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Schweiz: Sunrise schaltet 2G vorerst doch nicht ab

In der Schweiz galt als Abschalttermin für 2G (GSM) das Jahr 2020. Dann kündigte Sunrise an, schon Ende dieses Jahres mit 2G aufhören zu wollen. Jetzt bleibt 2G vorerst online.
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Während heftig über 5G diskutiert wird, ist die Zukunft für 2G oder 3G etwas in den Hintergrund gerückt. 2G oder GSM wurde in Europa ab dem Jahre 1991 testweise eingeführt. Kommerziell ging GSM in Deutschland und der Schweiz beispielsweise ab 1992 mit Kunden an den Start.

America first

In den USA ist man schon weiter. Dort hat der Netzbetreiber AT&T sein GSM-850-/1900-Netz inzwischen bereits abgeschaltet. In Europa gab es auch schon Ankündigungen, so wollte der Schweizer Netzbetreiber Sunrise GSM bereits Ende dieses Jahres ausknipsen und sich voll auf 3G und 4G konzentrieren, Marktführer Swisscom und der dritte Schweizer Anbieter "Salt" (früher Orange) planen das Ende von GSM wohl für 2020.

2G darf (vorerst) weiterleben

Aktueller Sendemast von Sunrise (unten links schon mit 5G) fotografiert beim Standort OerlikonAktueller Sendemast von Sunrise (unten links schon mit 5G) fotografiert beim Standort Oerlikon Doch so schnell, berichtet es die Schweizer Boulevardzeitung "Blick", und so wurde es uns von Sunrise auch auf Anfrage bestätigt, wird GSM nun doch nicht abgeschaltet.

Der Grund ist der folgende: Offenbar gibt es (nicht nur in der Schweiz) viel mehr GSM-Nutzer, als man gemeinhin denkt. Das sind zum Teil die Fans von alten Schätzen (oft von Nokia) die nicht bereits nach einem halben oder spätestens ganzen Tag nach einem Ladegerät rufen, sondern mit einer Akkuladung gut eine Woche auskommen können.

Die Zeit vor iPhone, Android & Co.

Das hat "Blick" richtig erkannt: "Es gab eine Zeit vor iPhone, Android und Co.". Die Schweizer telefonieren gerne mit ihrem "Natel". "Natel" war/ist ursprünglich ein Markenname der Swisscom, heute für die Schweizer Inbegriff von Mobiltelefonen schlechthin, wie hierzulande "Tesa" für Klebefilm oder "Tempo" für ein Papiertaschentuch.

2G-Handys der Marken Nokia, Motorola, Siemens oder Ericsson waren nicht nur in der Schweiz sehr populär. Die Marke "Nokia" gibt es wieder (Nokia von HMD Global), Motorola gehört heute zu Lenovo, der Hersteller Ericsson konzentriert sich heute auf Netzwerkausrüstung wie Sender, Vermittlungsrechner und Antennen, Handys stellen sie keine mehr her. Und Siemens hat seine Handysparte verkauft. Am ehemaligen Siemens-Standort in Bocholt stellt das Unternehmen Gigaset heute wieder Smartphones "made in Germany" her.

Damals in der "goldenen Zeit" des Handys gabs noch gar keine Apps, dafür SMS (Kurzmitteilungen) und kleine Bildchen via SMS-Grafik oder später MMS. Wer es sich leisten konnte oder wollte, kam schon damals "ultra-langsam" ins Internet.

Sunrise wollte Ende des Jahres 2G/GSM abschalten

Sunrise wollte "die veraltete 2G-Technologie (GSM/GPRS/EDGE)" zum Jahresende abschalten, denn "mittlerweile ist der größte Teil der Privat- und B2B-Kunden mit 3G/4G-fähigen Geräten ausgerüstet und können somit von den neuen Technologien profitieren. Sunrise deckt mit 4G über 95 Prozent der Schweizer Landesfläche und mit 3G/4G über 99,9 Prozent der Schweizer Bevölkerung ab."

Doch als das Boulevard-Blatt seinen Lesern die Abschaltung von GSM (2G) genauer erklärte bekamen viele Anwender einen Schreck: Ihre Uralt-Handys können oft nur 2G.

