Themenspezial: Verbraucher & Service Google

10 Jahre Street View: Zwischen Verpixelung & Datenschutz

Googles StreetView star­tete vor zehn Jahren in Deutsch­land. Die bunten Kamera-Autos führten zu einer scharfen Daten­schutz-Debatte.

So sieht ein Google Kamera-Auto aus So sieht ein Google Kamera-Auto aus
Bild: teltarif.de
Die bunten Google-Autos mit den auffäl­ligen Kamera-Aufbauten fahren inzwi­schen in rund 90 Ländern der Erde herum. Millionen von Panora­maauf­nahmen ermög­lichen es Google, in seinen Karten eine virtu­elle Umge­bung anzu­bieten. Fast 20 Millionen Kilo­meter haben die Wagen abge­fahren.

Google Street View umfasst aber auch Ansichten der Unter­was­ser­korallen von West Nusa Teng­gara in Indo­nesien oder im ameri­kani­schen Natur­wunder Grand Canyon. Auf den Straßen hier­zulande wurden die Kamera-Wagen aller­dings schon lange nicht mehr gesehen. Im Panora­madienst von Google besteht Deutsch­land vor allem aus weißen Flecken. Und dort, wo etwas zu sehen ist, wurden die Bilder seit 2011 nicht mehr aktua­lisiert.

Google Street View ging in Deutsch­land vor zehn Jahren an den Start

So sieht ein Google Kamera-Auto aus So sieht ein Google Kamera-Auto aus
Bild: teltarif.de
20 große Städte sollten am 18. November 2010 den Anfang machen, klei­nere schnell folgen. Doch der Ausbau kam bald ins Stocken, weil sich an dem Dienst die schärfste Daten­schutz-Debatte seit dem Streit um die Volks­zäh­lung Anfang der acht­ziger Jahre entsponnen hatte.

Die dama­lige Verbrau­cher­schutz­minis­terin Ilse Aigner (CSU) malte mögliche Konse­quenzen in düsteren Farben an die Wand: "Ich kann mir anhand von solchen Diensten anschauen, wo und wie jemand lebt, welche privaten Vorlieben er oder sie hat, wie seine Haustür gesi­chert ist oder welche Vorhänge an den Fens­tern sind - und das ist noch das Wenigste." Damit werde das Private ohne Schutz­mög­lich­keiten in die globale Öffent­lich­keit gezerrt.

Der Digi­tal­ver­band Bitkom spricht rück­bli­ckend von "Aufre­gung und auch Hysterie", die damals geherrscht habe. Jahr­zehn­telang sei die Veröf­fent­lichung von Bildern des öffent­lichen Raums erlaubt und üblich gewesen. "Jetzt sollte dies speziell mit Blick auf Karten­dienste verboten werden, ein eigenes Gesetz wurde ange­kün­digt", erin­nert sich Bitkom-Haupt­geschäfts­führer Bern­hard Rohleder.

Der Bitkom kriti­siert noch heute, der Druck von Daten­schüt­zern habe dafür gesorgt, dass bei Verpi­xelungen alle Bilder des entspre­chenden Gebäudes oder Gebäu­deteils von den Diens­tean­bie­tern dauer­haft und endgültig gelöscht werden mussten. "Das hat unter anderem zur Folge, dass die Aufnahmen zum Beispiel nach Mieter- oder Eigen­tümer­wech­seln nicht wieder­her­gestellt werden können."

Kame­rawagen griffen Daten aus WLAN-Netz­werken auf

Der dama­lige Bundes­daten­schutz­beauf­tragte Peter Schaar sieht heute den Start von Google Street View als einen Punkt, an dem sehr viele Menschen zum ersten Mal gemerkt hätten, dass sie sich nicht einfach vom Internet abkop­peln könnten. "Sie mussten erkennen, dass die Digi­tali­sie­rung sie erfasst, völlig unab­hängig davon, ob sie nun selbst einen Computer haben oder nicht, ob sie digital affin sind oder ob sie voll noch im analogen Zeit­alter stehen."

Schaar erin­nert daran, dass Google sich damals einen gravie­renden Fehl­tritt leis­tete: Die Kame­rawagen griffen damals auch Daten aus unge­schützten WLAN-Netzen auf. Google sprach von einem Fehler eines Entwick­lers. Schaar hält das für eine Schutz­behaup­tung. Dass Google sich für die WLAN-Erfas­sung entschul­digt habe, erin­nere an das Verhalten beim Diesel­skandal. "Die ille­galen Abschalt-Einrich­tungen hat man auch auf ein Fehl­ver­halten einzelner Inge­nieure zurück­geführt."

