Endlich

Kirchheimbolanden: GlasfaserPlus baut 4400 Anschlüsse

Die Stadt Kirch­heim­bolanden im Donners­berg­kreis (Rhein­land-Pfalz) hat in Sachen "schnelles" Internet eine leid­volle Odyssee hinter sich. Jetzt baut die Telekom mit GlasfaserPlus.
Aus Kirchheimbolanden berichtet

Die Kreis­stadt Kirch­heim­bolanden liegt in Rhein­land-Pfalz. Sie wird bis Ende 2023 etwa 4400 Glas­faser­anschlüsse von der "GlasfaserPlus" erhalten. Das teilten der Stadt­bür­ger­meister Dr. Marc Muchow und Gerd Schäfer, der Regio-Manager Südwest der Deut­schen Telekom und im Auftrag von GlasfaserPlus tätig, mit.

Glas­faser eigen­wirt­schaft­lich

Glasfaserplus und die Deutsche Telekom werden die Kreisstadt Kirchheimbolanden mit 4.400 Glasfaseranschlüssen versorgen. Damit findet eine Odysee ihr Ende. Von links: Gerd Schäfer (Telekom), Dr. Marc Muchow (Stadtbgm. KIB), Sabine Wienpahl (Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde), Michael Ruther (1. Bg. KIB)
Foto: Henning Gajek / teltarif.de
Das Glas­faser­netz wird zunächst Geschwin­dig­keiten von bis 1 GBit/s im Down­stream ermög­lichen - später soll noch mehr möglich sein - und wird eigen­wirt­schaft­lich gebaut. Das bedeutet, es muss keine Teil­neh­mer­quote bei Vorver­trägen erfüllt werden. Wer sich bei Baustart ("während der Ausbau­phase") für den Anschluss entscheidet, bekommt die Glas­faser kostenlos ins Haus gelegt. Dabei ist es auch egal, ob der Kunde einen Glas­faser-Vertrag bei Deut­schen Telekom oder bei 1&1, Voda­fone oder o2 oder einem anderen Unter­nehmen, das bis dahin gültige Liefer-Verträge mit der Telekom hat, abschließt. GlasfaserPlus bietet von vorn­herein "Open Access" an. Besitzer von Gebäuden oder Grund­stü­cken müssen eine HTN (Auftrag zur unent­gelt­lichen Herstel­lung eines Tele­kom­muni­kati­ons­netzes, früher auch "Gestat­tungs­ver­trag" genannt) unter­schreiben, damit die ausfüh­renden Baufirmen Privat­gelände betreten dürfen.

Der Glas­faser-Anschluss wird mindes­tens bis ins Haus, bei Mehr­fami­lien­häu­sern sogar bis in die Wohnung gelegt.

Späterer Anschluss 795 Euro

Wer sich erst später für den Glas­faser­anschluss entscheidet, muss mit einma­ligen Kosten von 795 Euro rechnen. Wer sein Haus gerade erst neu gebaut hat, wo vorher noch nie ein Tele­kom­muni­kati­ons­anschluss hinge­legt wurde, bekommt auch die Glas­faser nicht ganz kostenlos, es fällt ein einma­liger Erschlie­ßungs­bei­trag an, genaueres weiß der Bauherren-Service der Telekom.

Bestel­lungen in Kürze möglich

Wer bereits einen Kupfer­draht-Tele­fon­anschluss hat (egal bei welchem Anbieter), kann sich z.B. bei der Deut­schen Telekom im Telekom-Shop oder Partner-Shop melden und den Glas­faser­anschluss beauf­tragen, die Telekom leitet die Anfragen an GlasfaserPlus weiter. Kunden von 1&1 etc. müssen sich an ihre eigene Kunden­betreuung wenden. In den Stadtrat Kirchheimbolanden wurde Lisel Heise (100) gewählt. Sie setzte sich für ein Schwimmbad und schnelles Internet ein. In den Stadtrat Kirchheimbolanden wurde Lisel Heise (100) gewählt. Sie setzte sich für ein Schwimmbad und schnelles Internet ein.
Foto: Picture Alliance/dpa

Bewegte Vorge­schichte

Der Regio-Manager Südwest im Infra­struktur-Vertrieb der Deut­schen Telekom, Gerd Schäfer, erklärte kurz die Hinter­gründe zu GlasfaserPlus, einem Joint-Venture der Deut­schen Telekom in Verbin­dung mit einem austra­lischen Invest­ment­fonds. Stadt­bür­ger­meister Muchow dankte der Telekom für die Unter­stüt­zung.

Die Stadt Kirch­heim­bolanden, in der schon Wolf­gang Amadeus Mozart höchst­selbst ein Konzert gab, hat in Sachen "schnelles" Internet eine bewegte Geschichte hinter sich. Lange Zeit gab es im Ort nur ISDN, dann folgte lang­sames DSL, ein Ausbau galt damals als "nicht rentabel". Ein verlegtes Kabel-TV-Netz landete im Zuge der Markt­libe­rali­sie­rung schließ­lich beim Anbieter Primacom (Marke Pyur). Hier können an bestimmten Adressen im Ort sogar bis zu 400 MBit/s möglich sein, war zu erfahren. Das Netz werde aber nicht weiter ausge­baut oder auf DOCSIS 3.1 aufge­rüstet, wie der Anbieter früh­zeitig gegen­über der Stadt ange­kün­digt hatte.

