Rüge

GSMA: Nachhilfe für deutsche Politiker in Ausbreitungs-Physik

Das gibt es selten: Ein Weltverband nimmt zu den Regulierungs-Vorgängen in einem Land deutlich Stellung. Ein GSMA-Direktor erteilt der deutschen Politik Nachhilfe in Ausbreitungs-Physik.
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In die aktuelle Diskussion um 5G in Deutschland hat sich jetzt der Mobilfunk-Weltverband GSMA eingemischt. Zwar begrüßt die GSMA die 5G-Frequenzvergabe in Deutschland, warnt aber vor "unnötigen Auflagen".

GSM begrüßt Frequenzvergabe im C-Band

Für den Weltverband ist 5G zu wichtig, um durch nationale Regulierungswut behindert zu werden.Für den Weltverband ist 5G zu wichtig, um durch nationale Regulierungswut behindert zu werden. Die GSMA ist der Ansicht, dass die Lizenzbedingungen der bevorstehenden Vergabe die erfolgreiche Einführung von 5G für Mobilfunkkunden und Unternehmen behindern könnten. Im Detail begrüßt die GSMA die Entscheidung der Bundesnetzagentur, das gesamte 3,4- bis 3,8-GHz-Band (sogenanntes "C-Band") freizugeben, das für die Einführung der nächsten Mobilfunkgeneration (5G) unerlässlich sei. Die frühzeitige Bereitstellung des gesamten Frequenzbandes sei ein Beleg "für den Willen Deutschlands, bei 5G eine Führungsrolle in Europa und weltweit zu übernehmen". Die GSMA warnt jedoch davor, dass einige der derzeit vorgeschlagenen Bedingungen für die Zuteilung dieses wichtigen Frequenzbandes die 5G-Zukunft von Deutschland verzögern könnten.

Schnelle 5G-Netze sind wichtig

"Schnelle 5G-Netze werden weltweit die Grundlage für die branchenübergreifende Digitalisierung der Wirtschaft sein." Unnötige Auflagen, würden dazu führen, dass Mobilfunknetzbetreiber ihr Potenzial und ihre Fähigkeiten beim Aufbau von 5G nicht voll einbringen können, und stellten ein Risiko für alle dar – für Industrie und Bürger gleichermaßen.

Mats Granryd, Generaldirektor der GSMA geht ins Detail: „Das Frequenzband von 3,4 bis 3,8 GHz ist essentiell für 5G. Mit der frühzeitigen Bereitstellung dieses Spektrums nimmt Deutschland eine Führungsrolle bei 5G ein, riskiert aber mit unnötigen Auflagen auch seine 5G-Zukunft“, sagte er in London. „Frequenzen sind eine begrenzte Ressource, die so effizient wie möglich genutzt und verwaltet werden sollte, damit künftig alle von 5G profitieren.“

Der studierte Maschinenbau-Ingenieur Granryd ist nicht nur bei der GSMA in leitender Position, sondern auch Direktor der Swedbank AB, und war in leitender Position beim Netzwerkausrüster Ericsson und dem schwedischen alternativen Netzanbieter Tele2.

Widerspruch zur Physik

Mats Granryd, Generaldirektor des Mobilfunkdachverbandes GSMA kennt sich als Banker und langjähriger Manager bei Ericsson und Tele-2 bestens aus.Mats Granryd, Generaldirektor des Mobilfunkdachverbandes GSMA kennt sich als Banker und langjähriger Manager bei Ericsson und Tele-2 bestens aus. Für ihn stehen zum Beispiel die vorgeschlagenen Versorgungsauflagen für das 3,6-GHz-Band im Widerspruch zu physikalischen Gesetzen, die die Ausbreitungscharakteristiken von Funkwellen im mittleren Frequenzbereich bestimmen. Diese Frequenzen bieten zwar eine hohe Kapazität, können aber nur relativ kleine räumliche Bereiche abdecken. Für eine großflächige Abdeckung sei dieses Band im Gegensatz zu Bändern mit niedrigeren Frequenzen nicht geeignet.

