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Mit Einzug offline: Internet in Pflegeheimen bleibt Ausnahme

Internet in den eigenen vier Wänden gehört für viele zum Wohnen dazu wie Strom­anschluss und Wasser. In hessi­schen Alten- und Pfle­geheimen sind Router im eigenen Zimmer rar gesät.

Nur wenige Senioren in hessi­schen Pfle­geheimen haben in ihrem eigenen Zimmer einen Inter­net­anschluss. "Es gibt keine Entschul­digung dafür, dass die Situa­tion im Jahr 2022 so aussieht", kriti­siert Dr. David Kröll vom Pfle­geschutz­bund BIVA in Bonn. Die Träger hätten den WLAN-Ausbau vernach­läs­sigt.

Und er pran­gert an: Dass Senioren in den Häusern eigene Endge­räte wie Tablets bekommen, sei die "himmel­schrei­ende Ausnahme". Hessi­sche Betreiber haben verschie­dene Erklä­rungen dafür.

Eine Frage der Würdi­gung älterer Menschen

Der Internetzugang in Pflegeheimen sei nicht optimal Der Internetzugang in Pflegeheimen sei nicht optimal
Bild: Image licensed by Ingram Image
Die Verfüg­bar­keit von Internet sei eine Frage der Würdi­gung älterer Gene­rationen, sagt Nicola Röhricht von der Bundes­arbeits­gemein­schaft der Senioren-Orga­nisa­tionen (BAGSO) in Bonn. "Digi­tale Teil­habe ist gesell­schaft­liche Teil­habe." Sich enga­gieren, infor­mieren, aber auch Spiele spielen, Filme gucken und Bilder von den Enkeln bekommen: All das sollten Senioren im Pfle­geheim tun können. Es könne nicht angehen, dass Pfle­geper­sonal Bewoh­nern die eigenen mobilen Daten und Geräte für ein Gespräch mit der Familie leihen müssen. "Aber das hören wir immer wieder", sagt sie.

Röhricht und Kröll wünschen sich flächen­deckendes Internet in den hessi­schen Pfle­geein­rich­tungen - im Ideal­fall eigene Router im Zimmer, Smart­phones oder Tablets - und Menschen, die den Senioren den Umgang mit den Geräten zeigen. Das sei aktuell ein fehlender Service, klagt Kröll.

Die Agentur für Kunden- und Perso­nal­mar­keting in der Pfle­gebranche, Pflegemarkt.com, veröf­fent­lichte Ende Juni 2022 Daten zur Inter­net­ver­füg­bar­keit in deut­schen Pfle­geheimen. Demnach machten knapp ein Drittel der 8722 vom Medi­zini­schen Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung geprüften Heime Angaben zum Thema. Von diesen 2683 Einrich­tungen erklärten 44 Prozent, bei ihnen gebe es keinen Inter­net­zugang für die Bewohner.

Es komme darauf an, wo man wohnt

In Hessen fordert die Ausfüh­rungs­ver­ord­nung zum Gesetz über Betreu­ungs- und Pfle­geleis­tungen in Pfle­geheimen einen Inter­net­anschluss an jedem Wohn­platz - sofern tech­nisch möglich. Außerdem soll kabel­loses Internet überall in der Einrich­tung nutzbar sein, an dem sich Bewohner aufhalten, betreut oder gepflegt werden.

Aller­dings gelte das nur für Gebäude, deren Bauge­neh­migung 2019 oder später bean­tragt wurde, erklärt Thorsten Haas, Spre­cher des Regie­rungs­prä­sidiums Darm­stadt. Häuser, die vor 2018 im Betrieb waren, seien ausge­nommen. Auf zahl­rei­chen Alten- und Pfle­geheimen in Hessen lastet somit kein recht­licher Druck, das Internet auszu­bauen. "Die meisten unserer Einrich­tungen verfügen über Gebäu­debe­stand aus den 70er, 80er und 90er Jahren", erläu­tert etwa Dagmar Jung, Leiterin der Abtei­lung Gesund­heit, Alter, Pflege der Diakonie in Hessen.

Teils großer Aufwand

Die Diakonie biete in ihren 140 hessi­schen Pfle­geheimen Compu­ter­plätze für die Bewohner an. Ein eigener Inter­net­zugang im Zimmer "ist jedoch eine große Ausnahme", erklärt Jung. WLAN in allen Zimmern zu instal­lieren, sei gerade in alten Gebäuden "tech­nisch aufwendig und teuer".