Daneben gibt es noch sehr viele Industrieanwendungen, wo Signale von kleinen Modulen übertragen werden, sogenannte M2M-(Maschine-zu-Maschine)-Module, die unter dem aktuellen Begriff IoT (Internet of Things) gerade richtig in Mode kommen. Die älteren Module funken aber nur in 2G, also "GSM/GPRS/EDGE only" auf 900 oder 1800 MHz. Sie beherrschen vielleicht noch E-GSM (erweiterte 900er-Frequenzen), seltener bis gar nicht 3G (UMTS), geschweige denn 4G (LTE). Solche Module wurden in Verkehrsampeln, Straßenbahn-Weichen, Alarmanlagen oder auch in Containern und vielen Autos eingebaut. Da reicht es, den Status und andere wichtige Ereignisse per Kurzmitteilung oder langsamer Datenverbindung an die jeweiligen Steuerungsrechner zu melden. In vielen Wohnungen schlummern GSM-Module an Heizkörpern oder im Heizungsraum, um die Energieverbräuche an die Hausverwaltungen oder Abrechnungsunternehmen zu übermitteln.

Das ist übrigens auch der Grund, warum beispielsweise in Deutschland weder Telekom, Vodafone noch Telefónica (o2) an eine frühzeitige Abschaltung von 2G denken, sondern eher Pläne schmieden, wann 3G verschwinden könnte.

Die Lösung: Schlaue Software

Zurück in die Schweiz: Sunrise wird sein GSM-Netz zu Weihnachten nicht ausschalten, sondern steigt von antiker Hardware auf eine moderne Software-Lösung um, welche der Netzwerklieferant Huawei bereitstellt. Fachleute reden von NFV (virtuelle Netzwerkfunktionen) oder S-RAN (Single-RAN, ein Funkmodul in der Basisstation, das 2G, 3G, 4G oder demnächst auch 5G sprechen kann).

Sunrise formuliert das so: "Für gewisse B2B-Kunden, die ihre M2M-Dienste auf 2G betreiben, haben wir zusammen mit unserem Technologiepartner Huawei eine Softwarelösung entwickelt, die es erlaubt, 2G weiter zu betreiben. Je nach Anforderung der betreffenden B2B-Kunden (Größe der Unternehmung, Region, M2M-Lösung, zusätzliche Installationen nötig, etc.) ist diese Lösung als kostenpflichtige Dienstleistung verfügbar. Diese Software wird schrittweise auf dem Sunrise-Netz in der ganzen Schweiz ausgerollt. Dank dieser Software kann Sunrise 2G weiterführen (auch für Privatkunden) und die freiwerdenden Bandbreiten können für 4G genutzt werden." Eine klassische Win-Win-Situation also.

Werden Swisscom oder Salt 2G bis Ende 2020 abschalten?

Swisscom-Sprecher Armin Schädeli hat auf Anfrage von "Blick" erklärt, dass man "ineffiziente Technologien wie den über 25-jährigen Mobilfunkstandard 2G" bis Ende 2020 abschalten werde. Wie das genau vor sich gehen könnte, scheint noch nicht bis ins letzte Detail geklärt zu sein. "Es wird aber vorerst kein Abbau von Antennenelementen geben. Im Rahmen der ständigen Erneuerung des Mobilfunknetzes kann es sein, dass ältere Hardware durch neue Hardware ersetzt wird".

Nicht undenkbar, dass auch Swisscom auf die Software-Lösung setzt, zumal Systemlieferant Ericsson das ebenfalls im Programm haben dürfte. Offiziell hieß es dazu: "Die Swisscom wirde aber ihre Kunden beim Technologie-Umstieg beraten".

Die Software-Lösung ist elegant, da sie mehr Flexibilität erlaubt. Welches Übertragungsprotokoll über einen Sender ausgestrahlt wird, wird dann von der Netznutzung und Belastung abhängen. Es muss kein Techniker rausfahren und irgendwas an der Station einstellen oder Antennen neu justieren oder ähnliches. Die Entscheidung kann ein Algorithmus in einer Software übernehmen.

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