Um eine flächendeckende Versorgung der ländlichen Gebiete mit Mobilfunkdiensten zu gewährleisten, sei eine Kombination verschiedener Frequenzbereiche unerlässlich. Daher sollten die Versorgungsauflagen die Möglichkeit vorsehen, alle zur Verfügung stehenden Frequenzen zu nutzen, um die diskutierten ehrgeizigen Abdeckungsziele zu erreichen und die bestmögliche Dienstqualität für Mobilfunkkunden und Industrie zu gewährleisten. Gleichzeitig sollten die Auflagen aber auch realistisch sein und die Mobilfunknetzbetreiber nicht überfordern.

Gegen Roamingverpflichtung

Neben den Versorgungsauflagen gebe es nach Ansicht der GSMA noch weitere Bedingungen für die Vergabe, die von der Bundesnetzagentur überprüft werden sollten. Der aktuelle Vorschlag, der die Möglichkeit von Roaming- oder Vorleistungsverpflichtungen für das 3,4- bis 3,7-GHz-Band enthält, stelle eine Kehrtwende gegenüber der jüngsten Position der Bundesnetzagentur dar und führe zu einer als kritisch zu bewertenden Unsicherheit für die Netzbetreiber, die in den Aufbau von 5G-Netzen in Deutschland investieren wollten.

Lizenzkosten vs. Netzqualität

Die Bundesnetzagentur sollte ebenfalls dringend die Auswirkungen berücksichtigen, die hohe Mindestlizenzkosten und Gebühren auf den Markt haben. Auswertungen der GSMA zu Lizenzkostengestaltung bei Frequenzvergaben zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen hohen Lizenzkosten und schlechterer Versorgung sowie teureren und qualitativ schlechteren mobilen Breitbanddiensten, die zu Lasten der Akzeptanz der neuen Dienste gehen. Angesichts dieser Zusammenhänge sollten die Mindestlizenzkosten für die bevorstehende Frequenzzuteilung in Deutschland so niedrig ausfallen, dass letztendlich der Markt den Wert des Spektrums bestimmen kann.

Die GSMA gibt sich "fest davon überzeugt", dass eine partnerschaftliche Zusammenarbeit von Wirtschaft, Regierung und Gesellschaft in allen Bereichen für den effizienten und effektiven Aufbau von 5G-Netzen entscheidend ist, um einen echten Mehrwert für alle zu schaffen. Daher fordert die GSMA die Bundesnetzagentur konkret dazu auf, die aktuell geplanten Lizenzauflagen für das 3,4- bis 3,8-GHz-Band zu überdenken und stattdessen Vergabebedingungen festzulegen, die durch eine effektive Verwaltung der Frequenzen seinen Bürgern und seiner Wirtschaft zum Vorteil gereichen.

Wer ist die GSMA?

GSM steht für Global Standard for Mobile Communications und die GSMA vertritt die Interessen nahezu aller Mobilfunkbetreiber weltweit, also mehr als 750 Netzbetreiber und über 350 Unternehmen im gesamten "mobilen Ökosystem", darunter auch Hersteller von Mobiltelefonen und Geräten, Softwareunternehmen, Geräteanbieter und Internetunternehmen sowie Organisationen in angrenzenden Branchen. Die GSMA organisiert auch die branchenführenden Mobile World Congress Veranstaltungen, die jedes Jahr in Barcelona, Los Angeles (USA) und Shanghai (China) stattfinden, sowie die Regionalkonferenzen der „Mobile 360 Series“

Dass sich die weltweit aktive GSMA so deutlich zu einem nationalen Verfahren zu Wort meldet, ist mehr als ungewöhnlich. Ob und inwieweit sich die Berliner Politik davon beeindrucken lässt, ist derzeit schwer abzuschätzen.

Auf jeden Fall drohen mittlerweile auch die deutschen Netzbetreiber mit Klagen gegen die 5G-Vergaberegeln.

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