Trotz der scharfen Kritik an dem Google-Dienst glaubt selbst Daten­schützer Schaar, dass es viel gravie­ren­dere Eingriffe in die Privat­sphäre gibt als Street View. "Ich meine damit das Daten­sam­meln, das sozu­sagen unbe­merkt hinter dem Bild­schirm geschieht. Wenn ich surfe, wenn ich mich digi­taler Dienste oder Apps bediene, ist meine Privat­sphäre im Zweifel stärker bedroht, als wenn Häuser­fas­saden abfo­togra­fiert und diese Aufnahmen im Internet verbreitet werden."

Haus­halte bean­tragten "Verpi­xelung"

Gestartet war Street View im Mai 2007 zunächst in den USA. Google erkannte schnell, dass mensch­liche Gesichter und Auto-Kenn­zei­chen auto­matisch unkennt­lich gemacht werden sollten. Lange kontro­vers disku­tiert wurde, ab auch Häuser­fas­saden mit einem virtu­ellen Schleier über­zogen werden sollten - und wer darüber zu entscheiden hat: Eigen­tümer oder aktu­elle Bewohner. Am Ende einer quälend langen Debatte um eine "Pixel-Burka" durften das beide Gruppen.

In Deutsch­land bean­tragten damals 244.000 Haus­halte, ihre Wohn­häuser unkennt­lich zu machen. Google betonte damals, knapp drei Prozent der Haus­halte hätten eine Verpi­xelung bean­tragt. Der Aufwand dafür war aber offenbar so groß, dass Google auf weitere Kame­rafahrten verzich­tete. Nur zu klei­neren Pres­tige-Projekten wie der Erkun­dung der Münchner Allianz-Arena oder der Elbphil­har­monie in Hamburg wurden die Street-View-Kameras noch einmal aus dem Schrank geholt.

Dennoch fahren noch ständig Autos auf deut­schen Straßen, die ihre Umge­bung erfassen. Sie stammen von Karten-Spezia­listen wie TomTom oder Here sowie Tech-Konzernen wie Apple und auch Google. "Zweck ist nun nicht mehr, eine Karte zu zeichnen oder eine virtu­elle Welt zu gene­rieren, die sich der Mensch anschauen kann", erläu­tert der Unter­neh­mens­berater Kersten Heineke, der als Partner bei McKinsey das Center for Future Mobi­lity in Europa leitet. Es gehe viel­mehr darum, Hoch­prä­zisi­ons­karten zu gene­rieren, die von Maschinen gelesen werden können und das auto­nome Fahren möglich machen.

Digi­tali­sie­rung und Daten­schutz gehörten zusammen

Daten­schützer Schaar plädiert nun dafür, auch für die neue digi­tale Mobi­litäts­welt ein Regel­werk zu defi­nieren, bei dem die Privat­sphäre gewahrt bleibt. "Digi­tali­sie­rung kann nur dann letzt­lich erfolg­reich und nach­haltig sein, wenn dort Akzep­tanz und Vertrauen vorhanden sind. Das war vor zehn Jahren bei Google Street View nicht der Fall."

Digi­tali­sie­rung und Daten­schutz gehörten zusammen und sollten eigent­lich keine Gegner sein, meint er. Google Street View sei aber auch ein Beispiel dafür, dass man Lösungen finden könne, Digi­tali­sie­rung und Daten­schutz mitein­ander zu verbinden. "Ob die gefun­dene Lösung, bestimmte Aufnahmen zu verpi­xeln, wirk­lich so weise war, darüber kann man natür­lich nach wie vor streiten."

Bitkom-Haupt­geschäfts­führer Rohleder bedauert bis heute, das online aktu­elles Bild­mate­rial fehle, etwa für Notfal­lein­sätze der Feuer­wehr. "Wir hoffen, dass Deutsch­land Schritt für Schritt zu einem neuen Umgang mit Karten­diensten findet und auch im Internet öffent­lich gezeigt werden kann, was ohnehin öffent­lich ist: der öffent­liche und für alle zugäng­liche öffent­liche Raum."

Bislang bietet Google Photos noch die Möglich­keit, Aufnahmen unli­mitiert im Cloud-Spei­cher abzu­legen. Das wird sich im kommenden Jahr ändern. Mehr zu dem Thema lesen Sie in einer weiteren News.

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