Gutscheine

Gutachter: Gutscheine könnten Glasfaserausbau ankurbeln

Wie kann der Ausbau von Glas­faser bis ins Haus stärker geför­dert und ange­schoben werden? Die Verbände BREKO und VATM haben sich wissen­schaft­lichen Rat geholt: Mit Gutscheinen.
AAA
Teilen (9)

Dass Glas­faser die Zukunft des Inter­nets ist und die Auffahrt auf die Daten­auto­bahn am besten auch per Glas­faser ins Haus oder besser bis an den Schreib­tisch erfolgen sollte, ist längst bekannt. Bleibt die Frage, wie man Schwung in die Geschichte bekommen könnte, denn der Aus- und Umbau ist teuer und viele Kunden sind mit ihren Kupfer­anschlüssen völlig zufrieden. Daher sehen sie nicht ein, wofür der Vorgarten aufge­graben oder ein extra Loch ins Funda­ment gebohrt werden soll. Auch braucht man für die Glas­faser­verle­gung die erneute Zustim­mung des Haus- und Grund­stücks­besit­zers, was im Einzel­fall ziem­lich schwierig werden kann, wenn die Eigen­tums­verhält­nisse kompli­ziert sind.

Die Idee: Gutscheine

Um Glasfaser bis in die Häuser zu bekommen, braucht es Anreize. Vielleicht mit Gutscheinen?Um Glasfaser bis in die Häuser zu bekommen, braucht es Anreize. Vielleicht mit Gutscheinen? Die Idee sind Gutscheine (englisch "Voucher"). Glas­faser-Gutscheine für Bürger und Unter­nehmen seien ökono­misch sinn­voll und notwendig, um die Nach­frage nach zukunfts­sicheren Glas­faser­anschlüssen zu stärken und so den weiteren Glas­faser­ausbau zu forcieren. Das ist das Ergebnis eines heute vorge­stellten Gutach­tens des Leibniz-Zentrums für Euro­päische Wirt­schafts­forschung (ZEW) und der Kanzlei JUCONOMY Rechts­anwälte im Auftrag der Tele­kommu­nika­tions­verbände, BREKO (Breit­band­kommu­nika­tion) und VATM (Verband der Anbieter von Tele­kommu­nika­tions- und Mehr­werdienst­leis­tungen).

Mit den Gutscheinen soll die Nach­frage nach Glas­faser­anschlüssen bis in die Gebäude und direkt in die Wohnungen ange­kurbelt und der weitere Glas­faser­ausbau deut­lich forciert werden. Diese Gutscheine seien nicht nur recht­lich zulässig, sondern auch ökono­misch sinn­voll und notwendig.

Drei Gutschein-Typen

Die Spezia­listen haben ein vom BREKO und VATM vorge­schla­genes Modell aus drei unter­schied­lichen Gutschein-Vari­anten unter­sucht.

  • „Anschluss-Voucher“ in Wert von 500 Euro, der die Kosten für die Verle­gung der Glas­faser vom Bürger­steig bis ins Haus/Gebäude teil­weise decken würde
  • „Inhouse-Verka­belungs-Voucher“ in Wert von 150 Euro pro Wohn­einheit, der die Kosten für die Glas­faser­verka­belung im Gebäude selbst bezu­schusst
  • „Vertrags­abschluss-Voucher“ in Wert von 500 Euro, der die Einrich­tungs- und monat­lichen Kosten eines Inter­netver­trags mit mehr als 250 MBit/s über die Mindest­vertrags­lauf­zeit von 24 Monaten verrin­gert. Bedin­gung ist ein Gigabit-fähiger und damit zukunfts­sicherer Glas­faser­anschluss.

Gutscheine an Bürger und Unter­nehmen

Die vorge­schla­genen Gutscheine sollen sich insbe­sondere an Bürger und Unter­nehmen in Gebieten richten, in denen die Planung für den Glas­faser­ausbau (FTTB/FTTH) gerade erfolgt und die Glas­faser­verle­gung ansteht. Durch die Nach­frage-Voucher sei absehbar, dass die Gebiete zum Nutzen der Endkunden schneller und in verstärktem Maße erschlossen werden. Durch die „Erhö­hung der Nach­frage (könne) eine even­tuell bestehende Wirt­schaft­lich­keits­lücke entfallen“, so die Experten.

Unbü­rokra­tisch verge­bene Glas­faser-Gutscheine könnten kurz­fristig dazu beitragen, Glas­faser-Ausbau­projekte umzu­setzen, die ansonsten ohne weitere Förder­mittel wirt­schaft­lich nicht rentabel reali­sierbar wären.

Die Idee ist schon gut gedacht: Durch eine höhere Auslas­tung der Glas­faser­netze stehen dem ausbau­enden Netz­betreiber in der Folge wieder mehr Inves­titi­onsmittel für den weiteren Glas­faser­ausbau zur Verfü­gung – eine Win-Win-Situa­tion für Carrier und Nutzer; Haus­eigen­tümer profi­tieren nicht zuletzt auch von einer Wert­stei­gerung ihrer Immo­bilien.

