Ausspioniert

Die umstrittene, selbst gebastelte Handy-Tarnkappe im Test

Die Tarnkappe soll Unbefugte daran hindern, das Smartphone oder Handy zu orten. Die Tasche besteht aus einem speziellem Material, das angeblich das Mobilfunk-, WLAN- oder GPS-Signal abschirmt. Wir haben sie getestet.
Von Marleen Frontzeck-Hornke /

Selten wurde ein Artikel von uns so stark kritisiert wie der Anfang des Monats publizierte Beitrag: Handy-Tarnkappe selbst bauen: Mobiles Funkloch bietet Schutz. Das Spektrum der Kommentare reichte von: "April, April" über: "Ich glaub es ja nicht" bis hin zu: "So ein Schwachsinn. Kai, warum lässt Du so einen Artikel zu?".

Andere Kommentatoren blieben sachlich und forderten: "Teltarif sollte belegen, dass die selbstgebastelte Tasche tatsächlich gegen die elektromagnetischen Wellen ausreichenden Schutz bieten kann." Diesen Vorschlag haben wir gerne aufgenommen und eine Funkloch-Tasche selbst genäht sowie ausführlich getestet. Das Ergebnis lesen Sie im folgenden Artikel. So viel sei vorweggenommen: Die Handy-Tarnkappe funktioniert besser als viele Kommentatoren erwartet haben.

Aus = aus!?

Die Handy-Tarnkappe im Test mit dem Sony Xperia Z2 Die Handy-Tarnkappe im Test mit dem Sony Xperia Z2
Bild: teltarif.de - Marleen Frontzeck
Der zweite - und im Forum noch intensiver vertretene - Kritikpunkt war: "aus = aus": Ein abgeschaltetes Handy soll deswegen nicht ortbar sein, weil keine Funkchips mehr mit Strom versorgt werden. Wir haben mit einigen Sicherheitsexperten zum Thema Rücksprache gehalten. Diese kennen derzeit zwar keinen Fall, dass ein ausgeschaltetes Handy oder Smartphone geortet wurde, können aber auch nicht ausschließen, dass das künftig passiert. Dieser Meinung schließt sich der von den Lesern im Forum angesprochene Kai Petzke, Gründer und Chef von teltarif.de, an: "Angesichts der vielen (Funk-)Schnittstellen und Funktionen moderner Smartphones kann ich tatsächlich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass diese frei von versehentlich eingebauten Schwachstellen oder gar im Auftrag von Geheimdiensten implementierten Hintertüren sind, die auch und gerade im 'ausgeschalteten' Zustand nicht doch eine Identifikation, Ortung oder gar Kommunikation mit dem Smartphone ermöglichen."

Mögliche Gründe und Wege, warum es künftig sogar zur Ortung von abgeschalteten Handys kommt, haben wir am Ende dieses Artikels zusammengefasst. Zunächst widmen wir uns aber dem Nähen und dem anschließenden Testen der eigentlichen Tarnkappe.

Wir haben die Tarnkappe nachgebaut

Die Idee zur Tarnkappe stammt von dem Künstler Aram Bartholl, der eine Anleitung zum Basteln der Handy-Tarnkappe auf der Webseite killyourphone.com zur Verfügung stellt.

Die Tarnkappe soll Unbefugte daran hindern, das Smartphone oder Handy zu orten, sofern die Nummer bekannt ist. Die Tasche besteht aus einem speziellem Material, das angeblich das Mobilfunk-, WLAN- oder GPS-Signal abschirmt. Wie eingangs geschrieben, wollten wir nun sehen, ob die Tarnkappe wirklich funktioniert und die Funkwellen bei unseren Smartphones geblockt werden. Dazu haben wir uns das Material HNV80 besorgt und die Tasche nachgebaut. Dabei handelt es sich um feines metallisiertes Nylonvlies, den sogenannten HF-/NF-Stoff, der hochfrequente elektromagnetische Felder (HF) und niederfrequentere elektrische Wechselfelder (NF) abschirmt. Der Stoff hat den Angaben zufolge eine Schirmdämpfung von 87 dB, wir haben das Material zweilagig verwendet, laut Hersteller soll dadurch eine Schirmdämpfung von 127 dB erzeugt werden. Die Dicke des einlagigen Materials beträgt 0,15 Millimeter. Für einen Quadratmeter des Vlies, aus dem mit etwas Materialüberschuss sechs der unten dargestellten, für ein kleines Tablet reichenden Tasche geschneidert werden können, haben wir inklusive Versand 26,79 Euro bezahlt, entsprechend 4,47 Euro pro Tablet-Tasche.

Im Video: So wird aus einem Stück Stoff die Tasche

Anders als der Künstler haben wir uns vorgenommen, die Tasche etwas größer zu gestalten, damit auch ein kleines 7- oder 8-Zoll-Tablet reinpasst. Für die Tasche haben wir uns ein 32 mal 48 Zentimeter messendes Stück aus dem Stoff geschnitten und es anschließend zweimal so gefaltet, dass wir nur noch zwei Seiten nähen mussten. Den Stoff haben wir dann mit zwei zusätzlichen Stecknadeln fixiert, damit nichts auseinander rutscht. Im nächsten Schritt haben wir versucht, die Handy-Tasche mit einer herkömmlichen Nähmaschine zu nähen, mussten im Einsatz aber schnell feststellen, dass diese nicht dem metallisierten Nylonvlies gewachsen ist. Schließlich haben wir die Tarnkappe per Hand mit einem dickeren Faden genäht. Das war aber schon etwas mühsam, da das Vlies nicht gut nachgibt und die Nadel immer wieder vom Stoff abrutscht. So mussten wir die Löcher für den Faden zunächst gezielt stechen, um dann den Faden mit der Nadel durchziehen zu können.

Nach dem Zunähen von zwei Seiten verbleibt nur noch eine Öffnung auf der oberen Seite. In diese wird das gewünschte Handy oder Smartphone gelegt. Um auch die obere Seite sicher abzuschließen, wird das Vlies an der offenen Seite nach dem Einlegen des Geräts zweimal umgeschlagen und anschließend mit einer Büroklammer oder einem ähnlichen Gegenstand zugehalten. Unsere Tasche misst nun 16 mal 24 Zentimeter und und hat zusammengedrückt eine Dicke von 0,6 Millimeter (da vierlagig). Nun können wir im nächsten Schritt schauen, ob die Tarnkappe das macht, was sie soll.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, mit welchen 13 Smartphones wir die Tarnkappe beim Mobilfunk-Empfang getestet haben und welche Szenarien wir dafür durchgespielt haben.

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