Do-it-yourself

Ericsson Industry Connect: Das 5G-Netz im Selbstbau

Ericsson stellt in Hannover "Industry Connect" vor, ein privates Netz zum "Selbstbau" - empfiehlt aber, auf die Expertise der Netzbetreiber zu bauen. Denn jedes Netz braucht Verbindungen nach draußen.
Von der Hannover Messe berichtet
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Diese Kiste treibt die Schweißperlen auf die Stirn der Mobil­funk­netz­betreiber. "Out of the Box" (fertig aus der Schachtel) oder "Do-it-yourself" könnten Industrie­betriebe ihre eigenen Netze auf eigenen Industrie-Frequenzen aufbauen und die Netz­werk­ausrüster wie Ericsson (oder Nokia) liefern einfach so die passende Technik dafür.

Nicht überall, wo 5G draufsteht, ist auch 5G drin. Die Normung ist noch gar nicht soweit, um Industriewünsche zu erfüllen.
Nicht überall, wo 5G draufsteht, ist auch 5G drin. Die Normung ist noch gar nicht soweit, um Industriewünsche zu erfüllen.

Geschäftsmodell 5G?

Das mögliche Geschäftsmodell der Netzbetreiber für 5G setzte früh auf die produzierende Industrie. Bis Endkunden ("Consumer") sich in nennenswerten Stückzahlen für 5G interessieren, dürfte es noch einige Zeit dauern. Und bei allen neuen Technologien im Mobilfunk zahlen die "Early Adopters" zunächst einen spürbar höheren Preis, um "als Erste" dabei zu sein. Noch gibt es in Europa keine Tarifmodelle für 5G oder sie werden noch nicht verraten. Man braucht aber kein Prophet zu sein, um zu vermuten, dass die "5G-Option" zunächst eher in den höherpreisigen Tarifen zu finden sein dürfte, die Discounter werden 5G wohl erst bekommen, wenn 6G marktreif ist.

Nun also Industry Connect in Hannover: "Einfach zu implementieren, zu verwalten und zu nutzen durch IT- und Betriebstechnologie-Manager in industriellen Umgebungen" - damit wirbt Ericsson und fand erwartungsgemäß regen Zulauf. Und so geht es weiter: "Industry Connect bietet Konnektivität in der Fabrik und im Lagerhaus durch eine dedizierte zuverlässige und sichere Funkabdeckung, die eine hohe Endgerätedichte und vorhersagbare Latenz sicherstellt".

Noch gar kein echtes 5G

Nur: "Industry Connect" ist im Moment - genau wie bei den Kollegen von Nokia noch gar kein echtes 5G. Dafür soll es eine Vielzahl von industriellen Anwendungsfällen "basierend auf Mobilfunktechnologien, beginnend mit 4G/LTE ermöglichen" und erst "perspektivisch auch 5G", weil die Normungsspezialisten bei der 3GPP (Ursprünglich "3rd Generation Partnership Project", längst auch das Normungsgremium für 4G, 5G und demnächst 6G) noch gar nicht soweit sind.

Netz-Baukasten "Industry Connect"

Diese Kiste sorgt für schlaflose Nächte der Netzbetreiber. Kann die Industrie bald ihr 5G-Netz ganz alleine aufbauen?
Diese Kiste sorgt für schlaflose Nächte der Netzbetreiber. Kann die Industrie bald ihr 5G-Netz ganz alleine aufbauen?
Ericsson bietet für Industriebetriebe eine Art "schlüsselfertiges Do-it-yourself-Netz" an, was im Wesentlichen aus einem Schaltschrank mit allen notwendigen Baugruppen besteht. Es ist dafür gedacht, auf dem für Industriebetriebe reservierten Frequenzband 3,7 GHz verwendet zu werden. Im Gespräch mit den Ericsson-Vertretern wird aber eingeräumt, dass es sinnvoll sein kann, den Kontakt zu den örtlichen Netzbetreibern zu suchen, besonders wenn Produkte die Werkshallen verlassen und über öffentliche Netze weiter "betreut" werden sollen.

Im schönsten Marketing-Deutsch heißt das, "die digitale Transformation von Unternehmen hin zur Industrie 4.0" zu beschleunigen.

Viele Geräte, kurze Latenz

Die Technik soll eine sichere, zuverlässige Abdeckung mit vielen Endgeräten und vorhersagbarer Latenz bieten. Wenn ein Mitarbeiter oder ein Computer zum Beispiel einen Roboterarm steuert, muss er sich 100-prozentig darauf verlassen können, dass die Befehle "sofort" und nicht erst "Stunden später" oder gar nicht ausgeführt werden.

Industry Connect hat ein für IT- und Betriebstechnologie-Manager einfach zu bedienendes und zu verwaltendes Netzmanagement, was im Endeffekt bedeutet, dass die Unternehmen diese Technik zur Not auch ohne Hilfe der Netzbetreiber schnell einsatzbereit machen können.

Digitale Zwillinge

Nehmen wir an, am Ort A befindet sich ein kompliziertes Muster, das dort vermessen wird, und am weit entfernten Ort B dann produziert werden soll. Was sich trivial anhört, ist höchst komplex, weil eine Unmenge von Sensordaten übertragen werden müssen, damit die "Kopie" ein echter Zwilling und keine billige Kopie wird.

Wo es in "Mobile Augmented-" oder "Virtual-Reality" Prozesse geht, wo dem Arbeiter an einer Maschine beispielsweise wichtige Maschinendaten eingeblendet werden oder wo Flurförderfahrzeuge nicht mit anderen Fahrzeugen oder Menschen zusammen­stoßen sollen, sind sehr kurze Reaktionszeiten (Latenzen) unabdingbar. Mit Industrienetzen auf LTE oder später 5G-Basis soll das möglich werden. All das soll mit den Industrienetzen erreichbar werden.

Es muss einfach sein

Åsa Tamsons, SVP Business Area Technologies bei Ericsson erklärt, wie es zu "Industry Connect" kam: "Wir wollen die Anforderungen der Industriekunden an Geschwindigkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit erfüllen und es muss einfach installierbar und verwaltbar sein."

Offenbar hat Ericsson schon gemerkt, dass die Mobilfunknetzbetreiber "argwöhnisch" auf die neue Konkurrenz schauen und besänftigt: "Industry Connect" soll die Angebote der Mobilfunknetzbetreiber für Unternehmen um eine Lösung ergänzen, die leicht skalierbar ist. Das soll heißen, man kann sie um mehrere Module einer Art erweitern, wenn es notwendig sein sollte, z.B. weil eine größere Fläche oder mehr Nutzer versorgt werden müssen.

Industry Connect im Lastwagenbau

Der schwedische LKW-Hersteller Scania hat Industry Connect bereits in seinem Produktionslabor in Södertälje installiert. Roger Hartonen, Manager bei Scania, lobt die "hohe Qualität sowie die schnelle und sichere Konnektivität, die in unserem industriellen Umfeld ein absolutes Muss ist".

Pierce Owen, Analyst von ABI Research weiß, dass es technische Lösungen für private LTE-Netze schon seit einiger Zeit gibt, aber mit Industry Connect habe Ericsson diese Technik so stark vereinfacht, dass Unternehmen und Mobilfunknetzbetreiber die Vorteile von privatem LTE direkt in Fabriken und Lagerhallen bringen könnten.

Auf der Hannover Messe hat Ericsson übrigens in Zusammenarbeit mit Partnern auch gezeigt, welche 5G-Anwendungen in Aachen erfunden werden.

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