Härte gefordert

Editorial: Was machen gegen Hass und Falschmeldungen im Netz?

Fake-Nachrichten-Sites den Geldhahn zudrehen? Postings löschen? Und wer kontrolliert dann den Kontrolleur? Oder gibt es bessere Möglichkeiten, die Hass- und Lügenwelle zu stoppen?
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Seit Jahren wird darüber diskutiert, was gegen Hass und Hetze im Internet, insbesondere in sozialen Netzwerken, getan werden kann. Oft wird dabei gefordert, dass insbesondere Facebook Postings mit radikalen Ansichten schneller löscht als bisher. Nach einschlägigen Anzeigen wird zudem wegen Beihilfe zur Volksverhetzung gegen Facebook-Manager ermittelt.

Getan hat sich jedoch so gut wie nichts. Wer bei Facebook nach "Zigeuner", "Neger" oder "Kanake" (Wörter bewusst gewählt) sucht, darf sich weiterhin wundern, was selbst vermeintlich harmlose Zeitgenossen alles so an Hasstiraden von sich geben. Und es sind bei weitem nicht nur "Biodeutsche", die sich mit stark emotionalen Äußerungen hervortun. Ausländer aus Land 1 gegen Ausländer aus Land 2 führen sich oft noch schlimmer auf.

Spätestens seit dem US-Wahlkampf ist noch das Problem der gezielten Falschmeldungen hinzugekommen. Diese enthalten keinen offensichtlichen Hass, beziehen sich aber auf aktuell vieldiskutierte Themen und sprechen die Gefühle der Menschen stark an, so dass sie sich viral zigtausend- oder gar millionenfach weiterverbreiten. Von Facebook, Twitter und Co. schaffen es diese Meldungen dann manchmal sogar in die klassischen Medien, wenn sie von Redakteuren ungeprüft übernommen werden. Aber selbst, wenn die Medien gut reagieren und eine grassierende Falschmeldungen sofort richtigstellen: Der Schaden ist dann bereits längst passiert, und nur ein Bruchteil der Empfänger der Falschmeldung wird die Richtigstellung überhaupt lesen.

Was ist überhaupt richtig?

STOPP Es ist kein Wunder, dass es gegen Falschmeldungen immer wieder die Forderung nach Zensur gibt. Facebook und Co. sollen diese bitteschön löschen. Doch zum einen kommen die sozialen Netzwerke diesen Aufforderungen, wenn überhaupt, dann nur träge nach. Und zum anderen stellt sich immer die Frage: Was ist wahr? Und was ist offensichtlich falsch?

Dennoch haben Facebook und Google in Sachen Falschmeldungen jüngst ungewöhnlich stark reagiert: Sie haben Sites, die solche gezielt verbreiteten, durch Rauswurf aus den Werbenetzwerken den Geldhahn zugedreht. Die Maßnahme erscheint auch erstmal angemessen. Doch nach welchen Kriterien entscheiden die beiden großen online-Anbieter, die zusammen ca. zwei Drittel des online-Werbemarktes kontrollieren, welche Sites diese Strafe ereilt und welche nicht? Was ist überhaupt eine absichtliche Falschmeldung?

Es passiert leider zuhauf im politischen Prozess, dass Fakten verdreht und durcheinandergeworfen werden. Am Ende ist es kaum noch möglich, die Wahrheit herauszufinden. Aber auch bei einigen Streitfragen zwischen Religion und Wissenschaft stehen von vielen als richtig erachtete Glaubensdogmen auf der einen und als gesichert geltende wissenschaftliche Erkenntnisse auf der anderen Seite unvereinbar gegenüber. Wer hat Kennedy ermortet? Wer hat Schuld am Syrien-Krieg? Wer hat den Flug MH-17 abgeschossen, bzw. wurde dieser überhaupt abgeschossen? Ist die Evolutionstheorie richtig oder der Kreationismus? Gibt es einen menschengemachten Klimawandel? All das sind Fragen, auf die man in der Bevölkerung und in den Medien sehr unterschiedliche Antworten finden wird. Doch eigentlich kann nur jeweils eine der möglichen Antworten stimmen.

Wer entscheidet nun, was die richtige Antwort auf die vorgenannten Fragen ist? Google und Facebook, die schon beim Ausfiltern offensichtlicher Hass-Kommentare scheitern, können diese Fragen bestimmt nicht alle beantworten. Man bedenke zudem, dass es selbst innerhalb einer wissenschaftlichen Disziplin viele zentrale Fragen gab und gibt, die über längere Jahre und Jahrzehnte hinweg umstritten waren. So hat Albert Einstein nie den Physik-Nobelpreis für die Relativitätstheorie erhalten, obwohl er mit dieser die Physik revolutioniert hat und die Allgemeine Relativitätstheorie bis heute unverändert Bestand hat. Aber zu Einsteins Zeit war dieser große Erfolg seiner Theorie eben noch nicht absehbar. Stattdessen erhielt Einstein den Physik-Nobelpreis für wichtige Anstöße zur Quantentheorie - einer Theorie, deren Gültigkeit er später mit dem berühmten Satz: "Gott würfelt nicht" in Frage stellte.

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