Ausprobiert

Gigaset GL7 im Test: Minidisplay für Pixel-Internet

Das GL7 ist ein klas­sisches Klapp­handy mit modernen Features wie LTE und Zugang zu Apps wie WhatsApp und YouTube. Wir haben es getestet und bewertet - mit gemischten Gefühlen.

Am Anfang der mobilen Tele­fonie waren riesige Kisten fürs Auto. Die wurden kleiner und hand­licher. Dann kam das Smart­phone und bis dahin markt­füh­rende Hersteller verschliefen diesen Trend und wurden böse bestraft. Man denke da nur an ein großes Unter­nehmen aus Finn­land.

Auch in Deutsch­land verdiente ein großer Elek­tro­kon­zern teil­weise mit Finanzen mehr Geld als mit seinen elek­tro­tech­nischen Produkten. Der Elek­tronik-Konzern Siemens war einst ein wich­tiger Spieler auf dem inter­natio­nalen Mobil­funk­markt. Intern schwie­rige Abläufe und verpasste Chancen führten dazu, dass Siemens seine Handy­sparte an den taiwa­nesi­schen BenQ-Konzern verkaufte. Doch die hatten auch wenig Glück und mussten bald aufgaben.

Gigaset: Einst schnur­lose Tele­fone von Siemens

Bei schnur­losen Tele­fonen war Siemens eben­falls Markt­führer gewesen, fand aber auch diese Sparte nicht lukrativ genug. Siemens verkaufte diesen Unter­neh­mens­teil, der unter dem bishe­rigen Produkt­namen "Gigaset" weiter­machte und sich inzwi­schen auch wieder an Mobil­tele­fone heran­traut. Das Frontdisplay des Gigaset GL7 informiert auch über eingehende Anrufe Das Frontdisplay des Gigaset GL7 informiert auch über eingehende Anrufe
Foto: teltarif.de
Glück­licher­weise konnte das Siemens-Werk in Bocholt (Nord­rhein-West­falen) von Gigaset "gerettet" werden. Ein Bruch­teil der Mitar­beiter von damals produ­ziert dort heute wieder schnur­lose Tele­fone für daheim und die Mobil­funk­netze - aus Teilen, die aus Fernost ange­lie­fert und in Bocholt zusam­men­gesetzt werden.

Dass ein mobiles Telefon notwendig und sinn­voll ist, hat sich bei den Anwen­dern herum­gespro­chen. Aber manche Nutzer wollen nur tele­fonieren und auch das nur im Notfall. Da braucht es kein Smart­phone mit unzäh­ligen Funk­tionen, die gar nicht genutzt werden.

Gigaset möchte diese Ziel­gruppe bedienen und stellt dafür das Gigaset GL7 vor. Das Telefon scheint aus der Zeit gefallen, das Design ist sehr antik, eine Klappe unter der sich zum einen die große Tastatur befindet und in der anderen Hälfte das Tele­fon­dis­play.

Gigaset GL7: Einrichten für Fach­leute

Bevor wir das Telefon nutzen können, muss eine SIM-Karte (Nano-Format) und bei Bedarf eine SD-Spei­cher­karte sowie der Akku einge­legt werden. Das sollte der Berater im Shop oder ein kundiger Nachbar oder ein Fami­lien­mit­glied machen, denn für unge­übte Nutzer ist das eine schier unüber­wind­bare Hürde: Es gibt keine SIM-Schub­lade oder einen verschließ­baren Schlitten. Nein, die SIM-Karte muss in der rich­tigen Orien­tie­rung unter einen Metall­bügel geschoben werden (es können zwei SIM-Karten einge­legt werden). Anschlie­ßend kann die SD-Karte einge­fädelt werden. Dann kann der Akku einge­legt werden.

Soll die SD-Karte später wieder heraus­gezogen werden, z.B. um die Möglich­keit zu bekommen, eine weitere SIM-Karte einzu­legen oder die vorhan­dene heraus­zunehmen, ist fach­liches Geschick und die Zuhil­fenahme eines flachen Schrau­ben­dre­hers oder eines SIM-Karten­werk­zeugs (nicht im Liefer­umgang) zu empfehlen.