Open-Acess

Um den "Wett­bewerb zu erhalten" und andere Anbieter nicht auszu­schließen, setzt das von BREKO und VATM vorge­schla­gene Modell auf eine "Open-Access-Verpflich­tung", wodurch Dritte einen Netz­zugang zu fairen Bedin­gungen erhalten. Sprich: Wer zu erst seine Glas­faser verlegt, soll eine Art Monopol erhalten, so dass ein zweiter Anbieter dann keine "paral­lele" Glas­faser zum Kunden legen darf. Im Gegenzug muss der Erst­ausbauer seine Faser auch anderen Anbie­tern vermieten. Falls im Streit um die Höhe der Kosten keine Eini­gung erzielbar ist, müsste die Bundes­netz­agentur den Schieds­richter spielen. Das könnte ein Wett­lauf der Anbieter auslösen, die sich dabei ausrechnen, mehr Geld einnehmen zu können, wenn sie als "erster" ihre Glas­faser ins Haus bringen und andere Anbieter als Mieter ihrer Einrich­tungen wissen.

Appell an die Regie­rung

BREKO-Geschäfts­führer Dr. Stephan Albers und VATM-Geschäfts­führer Jürgen Grützner appel­lieren daher an die Bundes­regie­rung, Gutscheine für zukunfts­sichere Glas­faser­anschlüsse schnellst­möglich in ihr Förder­konzept mit aufzu­nehmen und einen Teil der Förder­mittel hierfür zur Verfü­gung zu stellen. „Eine Nach­frage­förde­rung ist ein unver­zicht­barer Baustein zur Errei­chung der Giga­bit­ziele der Bundes­regie­rung“, sagen die Verbands­geschäfts­führer.

Neben den beiden Verbänden, die sich schon seit mehreren Jahren für eine solche Förder­möglich­keit stark machen, hatte auch die Mono­polkom­mission bereits Ende 2017 empfohlen, die Förde­rung durch nach­frage­orien­tierte Instru­mente wie zeit­lich befris­tete Gutscheine für Gigabit-Anschlüsse („Gigabit-Voucher“) zu ergänzen. Auch die EU-Kommis­sion hatte – konkret im Falle von Grie­chen­land – entspre­chende Gutscheine vor kurzem für zulässig erklärt.

Die Gutachter: "Es macht volks­wirt­schaft­lich absolut Sinn, wenn in einem Glas­faser-Ausbau­gebiet so viele Haus­halte wie möglich auch tatsäch­lich ange­schlossen werden und die Digi­tali­sierung Deutsch­lands mit ultra­schnellen Anschlüssen weiter voran­gebracht wird.“

Eine Einschät­zung

In der Tat: Solche Gutscheine wären eine origi­nelle Idee, um etwas Schwung in den Glas­faser­ausbau zu bringen. Die würden einfach an die ange­meldeten Haus­halte im Förder­gebiet geschickt und könnten viel­leicht lang­wierige Förde­rungs­antrags- und Geneh­migungs­verfahren ersetzen. Dem Antrag wäre ein Ausdruck einer Speed­test-Messung beizu­fügen. Aber so einfache Verfahren sind in der Praxis viel zu einfach und haben daher wenig Chancen.

Nur liegen die neu genannten Summen etwa um die Hälfte oder noch nied­riger als man bisher gelesen hat. Selbst wenn es den Prot­agonisten des "eigen­finan­zierten bundes­weiten Glas­faser­ausbaus" weh tut: Die Akzep­tanz von FTTH bei Privat­haus­halten dürfte nur dann gegeben sein, wenn der einma­lige Erst-Anschluss nicht mehr als ein erst­maliger Kupfer­anschluss kostet oder wenn bei neuen Ausbau­gebieten der Erst-Anschluss kostenlos ins Haus gelegt wird. Für 500 Euro wird man niemals eine Leitung von der Straße bis ins Haus bekommen, mit klas­sischem Aufgraben, einer Bohrung oder einem Leer­rohr-Schuss­verfahren. Selbst 1.000 Euro dürften da noch ziem­lich knapp werden. Und für "nur" 150 Euro wird sich kaum eine Glas­faser vom Keller bis zur Wohnung ("inhouse") verlegen lassen. Zumal in Altbauten mögli­cher­weise umfang­reiche Kabel­durch­brüche oder Schlitz­bohrungen oder Aufputz­schienen im Trep­penhaus zu verlegen sind.

Bei Gewerbe- oder Indus­trie­kunden sieht das sicher anders aus: Die brau­chen schnellst­mögli­ches Internet und haben viel­leicht schon entspre­chende tech­nische Vorar­beiten geleistet, damit auf dem Gelände oder inhouse die Glas­fasern zügig zum Anwender gelangen können.

Teilen (9)

Mehr zum Thema Glasfaser