Eine Glas­faser­lei­tung der saar­län­dischen inexio (heute Teil von Deut­sche Glas­faser) führt wohl schon länger durch den Ort. Damals konnte aber kein Weg gefunden werden, diese Signale in die einzelnen Haus­halte zu verteilen. Die Telekom begann den Ort mit VDSL und Vecto­ring auszu­bauen.

Schließ­lich fragte die Deut­sche Glas­faser bei der Stadt an, ob sie ausbauen dürfe. Statt der übli­chen 40 Prozent Unter­schrif­ten­quote erreichte das Unter­nehmen nur einen Wert von 19 Prozent (Update: Link auf der Webseite der Deut­schen Glas­faser ist nicht mehr erreichbar) und hat deswegen das Projekt bereits abge­sagt. Alle Kunden, die bei der Deut­schen Glas­faser bereits einen Glas­faser­anschluss "bestellt" hatten, werden aus dem Vorver­trag kosten­frei entlassen und erhalten in Kürze eine E-Mail oder einen Brief, kündigte Bürger­meister Muchow an.

Nachdem klar wurde, dass die Deut­sche Glas­faser nicht bauen würde, hatte Muchow sich auf verschie­denen Wegen direkt an die Deut­sche Telekom gewandt und unter anderem auch Tim Höttges einen Brief geschrieben. Welcher Anruf oder welcher Brief schließ­lich Erfolg zeigte, wollen die Betei­ligten jedoch nicht verraten, wie sie schmun­zelnd zugaben.

Glas­faser ist die Zukunft

Für Muchow ist klar: "Glas­faser ist die Tech­nologie, welche die zukünftig benö­tigten Daten­mengen trans­por­tieren kann. Ein Glas­faser­anschluss in der eigenen Wohnung oder im eigenen Haus ist genauso wichtig wie ein Anschluss an Wasser, Strom oder Gas. Außerdem stei­gert er den Wert der Immo­bilie."

Wo wird gebaut?

Die Telekom baut weite Teile der Stadt Kirch­heim­bolanden aus. Nicht im aktu­ellen Ausbau ist der Stadt­teil Schil­ler­hain, denn dort gibt es bereits schnelle Leitungen. Zwei Neubau­gebiete werden separat mit Glas­faser versorgt. In den Gemeinden rund um Kirch­heim­bolanden möchte die inexio (Deut­sche Glas­faser) alle Orte ausbauen, in denen schon eine Glas­faser­zufüh­rung exis­tiert. Die Auftrags­annahme könnte ab Sommer 2022 sein, war zu erfahren, konkrete Bauter­mine gibt es noch nicht.

Bürger­meister Muchow regte gegen­über dem Vertreter der Telekom an, den nord­west­lichen Stadt­teil von Kirch­heim­bolanden mit Mobil­funk zu versorgen, dort klafft derzeit noch ein großes Funk­loch.

Eine Einschät­zung (von Henning Gajek)

Viele Orte möchten liebend gerne schnelles Internet. Der Weg dahin ist mehr als steinig. Gibt es wenigs­tens schon DSL oder nicht einmal das? Funk­tio­niert viel­leicht Internet über Kabel-Fern­sehen oder stammt die verlegte Technik noch aus der Kabel­grün­der­zeit vor 40 bis 50 Jahren?

In vielen Orten wird Glas­faser gebaut oder ist schon da. In noch mehr Orten soll sie ausge­baut werden. Vertreter ziehen von Haus zu Haus und fragen nach Unter­schriften. Die Bürger sind skep­tisch. Aus gutem Grund. Oft geht nichts voran, teil­weise sind Gräben schon aufge­rissen, teils liegt schon Leer­rohr, aber es fehlen Fasern und die Vermitt­lungs­technik. Ange­kün­digt wird viel, verspro­chen einiges und gehalten wenig.

Klar, dass die Gemeinden inzwi­schen genauer hinschauen, wer da bauen will und auch bauen kann. Es geht nicht nur darum, Glas­faser in die Erde zu bekommen, sondern der Bau muss fach­gerecht durch­geführt und beauf­sich­tigt werden und dann müssen die Kunden auch zügig ans Netz und das alles verständ­lich, plan- und über­schaubar.

Wen wundert es, dass manches leid­geprüfte Stadt­ober­haupt sich (wieder) der Telekom zuwendet, die das Bauen von Netzen in über 100 Jahren Geschichte "gelernt" hat. Positiv ist, dass "GlasfaserPlus" resp. die Telekom Deutsch­land von sich aus darauf hinweist, dass der Kunde seinen Anschluss auch bei 1&1, Voda­fone und anderen Anbie­tern buchen kann, die bereits Groß­han­dels-Liefer­ver­träge mit der Telekom geschlossen haben. Damit findet der gewünschte Wett­bewerb statt, aber die Infra­struktur kommt aus einer Hand.

teltarif.de wird den Ausbau begleiten und weiter berichten.

Nicht für Zivil­kunden, dafür bundes­weit für Energie-, Wasser oder Gasver­sorger und "kriti­sche Infra­struktur" wird ein LTE450-Mobil­funk­netz aufge­baut.

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