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Test: Internet-Nutzung im Zug wird immer problematischer

Stellungnahmen der Netzbetreiber und Tipps zur Internetnutzung im ICE
Von Thorsten Neuhetzki

Für unseren Test nutzten wir einen SIM-Lock-freien Surf-Stick von Option, der eine maximale Geschwindigkeit von 3,6 MBit/s ermöglicht, sowie einen Laptop von Acer. In der gleichen Konstellation klappt das mobile Arbeiten in gut abgedeckten Bereichen lange Zeit problemlos, so dass Schwachpunkte in der Hardware-Zusammenstellung ausgeschlossen werden können.

Die Ergebnisse: Telekom nicht so gut wie ihr Ruf, E-Plus überraschend schnell

Die Telekom ist allgemein für ein teures, aber recht gutes Datennetz bekannt, das auch vor kurzem vom Computermagazin Chip ausgezeichnet wurde. In unseren Tests konnte der Anbieter das jedoch nicht untermauern. Trotz vollem Empfang kam auf unserem Rechner kein auswertbarer Traffic an. Teilweise brach der Seitenaufbau mit dem Hinweis ab, dass die IP-Adresse zur Domain nicht aufgelöst wurde. Nicht einmal Ping-Versuche waren auf der ICE-Rennstrecke zwischen Berlin und Hannover möglich. Hier fahren die Züge bis zu 250 km/h schnell. Laut Dashboard des Surfsticks wurden jedoch einige Kilobyte übertragen, mit denen unser Rechner jedoch nichts anfangen konnte. Erst auf der Strecke zwischen Bielefeld und Hannover, einer Strecke, auf der der ICE etwas langsamer fährt und die Bevölkerungsdichte höher ist als auf dem anderen Teil der Strecke, konnten wir gut mit dem Telekom-Zugang surfen. Auch das Surfen über HSDPA im Bahnhof stehend stellte kein Problem dar. Viele Geschäftsleute sind auf Internet im Zug angewiesen. Viele Geschäftsleute sind auf Internet im Zug angewiesen.
Foto: dpa

E-Plus überraschte im Test. Das als "langsamstes Datennetz" verschriene Netz konnte, solange wir EDGE-Empfang hatten, stets verwertbare Daten liefern. Fehlermeldungen und Abbrüche erlebten wir im E-Plus-Netz so gut wie gar nicht, Surfen war stets mindestens rudimentär, zumeist aber auch mit guter Performance möglich. Auffällig: Je schneller der Zug fuhr, desto langsamer wurde die Geschwindigkeit. Die doch recht häufig anzutreffenden GPRS-Flecken trübten den guten Gesamteindruck erheblich.

o2-Netz zumeist nicht nutzbar, Vodafone mit gespaltenem Ergebnis

Das o2-Netz konnte uns, im Gegensatz zu Erfahrungen, die wir noch vor einigen Monaten an gleicher Stelle sammeln konnten, nicht überzeugen. Wie bei der Telekom bekamen wir zwischen Hannover und Berlin oftmals gar keine verwertbaren Daten. Ping-Zeiten zu Servern lagen teilweise bei zwei Sekunden und mehr. Erst zwischen Hannover und Bielefeld konnte über das o2-Netz mobil gearbeitet werden.

Bei o2 war auffällig, dass sich das Netz am Freitag anders verhielt als am Sonntag. Während Freitag auf der "Rennstrecke" kein Arbeiten möglich war, konnten wir das Netz am Sonntag dann nutzen. Zwar kamen die Daten auf unserem Rechner an, doch war der Zugang langsamer als bei Vodafone.

Vodafone stellte in unserem Test ein Sonderfall da. Am Freitag testeten wir den Zugang mit einer Smartphone-SIM, die Datendurchsätze bis 7,2 MBit/s ermöglichen soll. Nutzten wir die Smartcard im Handy über WLAN-Tethering war Surfen fast nicht möglich. Die SIM-Karte in den UMTS-Surfstick gesteckt, funktionierte das Netz dann und lieferte uns zumindest im EDGE-Gebiet gute Ergebnisse. Bei GPRS hingegen war mobiles Surfen so gut wie unmöglich. Erstaunlich dann auf der Rückfahrt: Abgesehen von wenigen Kilobyte Daten, die unser Rechner nicht sinnvoll auswerten konnte, erreichten wir keinen Datendurchsatz, das Ergebnis war deutlich enttäuschender als am Freitag. Dann aber die Verwunderung: Über eine Pro7-Surfstick-Karte über den Event-APN des Netzbetreibers (aber mit der gleichen Hardware wie bei allen anderen Tests) erreichten wir die besten Datenraten, die wir bei unseren Testfahrten überhaupt erzielten. Auch hier waren jedoch die GPRS-Inseln wieder störend langsam. Vodafone hatte für diesen gravierenden Unterschied nach ausführlichen internen Recherchen keine Erklärung. Mit anderer Testhardware stellten wir fest, dass Tethering über ein iPhone deutlich problematischer war, als surfen über einen kleinen mobilen WLAN-Router (MiFi).

