Mobiles Büro

Digi­tali­sierung der Arbeits­welt birgt Risiken

Arbeiten zu jeder Tageszeit und von fast überall aus - die digitale Revolution hat viele Gesichter. Damit Unternehmen und Beschäftigte profitieren, müssen die Interessen gut austariert werden.
Von dpa / Jennifer Buchholz
AAA
Teilen (1)

Die Digitalisierung hat die Arbeits­welt längst voll erfasst. Schon jetzt macht die Arbeit an Tablet, Notebook oder Smart­phone viele Beschäftigte im Büro, unterwegs oder im Home-Office zu Dauer­gästen im Internet. Auch in der Produkt­ent­wicklung und bei vielen Produktions­prozessen geht nichts mehr ohne Software und Vernetzung. Der Wandel birgt klare Chancen - aber auch Risiken. Während die Einen von neuen Geschäfts­ideen für Firmen und einer freieren Zeit­einteilung für die Mitarbeiter schwärmen, warnen Andere vor einem Rationalisierungs­schub und fordern Spielregeln für die neue Arbeitswelt.

Auf ständige Er­reich­barkeit im Urlaub verzichten

Einige Unternehmen appellieren an ihre Mitarbeiter, die Freizeit zur Erholung zu nutzenEinige Unternehmen appellieren an ihre Mitarbeiter, die Freizeit zur Erholung zu nutzen Vor allem die ständige Erreichbarkeit durch E-Mails und Mobil­telefonie bietet seit Jahren Diskussionsstoff. Einige Unternehmen bauen aber mittlerweile Dämme gegen die Kommunikationsflut. Sie bieten an, beispielsweise dienstliche E-Mails, die Mitarbeiter während ihrer Urlaubs­zeiten bekommen, zu löschen, wie der Autobauer Daimler. Beim Versicherungskonzern Allianz appelliert eine Kampagne auch an die Eigenverantwortung der Beschäftigten: Auf Plakaten, die im Firmengebäude aushängen, ist ein Mann mit Laptop zu sehen, daneben seine kleine Tochter, die wohl lieber mit ihm spielen würde. "Wie Sie Ihr Wochenende gestalten, entscheiden Sie selbst", heißt es auf den Plakaten.

Der Technikkonzern Bosch will das Mail-Dickicht auch im Arbeitsalltag lichten: Über eine firmeninterne Plattform können sich die Beschäftigten zu Arbeitsgruppen zusammenfinden und beispielsweise Besprechungs­protokolle direkt bearbeiten, ohne noch viel elektronische Post mit Anhängen an große Verteiler hin- und herzuschicken. In manchen Fällen können so bis zu 30 Prozent des bisherigen Mail-Pensums eingespart werden, sagt ein Unternehmenssprecher.

Das mobile Büro integriert die Arbeit in die Freizeit

Abarbeiten lassen sich viele Aufgaben mittlerweile von jedem Ort, der Zugriff aufs Internet bietet - ob von zu Hause, aus dem Zug oder aus einem Internetcafé. Damit durch die flexiblere Zeiteinteilung nicht Arbeit und Freizeit immer stärker verschwimmen, machen sich Arbeit­nehmer­ver­treter dafür stark, dass Grenzen gezogen werden wie beim Autobauer BMW: Auf Basis einer Betriebs­ver­einbarung können sich die Mitarbeiter mobile Tätigkeiten als Arbeitszeit anrechnen lassen und ihre Aufgaben erledigen, wann es am besten in ihren Tagesablauf passt - und das ist bei manchen Beschäftigten eben erst um 20 Uhr abends, wenn der Haushalt erledigt ist und die Kinder im Bett liegen.

Neben solchen positiven Ansätzen gibt es aber auch problematische Ent­wicklungen, sagt Vanessa Barth, Digitalisierungs-Expertin beim IG-Metall-Vorstand. Weil mehr Menschen mobil arbeiten, bieten manche Firmen nicht mehr für jeden Arbeitnehmer einen festen Arbeits­platz im Büro an und setzen zunehmend auf die sogenannte Ver­trauens­arbeits­zeit. Dabei stehen die zu er­ledigenden Aufgaben, und nicht mehr der Zeitaufwand des Mitarbeiters im Vordergrund. "Das ist eine Flatrate auf die Arbeitszeit", sagt die Gewerkschafterin. So lasse sich auch nicht mehr kontrollieren, wie viel Manpower für ein Projekt nötig ist.

Auch das Crowdsourcing, also die Vergabe von Teilaufgaben an Internet-User in aller Welt, sieht Barth zwiespältig. Der Zugang zur Arbeit werde zwar erleichtert, weil aufwendige Bewerbungsprozesse wegfallen, doch seien die Auswahl der geleisteten Arbeit und die Bezahlung häufig intransparent.

Individuelle Anpassung des mobilen Büros

Als Verhinderer neuer und flexiblerer Arbeits­modelle will sich die Gewerk­schaft aller­dings nicht verstanden wissen - im Gegenteil. Es gehe darum, Arbeit gemeinsam und auf Augen­höhe zu gestalten, sagt Barth. Dazu gehöre auch die Weiterbildung, damit beispielsweise auch ältere Beschäftigte als "Digital Immigrants" in der neuen Arbeitswelt nicht den Anschluss verlieren. Diesen Punkt hat die IG Metall deshalb auch für die im Januar beginnende Tarifrunde auf die Agenda gesetzt.

Klar ist: Aufhalten lässt sich der digitale Wandel ohnehin nicht - deshalb gilt es nach Ansicht von Wirtschafts­ver­bänden, die Chancen zu nutzen. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) etwa setzt auf die neuen Möglich­keiten, Produkte individuell auf die Verbraucher zuzu­schneiden. Das könnte letztlich zu einer Neu­ansiedlung intelligenter Massen­produktion in Deutschland führen, hofft BDI-Präsident Ulrich Grillo.

Teilen (1)

Mehr zum Thema Digitale Gesellschaft