Roboterautos

Google: Es wäre dumm, die Autobauer zu kopieren

Google will die Autobauer nicht kopieren, sondern mit ihnen kooperieren, um autonome Fahrzeuge zu entwickeln. Googles Auto-Projektchef Chris Urmson erklärte im Rahmen der IAA, wie er sich die Zukunft des Fahrens vorstellt.
Von dpa / Marie-Anne Winter
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dpa: Und ist es auch kein Problem, dass ein selbstfahrendes Fahrzeug vorsichtiger und verantwortungsvoller fährt als menschliche Fahrer daneben? Urmson: Ich sehe kein Problem darin. Es ist aber auch eine gesellschaftliche Frage. Unsere Autos halten sich eben an die Geschwindigkeits-Vorgaben. Wenn unser Auto an einer Schule vorbeifährt, wo die erlaubte Höchstgeschwindigkeit 25 Meilen pro Stunde beträgt, fährt es nicht schneller. Menschen könnten dort auch mit 35 oder 40 Meilen pro Stunde unterwegs sein - und manche ärgern sich, wenn sie unserem Auto hinterherschleichen. Aber für mich ist es besser, wenn ein Auto korrekt und verantwortungsvoll fährt.

dpa: Derzeit gibt es viele Diskussionen über ethische Fragen der Software, etwa, wenn das Auto bei einem unvermeidbaren Unfall entscheidet, mit wem es kollidiert. Wie denken Sie darüber? Google-Autoprojekt-Leiter Chris Urmson auf der IAAGoogle-Autoprojekt-Leiter Chris Urmson auf der IAA

Urmson: Es ist sehr wichtig, über diese Frage nachzudenken. Wir glauben zwar, dass wir viele dieser Situationen vermeiden werden, in denen man nicht gewinnen kann. Aber unweigerlich wird es einige geben. Die richtige Lösung ist, offen zu sagen, wie das Auto vorgehen wird. In unserem Fall versucht das Auto zuallererst, Fußgängern und Radfahrern auszuweichen. Dann vermeidet es den Kontakt mit anderen fahrenden Fahrzeugen. Und erst an dritter Stelle kommen stillstehende Objekte wie Bäume.

dpa: An einem gewissen Punkt wird also ein Algorithmus entwickelt, der darauf getrimmt ist, den Verlust menschlicher Leben zu minimieren?

Urmson: Es geht darum, das beste aus einer Situation zu machen. Was bei diesem Thema oft vergessen wird: Ein Mensch am Steuer trifft heute in Unfallsituationen oft keine Entscheidungen auf Basis hoher moralischer Überlegungen. Dafür ist einfach die Zeit zu knapp. Es sind instinktive Reaktionen, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein können. In unserem Fall können wir erklären, welche Prioritäten das System setzt und die Menschen können entscheiden, ob sie die Autos nutzen möchten.

Die großen Herausforderungen

dpa: Was sind die großen noch ungelösten Herausforderungen beim autonomen Fahren?

Urmson: Für uns ist es derzeit, noch robuster und zuverlässiger zu werden. Das System funktioniert, wir fahren jede Woche 10 000 Meilen damit. Die Frage ist, wie findet man die Balance, dass es vorsichtig genug ist, um Unfälle zu vermeiden, aber zugleich flüssig unterwegs ist - alles mit dem Ziel, einen höheren Sicherheitsstandard als bei menschlichen Fahrern zu erreichen.

dpa: Was ist mit Regen und Schnee?

Urmson: Wir kommen ja aus Kalifornien, wo das Wetter eher sehr freundlich ist. Im Moment konzentrieren wir uns darauf, dass die Autos unter diesen Bedingungen gut funktionieren. Aber wir sehen keine grundsätzlichen Herausforderungen auch bei schlechterem Wetter.

dpa: Ihre Autos sind bisher nur in der Google-Heimatstadt Mountain View und Austin in Texas unterwegs. Wie lange dauert es, eine neue Stadt zu erschließen?

Urmson: Unsere Fahrzeuge greifen auf Karten-Daten zurück. Also müssen wir erst die Straßen abfahren, um hochpräzise Karten zu erstellen. Das braucht etwas Zeit. Aber an sich streben wir an, dass die Fahrer-Software der Autos universell einsetzbar ist. Sicher, der Verkehr etwa in Rom ist ganz anders als in Mountain View. In Städten mit relativ niedrigem Verkehrsaufkommen und moderner Infrastruktur dürften wir aber keine Probleme haben. Irgendwann werden wir auch in Rom fahren können - aber wir sind noch nicht soweit.

