasierte Schutzmechanismen: Mir persönlich würde es reichen, wenn mein gestohlenes Smartphone gesperrt, heruntergefahren oder unbrauchbar gemacht wird, wenn der Dieb es das erste Mal mit dem Internet verbindet.

Wie iOS 10 aussieht und welche Funktionen neu sind, zeigen wir in unserer großen Übersicht zu iOS 10.

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