Aufladen über USB-C

Das Gigaset GL7 hat große Tasten: A,B,C können mit bevorzugten Telefonkontakten belegt werden Das Gigaset GL7 hat große Tasten: A,B,C können mit bevorzugten Telefonkontakten belegt werden
Foto: teltarif.de
Erstaun­lich: Trotz des antiken Designs hat das GL7 eine USB-C-Lade­buchse. Dort kann der Stecker des mitge­lie­ferten USB-Netz­teils oder ein anderes USB-C-Kabel ange­schlossen werden. Es gibt auch eine Lade­schale, die dann das Kabel aufnimmt. Im Innern der Schale finden sich zwei spitze Kontakte, die den Kontakt zum Handy an der Unter­seite herstellen.

Nur, wenn man das Handy anschließt, weiß man nicht, wie voll der Akku ist, auch eine Lade­anzeige sehen wir nicht. Dazu müsste das Handy aufge­klappt und einge­schaltet werden, um das erkennen zu können.

Erste Versuche

Schalten wir das Gigaset GL7 ein: Dazu den roten Knopf "Hörer auflegen" solange drücken, bis das Gerät vibriert und der Schriftzug "Gigaset enabled by KaiOS" erscheint. Es können vier bis fünf Sekunden vergehen, bis sich etwas tut.

Das Handy spielt einen Gigaset-Werbe­spot ab und bittet mit "Star­ting, please Wait" weiter um Geduld, bis der Nutzer endlich aufge­for­dert wird, die SIM-PIN einzu­geben.

Zwei weiße Tasten am oberen Rand über­nehmen Kontext-sensi­tive Funk­tionen und die Einstel­lung der Uhrzeit und einige Logos erscheinen, bevor nach wenigen Sekunden der Bild­schirm wieder dunkel wird.

Wir drücken eine belie­bige Taste, oben im Display erscheint das Akku-Lade­symbol. Dieses ist aber so klein, dass es Menschen mit visu­ellen Beein­träch­tigungen unter Umständen nicht gut erkennen können.

Bedie­nung nicht intuitiv

Ist das Display dunkel, muss erst eine Taste gedrückt werden, die das Display wieder belebt. Will man jemanden anrufen, reicht es nicht, die Nummer zu tippen, weil der erste Tipper nur das Display reak­tiviert. Die Eingabe als solche ist dann aber verloren.

Ist die Nummer getippt, könnte man die mitt­lere der drei oberen Tasten drücken, um den im Menü beschrie­benen Anruf auszu­lösen, es passiert aber nichts. Drücken wir die Akti­ons­taste (die innere Taste im Ring) und die Wahl beginnt. Statt­dessen hätten wir auch - wie gewohnt - den grünen Hörer-Knopf verwenden können. Wer WhatsApp-Nachrichten verschicken oder im Internet surfen will, hat nur diese zwölf Tasten zur Verfügung, plus den roten Knopf für die Fehlerkorrektur Wer WhatsApp-Nachrichten verschicken oder im Internet surfen will, hat nur diese zwölf Tasten zur Verfügung, plus den roten Knopf für die Fehlerkorrektur
Foto: teltarif.de
Beim Auflegen sollte nicht zu lange gedrückt werden, sonst schaltet das Gerät ab. Man wird aber vorher gefragt, ob man neu starten oder den Spei­cher berei­nigen möchte.

Verschach­telte Menü­funk­tionen - für Kenner

Mit dem silbernen Ring um die Akti­ons­taste kann man Menüs und Funk­tionen auslösen. Den Ring nach links und dann nach oben oder unten gedrückt, bemüht die vorge­schla­genen Programme (WhatsApp, Face­book, YouTube, Google Maps oder Google Suche), ausge­wählt wird mit der besagten Akti­ons­taste.

Wer sich vertippt hat, gelangt durch Drücken des roten Hörers eine Ebene zurück. Wählt man vom Grund­zustand direkt den Knopf ohne Ring-Tasten, gibt es ein weiteres Menü, das mit "Shop" beginnt und mit "Browser" noch nicht aufhört.

Für Senioren, die mit den Enkeln in Kontakt bleiben wollen, ist der WhatsApp-Messenger gedacht. Man muss nur seine Handy­nummer angeben und die Bestä­tigungs-SMS abwarten und den Code eintragen. Dann kann es theo­retisch losgehen. Bilder können verschickt werden, aber die Auflö­sung ist ziem­lich pixelig und kein Vergnügen.

Web-Browser für Gedul­dige und KaiOS

Im Gigaset GL7 ist ein Web-Browser einge­baut, mit dem auch Webseiten aufge­rufen oder YouTube-Videos ange­schaut werden kann. Selbst für tadellos sehende Nutzer, die es lieben, kryp­tische Tasten­folgen und Menüs zu erfor­schen, ist das aller­dings kein großes Vergnügen.