Vernetzt und autonom ist nicht dasselbe

dpa: Dass Ihr Bereich mit dem Automanager John Krafcik einen neuen Chef im Rang eines CEO bekommen hat - ist das ein Hinweis darauf, dass Sie eine eigenständige Firma unter dem Dach der neuen Alphabet-Holding sein werden?

Urmson: Wir denken, dass es irgendwann so sein kann - aber es gibt keine Pläne für die unmittelbare Zukunft.

dpa: Wie wichtig ist für autonomes Fahren, dass die Autos untereinander vernetzt sind?

Urmson: Unsere Fahrzeuge habe die nötige Computertechnik an Bord. Die Autos kommunizieren zugleich miteinander - etwa um sich gegenseitig vor Baustellen zu warnen. Vernetzte und selbstfahrende Fahrzeuge sind unterschiedliche Dinge - auch wenn es von Vorteil ist, wenn man das verbindet.

dpa: In der deutschen Autobranche wird damit gerechnet, dass einzelne Funktionen autonomer Fahrzeuge Schritt für Schritt in den Markt kommen. Bei Ihnen ist es gleich ein komplettes Auto. Sind Sie darauf angewiesen, dass die Autobauer die Gesellschaft auf selbstfahrende Fahrzeuge vorbereiten?

Urmson: Ich denke, dass die Gesellschaft bereits ziemlich großes Interesse hat. Es gibt Leute, die fahren sehr gern selbst, ich gehöre manchmal dazu. Aber es gibt sehr viele Menschen, für die geht es nur darum, zwischen Zuhause und Arbeit zu pendeln oder von einem Ort zum anderen zu kommen. Sie würden es vorziehen, nicht die ganze Zeit lenken zu müssen.

Taxi oder Google-Auto?

dpa: Wie oft fahren Sie selber mit den Google-Autos?

Urmson: Mindestens einmal pro Woche, früher habe ich häufiger getestet, jetzt komme ich nicht mehr so oft dazu.

dpa: Merken Sie einen Unterschied im Vergleich zum Stand vor einigen Jahren?

Urmson: Absolut, wie Tag und Nacht. Man sieht schon jeden Monat Fortschritte darin, wie gut das Auto einzelne Verkehrssituationen meistern kann.

dpa: Haben Sie jetzt einen anderen Blick auf den Verkehr, wenn Sie selbst am Steuer sitzen oder bei anderen Menschen mitfahren?

Urmson: Ich denke oft: Das ist aber eine komplexe Situation. Für mich sind es vor allem Spurwechsel. Unsere Autos haben einen 360-Grad-Blick. Und wenn ich selbst am Steuer bin, mache ich mir auf einer mittleren Autobahn-Spur Sorgen, dass jemand plötzlich vor mir auftauchen könnte, während ich mit dem Schulterblick den toten Winkel checke.

dpa: Wenn Sie die Wahl zwischen einem herkömmlichen Taxi und einem ihrer Autos hätten, was nehmen Sie?

Urmson: Heute würde ich mich noch für den Taxi-Fahrer entscheiden - aber ich freue mich darauf, selbstfahrende Autos im Alltag zu nutzen. dpa: Wie lange wird das dauern?

Urmson: Es ist eine komplexe Technologie und wir wollen keine willkürlichen Prognosen abgeben. Aber: Mein ältester Sohn ist gerade 12 geworden. Mit 16 kann er in den USA einen Führerschein bekommen - und das Ausbildungsprogramm ist grässlich. Das Ziel meines Teams ist, selbstfahrende Autos zu haben, bevor er einen Führerschein machen muss.

Zur Person

Chris Urmson leitet seit 2009 Googles Projekt zur Entwicklung selbstfahrender Fahrzeuge. Der Computeringenieur, der auch Doktor der Philosophie ist, machte sich zuvor einen Namen im Roboterwagen-Team der Universität Carnegie Mellon. Wenn demnächst der Automanager John Krafcik als CEO die Führung des Google-Projekts übernimmt, soll Urmson weiter die Entwicklung leiten.

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