Der WLAN-Ausbau stehe auf der To-do-Liste der Caritas in Hessen. "Das wird noch ein großer Aufwand", sagt Brigitte Lerch, Refe­rentin für Alten- und Gesund­heits­hilfe. Jede der mehr als 60 Einrich­tungen verfüge über WLAN - meis­tens aber nur in Gemein­schafts­räumen.

"Wer will, kann bei uns ins Internet", sagt Gisela Prell­witz vom Deut­schen Roten Kreuz in Hessen. Es gebe aber keinen Stan­dard in den 72 Einrich­tungen. Internet sei teil­weise auf den Zimmern, teil­weise an einem Punkt im Haus, wie einem Café, verfügbar.

Inter­net­anschluss unab­dingbar

Die Bewohner der 21 Häuser, die die AWO in Südhessen betreibt, haben alle Zugang zum Internet - entweder im eigenen Zimmer oder an einer zentralen Stelle. Die AWO Nord­hessen bietet den Bewoh­nern in 21 von 30 Häusern Zugang zum Internet an. Zwei davon hätten Anschluss­dosen in den Zimmern, in 19 der Einrich­tungen laufe die Verbin­dung über WLAN.

Man wolle nach­rüsten, aber mit der Corona-Pandemie sei der Ausbau ins Stocken geraten - ausge­rechnet in einer Zeit, in der Besuche in den Einrich­tungen nicht möglich waren.

Dabei habe die Corona-Pandemie einen Digi­tali­sie­rungs­schub in den Pfle­geheimen ausge­löst, berichtet Brigitte Lerch. Die Bewohner hätten öfter per Video­schalte mit ihrer Familie gespro­chen, erklärt auch Prell­witz vom DRK. Und mit neuen Gene­rationen in den Häusern werde der Inter­net­ausbau zuneh­mend forciert.

Die AWO Nord­hessen beob­achtet, dass immer mehr Menschen beim Einzug in die Pfle­geheime Smart­phones und Tablets mitbringen. Nicola Röhricht von der BAGSO betont: "Man muss begreifen: Menschen, die jetzt ins Alten­heim kommen, stehen mitten im Leben und möchten teil­haben."

Inter­net­nut­zung älterer Menschen

In der Inter­net­nut­zung herr­schen zwischen den Gene­rationen teil­weise große Unter­schiede. Das zeigen Daten der Studie D21-Digital-Index für die Jahre 2021 und 2022, geför­dert vom Bundes-Wirt­schafts­minis­terium. Demnach nutzen vier von fünf Bürgern aus der Nach­kriegs­genera­tion (Jahr­gang 1946 bis 1955) das Internet. Von den Menschen, die bis 1945 geboren sind, ist laut Studie etwa die Hälfte online.

Eine andere, vom Bundes­minis­terium für Senioren geför­derte Studie des Deut­schen Zentrums für Alters­fragen aus dem Jahr 2022 zeigt: Jeder dritte Mensch ab 80 Jahren nutzt in Deutsch­land das Internet. Dabei ist ein Unter­schied zwischen den Geschlech­tern auffällig. Während 52 Prozent der hoch­alt­rigen Männer online sind, nutzen nur 29 Prozent der gleich­alt­rigen Frauen das Internet.

Mit Index­werten zwischen 0 und 100 beschreiben die Forscher in der Studie den Digi­tali­sie­rungs­grad der deut­schen Bevöl­kerung. Demnach weist die deut­sche Gesamt­bevöl­kerung einen Index von 63 auf. Die Nach­kriegs­genera­tion liege bei 51, während die Gene­ration Z (Jahr­gang 1996 bis 2009) mit einem Wert von 75 deut­lich digi­taler lebt.

Mit einem Index von 27 liegt die Gene­ration, die bis 1945 geboren ist, deut­lich weiter zurück. Für den Index werden laut Studie Zugang, Nutzungs­ver­halten, Kompe­tenz und Offen­heit der Menschen gegen­über dem Internet unter­sucht.

In einem Ratgeber geht es um: Handys, Tarife & Co.: Tele­kom­muni­kation für Senioren.

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