Updates nötig

Huawei P20 Pro im Hands-On: Viele Kinderkrankheiten

Das Huawei P20 Pro soll mit der besten Smartphone-Kamera aller Zeiten ausgestattet sein. Doch erstmal muss die Kamera-App nachgebessert werden.
AAA
Teilen (42)

Huawei P20 ProHuawei P20 Pro Die Kamera des neuen Huawei P20 Pro weist, wie auch das Smartphone insgesamt, eine beeindruckende Performance auf dem Papier aus: Ein riesiger Kamera-Sensor mit der 2,7-fachen Fläche im Vergleich zum iPhone, 40 Megapixel, optischer Dreifach-Zoom, Zeitlupenaufnahmen mit 960 Bildern pro Sekunde und vielem mehr. Um so mehr stellt sich die Frage, ob Huawei hier das nächste "Muss-man-unbedingt-haben"-Smartphone entwickelt hat. Die Antwortet lautet allerdings: In der aktuellen Vorserien-Version des Huawei P20 Pro gibt es noch zu viele Kinderkrankheiten.

Sehr unangenehm fiel uns beim Scrollen in längeren Webseiten auf, dass die übliche Wischgeste "einmal anschubsen, dann läuft der Bildschirm von selber weiter" beim P20 Pro in der aktuellen Version noch nicht funktioniert. Sobald man den Finger vom Touchscreen nimmt, endet sofort auch der Scrollvorgang. Damit muss also alle Inhalte, die man scrollen will, explizit von unten nach oben bzw. oben nach unten schieben. Bei langen WhatsApp-Chats oder langen Bilderlisten in der Galerie kann das explizite Schieben aber sehr schnell zu einer echten Qual werden. Ein Huawei-Techniker aus London bestätigte auf der Party zum Launch des Smartphones den Fehler, und kündigte an, dass ein Update so bald wie möglich erfolgen werde.

Huawei P20 Pro
Auch in der Kamera-App des Huwei P20 Pro stören kleine und größere Fehler. So lässt sich der Zoom-Faktor mit der Zwei-Finger-Zoom-Geste nur sehr ungenau einstellen. Bewegt man die beiden Finger beispielsweise nur langsam auseinander, so ändert sich der Zoom überhaupt nicht. Es kommt bei der Einstellung also eher auf die Geschwindigkeit der Zoom-Bewegung an als - wie sonst in so gut wie allen anderen Apps - auf die relative Bewegung der beiden verwendeten Finger. Zudem ist kein stufenloser Zoom möglich, sondern der Zoom-Faktor rastet auf bestimmten Werten ein. Es war uns beispielsweise in der Kamera-App weder mit der Zwei-Finger-Zoom-Geste noch mit dem Slider in der Zoom-Leiste möglich, einen Zoom-Faktor von 1,1 oder 1,9 einzustellen. Anscheinend kann der Hybrid-Zoom aus 40-Megapixel-Hauptsensor und 8-Megapixel-Zoomlinse im Moment zumindest nur bestimmte Zoomstufen rechnen.

Starre Bildgröße

In der Standardeinstellung werden Kamera-Bilder mit 10 Megapixel im Seitenverhältnis 4:3 gespeichert. Die Limitierung auf 10 Megapixel ist auch sinnvoll, denn Bilder mit der vollen Auflösung des Sensors von 40 Megapixel würden den üppigen Speicher von 128 GB dennoch schnell füllen. Nur werden die 10 Megapixel auch dann geschrieben, wenn man ein Foto mit Zoom-Stufe 3x schießt. Das entspricht genau dem Zoom-Faktor der Telelinse, jedoch beträgt deren echte Auflösung nur 8 Megapixel. Die Bilder werden bei 3x-Zoom also von 8 auf 10 Megapixel vergrößert, was der Schärfe definitiv nicht zugute kommt. Eine Bildgrößeneinstellung, die genau den 8 Megapixel der Zoomlinse entspricht, gibt es nicht.