Alle Tests hatten eines gemeinsam: Kam der Zug zum Stehen, so funktionierte der Internetzugang.

Die Stellungnahmen der Netzbetreiber

Wie aber sind diese Ergebnisse nun zu begründen? Wir fragten bei den Netzbetreibern nach. Die Telekom argumentierte, dass es zwei Effekte gibt, die sich negativ auf die Datenübertragung auswirken, wenn ein Endgerät sich mit sehr hoher Geschwindigkeit durch das Mobilfunknetz bewegt: "Der Aufenthalt in einer Mobilfunkzelle ist kurzfristiger. Demzufolge muss das Endgerät häufiger einen Handover durchführen, d.h. den Wechsel in die nächste Mobilfunkzelle. Bei EDGE wird die Datenübertragung mit dem Handover angehalten und bei erfolgtem Handover fortgeführt (mit entsprechenden - automatisch - erfolgendem Neuaufbau der Datenverbindung). Dieser Vorgang dauert bei EDGE einige Sekunden." Bei der Telefonie geschehe dieses in wenigen Millisekunden und ist für den Kunden meist nicht wahrnehmbar. Je nach Größe der Mobilfunkzelle und Geschwindigkeit stehe nach nur wenigen Sekunden erneut der Handover an. Bevor das Endgerät die Datenübertragung fortsetzen konnte, muss diese dann also erneut angehalten werden, um das nächste Handover vorzubereiten. Zudem werde die Telefonie gegenüber den Daten priorisiert.

Durch die hohe Geschwindigkeit des ICE kann sich der Datendurchsatz verringern: je nach Lage zum versorgenden Mobilfunkstandort ist der Dopplereffekt zu berücksichtigen. Dieser führt zu höheren Bitfehlerraten (bzw. es werden mehr Bits für die Fehlerkorrektur benötigt), dadurch verringert sich der Datendurchsatz. Zudem seien die Repeater in den Zügen vor allem für Telefonie ausgelegt, aber nicht für Daten. Eine Überlastung der Netze sieht die Telekom jedoch nicht.

E-Plus geht nach einer "Ferndiagnose" davon aus, dass eine verminderte Datenrate bei optimalem Empfang im Zug vorrangig aus der gleichzeitig anwesenden Zahl von Smartphones resultiert, die im Always-on-Modus kontinuierlich den Status updaten, Mails ziehen oder den Social-Media-Account auf dem neuesten Stand halten. "Im permanenten Handover bei schnell fahrenden Zügen sehen unsere Fachleute weniger ein Problem bzw. eine Ursache."

Bei o2 wiederum macht man sowohl die Physik als auch die Nutzung verantwortlich: "Einerseits hat sich das Nutzungsverhalten verändert, so dass mehr Kunden auch mehr Datenverkehr im Zug generieren und somit in sehr kurzen Zeitabschnitten beim Durchfahren einer Funkzelle Ressourcenanfragen entstehen, welche dann teilweise nicht mehr für alle Kunden aufgrund der begrenzten Kapazität als auch verfügbaren Zeit vom Netz bearbeitet werden können. Vor allem aber hat sich die Erwartungshaltung der Kunden verändert, das heißt ein vergleichbarer Service wird wie an anderen Orten erwartet." Man arbeite daran, die Netzqualität weiter zu verbessern. Dieses gelte auch für die Zugversorgung. "Unsere nächsten Ausbauschritte dienen vor allem der Kapazitätsverstärkung an Orten, wo besonders viel Bedarf besteht. "

Auf der nächsten Seite erfahren Sie, was Sie beachten sollten, wenn Sie im Zug einen Internetzugang nutzen wollen.

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