Penetration

Schnelles Internet per Glasfaser: Deutschland hinkt hinterher

Wer in Deutschland einen Glasfaseranschluss buchen möchte, braucht das Glück, zufällig am richtigen Ort zu wohnen. Drei Bundesländer haben einen Versorgungsgrad von weniger als 0,5 Prozent.
Aus Duisburg berichtet
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Glasfaserleitungen bis in die Haushalte gelten in der Branche gemeinhin als die beste Versorgung mit Breitband-Internet. Doch wirklich relevant ist die Anschlussform derzeit in Deutschland noch nicht. Gerade einmal 7,1 Prozent der deutschen Haushalte können auf diese Anschlussform zugreifen - mit einem deutlichen Gefälle innerhalb der einzelnen Bundesländer. Prof. Torsten J. Gerpott stellte auf der ZfTM-Konferenz in Duisburg aktuelle Zahlen vor.

Die Hansestadt Hamburg ist das Bundesland mit der höchsten FTTB/H-Verbreitung: Immerhin 71,4 Prozent der Hamburger Haushalte sind nach Angaben von Gerpott mit einem FTTB- oder FTTH-Anschluss erschlossen. Mit deutlichem Abstand auf Platz zwei folgt ein Flächenbundesland, das als Vorzeige-Bundesland gilt: Schleswig-Holstein. 15,3 Prozent der Haushalte dort können einen entsprechenden Anschluss bekommen. Das nördlichste deutsche Bundesland hat als erstes in Deutschland einen Glasfaserplan aufgesetzt und will bis 2025 ein nahezu flächendeckendes Glasfaser-Netz für die Verbraucher aufbauen.

In Bremen gibt's kein Glasfaser

0,0 Prozent: Vernichtende Glasfaser-Versorgung in Bremen0,0 Prozent: Vernichtende Glasfaser-Versorgung in Bremen Die rote Laterne bei der Glasfaser-Durchdringung bleibt ebenfalls im Norden: Bremen kommt laut Gerpott auf 0,0 Prozent und belegt Platz 16. Auf Platz 15 findet sich Thüringen wieder, die Hauptstadt Berlin landet auf Platz 14 mit gerade einmal 0,4 Prozent Durchdringung. In der Stadt gibt es nur ganz wenige Glasfaser-Inseln von Telekom oder anderen Anbietern. Bemerkenswert: Das Flächenland Brandenburg erreicht demnach 5,2 Prozent, Sachsen 5,6 Prozent.

Insgesamt können derzeit etwa 2,4 Millionen Haushalte einen Glasfaser-Anschluss bekommen. Die Buchungsrate liegt jedoch weit unter den Möglichkeiten. Gerade einmal 25 Prozent der Kunden buchen die Anschlüsse auch. "Dort, wo der Leidensdruck größer ist, werden die schnellen Leitungen dann eher gebucht", so Gerpotts Auswertungen. Wenn also ein Anbieter in bisher unterversorgten Gebieten ein Netz ausbaut, hat er demnach gute Chancen, dafür auch Kunden zu finden.

NetCologne mit sehr guter Buchungsrate

Interessant ist auch, wie unterschiedlich die Buchungsrate bei den verschiedenen Anbietern ist. NetCologne kann bei 470 000 erreichbaren Haushalten eine Anschlussquote von 48,9 Prozent verzeichnen. M-Net verzeichnet 30,6 Prozent und die Deutsche Glasfaser 29,8 Prozent. Die Deutsche Telekom hat übrigens die meisten erreichbaren Glasfaser-Haushalte in ihrem Bestand und kann 515 000 Kunden versorgen. Gebucht wurden die Produkte aber nur von 23,3 Prozent. Das erklärt möglicherweise auch die Zurückhaltung der Telekom beim weiteren Ausbau.

Bertelsmann-Stiftung sieht Deutschland auf der Kriechspur

Deutschland kommt somit auf eine mittlere Glasfaser-Penetration von 5,8 Prozent und einer Anschlussquote von gerade einmal 1,6 Prozent. Zum Vergleich: Die EU mit 28 Staaten kommt im Mittel auf 9,4 Prozent Anschlussquote. In Estland profitieren bereits 73 Prozent, in Schweden 56, in Spanien 53 und in der Schweiz immerhin 27 Prozent der Haushalte von direkt verfügbaren Glasfaserverbindungen. Diese Zahlen nannte die Bertelsmann-Stiftung in einer heute vorgelegten Studie. Sie bemängelt, dass sich die Bundesrepublik die Ziele nicht hoch genug steckt. Die Europäische Union will bis 2020 jeden zweiten Verbraucher mit 100 MBit/s schnellen Leitungen versorgen. Deutschland hat als Ziel lediglich 50 MBit/s ausgegeben. Hierfür lassen sich bestehende Kupferleitungen weiter nutzen und Netzbetreiber müssen nur die Zuführungsstrecken aufrüsten. Ob es sich bei Vectoring um eine gerechtfertigte oder unnötige Brückentechnologie handelt, ist dabei umstritten. "Im Ergebnis führt die Genehmigung der Vectoring-Strategie aber zu einem deutschen Sonderweg und verhindert einen konsequenten Glasfaser-Ausbau", bemängelt unsere Kommunal-Expertin Kirsten Witte. Das sah auch Gerpott bei seiner Vorstellung so: "Man hätte in Deutschland direkt Glasfaserleitungen bauen müssen", sagte er heute in Duisburg.

Die Bertelsmann-Stiftung verweist auf andere Länder: In Estland und Schweden kümmern sich kommunale Versorger um den Glasfaseranschluss ihrer Bürger. Dabei übertrugen die Länder den Gedanken einer Grundversorgung, ähnlich wie bei Energie und Wasser, auf den Breitbandanschluss. Die Schweiz hat Runde Tische eingerichtet, an denen alle Beteiligten unter staatlicher Moderation den Ausbau der Glasfasernetze koordinieren. Vielfach bauten die Länder die Glasfasernetze nach dem Open-Access-Network-Ansatz auf. Das heißt, dass Kommunen das Netz aufbauen, das dann verschiedene Anbieter gegen Entgelt nutzen können. Weil auf diese Weise kein Druck entsteht, kurzfristig Profite erwirtschaften zu müssen, um den teuren Netzausbau zu refinanzieren, entsteht Wettbewerb auf der Dienste-Ebene. Auf der Infrastrukturebene könne der Staat dagegen langfristig planen.

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