Schlimmer als die Qualitätsverluste bei der Vergrößerung von 8 auf 10 Megapixel bei der Zoomstufe 3x wiegt, dass bei der Vergrößerung oder generell bei der Bildnachbearbeitung anscheinend noch Fehler passieren: Eines der von uns geschossenen Testfotos zeigt sehr starke Artefakte, die das Bild in Teilbereichen komplett entstellen:

Artefakte in einem mit dem Huawei P20 Pro aufgenommenen Foto
Artefakte in einem mit dem Huawei P20 Pro aufgenommenen Foto

Biometrie zur Wahl

Direkt unter dem Display befindet sich ein schmaler Homebutton mit integriertem Fingerabdrucksensor. Beim Vorvorgänger P9 befand sich der Fingerabdrucksensor noch hinten, was dem Autor persönlich besser gefällt. Aber schon bei der P10-Serie ist der Fingerabdrucksensor nach vorne gewandert, während ihn Samsung bei der S-Serie von vorne nach hinten verlagerte, allerdings beim Galaxy S8 noch ungünstig neben - statt wie nun bei Galaxy S9 - unter der Kamera. Hier dürfte sicher auch Marketing im Spiel sein, dass Huawei und Samsung sich bemühen, gerade die Kunden anzusprechen, die mit bestimmten Entscheidungen des anderen Herstellers unzufrieden sind.

Alternativ lässt sich das P20 Pro auch per Gesichtserkennung entsperren. Dazu muss man das Gerät anschauen. Schaut man in die richtige Richtung, erfolgt die Entsperrung sehr schnell, fast schon zu schnell. Allerdings ist kein Iris-Scanner verbaut, die Entsperrung erfolgt also lediglich auf Basis der Gesichtserkennung.

Doppelter Homebutton

Es gibt beim P20 Pro links und rechts vom Fingerabdruckscanner keine Hardware-Buttons für "Zurück" bzw. "App-Menü", sondern stattdessen wird am unteren Rand des Displays die übliche Zeile mit Softbuttons eingeblendet. Das wirkt nicht ganz durchdacht, denn so kommt ein Soft-Homebutton über einem physikalischen Homebutton zu liegen: Ein Druck auf den Fingerabdrucksensor führt ja wie auch der Soft-Homebutton zum Homescreen.

Haptik und Optik

Das Huawei P20 Pro liegt gut in der Hand
Das Huawei P20 Pro liegt gut in der Hand
Das P20 Pro fühlt sich dank der Glasrückseite angenehm an. Es ist etwas kürzer und auch etwas dünner als das Galaxy S9 Plus. So hat man das Gefühl, dass das P20 Pro besser in der Hand liegt als das doch "elend lange" Galaxy S9 Plus. Auf der anderen Seite wirkt das Samsung deutlich robuster und stabiler.

Hält man das Gerät in der Hand, gelingt die Bedienung zügig und schnell, auch mit einer Hand. Das Gerät reagiert sehr flüssig auf Eingaben, die Animationszeiten sind stimmig. Das Android 8.1 Oreo ist gut integriert.

Vorder- wie Rückseite des P20 Pro lieben Fingerabdrücke. Im ausgeschalteten Zustand erscheint das Display bei ungünstigem Lichteinfall - beispielsweise von einer Schreibtischlampe von vorne - leicht grünlich, fast so wie die Mattscheibe uralter Röhrenfernseher. Das wirkt ungewohnt. Von der Konkurrenz und auch bei Vorgängermodellen aus dem eigenen Haus kennt man eigentlich das "satte Schwarz" des ausgeschalteten Displays, egal, von wo das Licht kommt.

Display von Huawei P20 Plus und Samsung Galaxy S9
Bei ungünstigem Licht schimmert das Display das Huawei P20 Plus grünlich
Auf der Rückseite schaut das Kameramodul deutlich, aber gerade noch akzeptabel hervor. Hier fordern der große 40 Megapixel-Sensor und der 3-fach-Zoom ihren Tribut. Folglich wackelt das Gerät, wenn man es ohne Hülle auf dem Tisch liegen hat. Selbst bei einer dünnen Hülle besteht sogar die Gefahr, dass das Kameramodul weiterhin herausschaut.

Fazit

Das Huawei P20 Pro ist ein sehr interessantes Gerät. Für einen etwas günstigeren UVP als das Samsung Galaxy S9 ist das P20 sehr umfangreich ausgestattet. Man bekommt allerdings etwas den Eindruck, dass am Ende die Papierform (zum Beispiel "40 Megapixel") wichtiger ist als die Praxis. Was nutzt der im abgedunkelten Labor gemessene Kontrast von 1 zu 1 Million, wenn das in der Praxis allfällige Streulicht das Display des Huawei P20 Pro grünlich schimmern lässt?

Vor allem aber wirkt das Gerät noch nicht fertig. Zwar ist offizieller Verkaufsstart erst in gut einer Woche, aber so erhebliche Software-Bugs, wie das eine der wichtigsten Bediengesten nicht richtig funktioniert, sollten zu diesem Zeitpunkt eigentlich bereits ausgebügelt sein.

Teilen (42)

Mehr zum Thema Hands-On