Huawei

Editorial: Die Software-Mauer

Huawei-Käufer müssen künftig ohne einige der belieb­testen Apps auskommen, wenn sie sich diese nicht manuell herun­terladen. Was droht darüber hinaus?
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Früher, ja früher, da konnte man als Ostdeut­scher keine guten Computer kaufen und Bananen nur ganz selten und dann auch nur, wenn man zur rich­tigen Zeit lange genug vor dem Laden ange­standen hatte bzw. über Bezie­hungen verfügte. Dafür bekam man in den Buch­läden gute mathe­mati­sche und physi­kali­sche Lehr­bücher zu einem sehr vernünf­tigen Preis. Auf der anderen Seite des "eisernen Vorhangs" waren die digi­talen Rechen­knechte stets zu markt­konformen Preisen verfügbar, dafür musste man in den Büche­reien die wirk­lich guten Bücher erstmal aus der Viel­falt heraus­selek­tieren und dann als Lohn für seine Detek­tivar­beit auch noch einen stolzen Preis an der Kasse dafür berappen. Immerhin stand den Wessis der Weg nach Osten offen, um sich dort mit Lite­ratur einzu­decken - ich war wohl nicht der einzige, der das gemacht hat.

Nun, damals herrschte Kalter Krieg. Heute geht die Welt­politik wieder in die Rich­tung von damals, es werden neue Fronten aufge­baut. Und so muss man sich künftig entscheiden, ob man das Smart­phone mit der (voraus­sicht­lich) besten Kamera kaufen will, dafür aber auf die in Europa führende Navi­gations-App und den mit Abstand wich­tigsten App Store verzichtet, oder alter­nativ eben bei "den Korea­nern" kauft, die die zweit­beste Kamera haben, aber eben die gewohnte Soft­ware-Ausstat­tung. Und das, obwohl "die Koreaner" wie auch der inkri­minierte Hersteller, nämlich Huawei, beide ihre Geräte in China produ­zieren. Nur, dass Huawei sie dort nicht nur produ­ziert, sondern auch entwi­ckelt.

Eine drei­mona­tige Schon­frist, während der Google erlaubt wurde, weiterhin neue Android-Versionen, Sicher­heits-Updates und die Google-Dienste inklu­sive Google Maps und Play Store an Huawei zu liefern, gilt ausdrück­lich nicht für neue Geräte. Damit steht nun wohl fest, dass das in wenigen Wochen vorge­stellte Mate 30 Pro wohl ohne Google-Dienste erscheinen wird. Immerhin wird das übliche Android-Betriebs­system auf dem Gerät instal­liert sein - die meisten Teile von Android stehen unter einer freien Lizenz (Open Source) und dürfen nach Belieben kopiert, verän­dert und erwei­tert werden, soweit dabei die Open-Source-Lizenz erhalten bleibt.

Google nach­instal­lieren

Huawei (Messestand)Huawei (Messestand) Sicher wird es möglich sein, die gewohnten Google-Apps von Hand als APK von einschlä­gigen Soft­ware-Sites herun­terzu­laden und sie dann nach­zuin­stal­lieren. Hat man sie dann erstmal, werden sie sich voraus­sicht­lich auch selber updaten. Der Verzicht fällt daher, außer der zusätz­lichen Arbeit beim ersten Einrichten des Smart­phones, voraus­sicht­lich geringer auf, als es aussieht. Aber: Eine Garantie, dass die Google-Dienste dauer­haft ohne Einschrän­kungen funk­tionieren werden, gibt es nicht. Sollte sich der Handels­streit verschärfen, droht nämlich, dass Google, Face­book und Co. gezwungen werden, den "bösen" Smart­phones den Zugang zu ihren Servern zu verwehren. Auch dann wird es immer noch Möglich­keiten geben, die Soft­ware-Mauer zu umgehen (z.B. Smart­phone rooten und Geräte-IDs ändern), aber sie werden zuneh­mend schwie­riger werden.

Huawei-Käufer werden daher mit dem Risiko leben müssen, auf die Google-Apps verzichten zu müssen, sollte es hart auf hart kommen. Einige Nutzer sehen das aber nicht als Risiko, sondern sogar als Befreiung, dass sie endlich ein Google- und NSA-freies Smart­phone erwerben können. Diese Nutzer­gruppe dürfte aller­dings - noch - in der deut­lichen Minder­heit sein.

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