Das Gigaset GL7 läuft mit KaiOS. Die angezeigten Apps sind ab Werk installiert. Man braucht gute Augen und Fingerspitzengefühl Das Gigaset GL7 läuft mit KaiOS. Die angezeigten Apps sind ab Werk installiert. Man braucht gute Augen und Fingerspitzengefühl
Foto: teltarif.de
Das Menü "Shop" lädt den KaiOS-Shop, wo es einige kosten­lose Demo-Programme gibt. Damit man die laden kann, muss das Handy mit dem Internet verbunden sein, beispiels­weise über eine SIM-Karte mit passendem Daten­tarif. Wir hatten noch eine SIM-Karte von Lebara zur Hand. Zur Nutzung muss noch der Inter­net­zugangs­punkt (APN) händisch einge­tragen werden, was für uner­fah­rene Nutzer eine hohe Hürde darstellt.

Mitten beim Auspro­bieren des KaiOS-Shops traf ein Soft­ware-Update für KaiOS ein (Version 0023). Man musste sehr genau die Tasten­folge einhalten und drücken, sonst reagierte das Handy nicht korrekt. Dass die System­mel­dungen für das Update auf Englisch erfolgen, mag man noch verschmerzen. Das Update war nach wenigen Minuten erfolgt, das Gigaset GL7 star­tete neu.

Wofür ist das Gigaset GL7 gedacht?

Was kann man mit dem Telefon den anfangen? Mit 144 Gramm ist es für ein Modell im klas­sischen Klapp­handy-Design kein Leicht­gewicht, aber Tele­fonieren funk­tio­niert gut. Die Signal- und Klin­gel­töne erin­nern an die schnur­losen Tele­fone von Gigaset und machen keine weiteren Probleme.

Ein Display auf der beim Zuklappen sicht­baren Vorder­seite meldet sich, wenn ein Anruf ankommt, sonst bleibt es dunkel. Der klas­sische Akku hält einige Tage, da kommen heutige Smart­phones einfach nicht mehr mit, denn sie müssen (fast) täglich an die Steck­dose.

4G und VoLTE möglich, weitere Konnek­tivität

Das Gigaset GL7 bucht sich in 4G-Netze ein und zeigt das auch an. Sofern der SIM-Karten-Anbieter es unter­stützt, kann auch über VoLTE tele­foniert werden.

Sind zwei SIM-Karten einge­legt, erfolgt vor dem Rufaufbau die Abfrage, über welche Karte tele­foniert werden soll. Das ist beispiels­weise in Berlin wichtig. In der U-Bahn funk­tio­niert oft nur o2 eini­ger­maßen, ober­irdisch können Voda­fone oder Telekom auch deut­lich besser sein. Die Abfrage ist auch dann wichtig, wenn die geschäft­liche und die private Rufnummer auf dem Handy abwech­selnd genutzt werden sollen. Im KaiOS-Shop gibt es ab und zu auch Software-Updates für das Handy Im KaiOS-Shop gibt es ab und zu auch Software-Updates für das Handy
Foto: teltarif.de
Neben Wi-Fi und der mögli­chen Bildung eines WLAN-Hotspots für andere Nutzer beherrscht das Gerät auch Blue­tooth und GPS. Die einge­baute Google-Land­karte funk­tio­niert sogar, wenn auch die Posi­tions­bestim­mung einige Minuten benö­tigte.

Fazit: Besser nicht

Ein einfa­ches Tasten­telefon mit Dual-SIM ist grund­sätz­lich eine gute Idee. Auch die Tatsache, dass das Gigaset GL7 Wi-Fi-Konnek­tivität beherrscht, ist zunächst einmal hervor­zuheben. Gedacht hat der Hersteller auch an die 4G/LTE-Funk­tion und VoLTE (Tele­fonieren über LTE) funk­tio­niert eben­falls. Über die fehlende Lade­anzeige speziell in geschlos­senem Zustand kann man hinweg­sehen. Soweit so gut.

Es beschleicht einen aber das Gefühl, dass dieses Smart­phone, dessen Tastatur-Layout an ein älteres Doro-Modell erin­nert, ziem­lich lustlos zusam­men­gestellt wurde.

Das KaiOS-Betriebs­system mit App-Store und vielen Apps hätte man sich schenken können, denn das pixe­lige Mini­dis­play und die rucke­lige Bedie­nung ist eine Zumu­tung - auch für Nutzer, die weniger Ansprüche an ein mobiles Gerät haben. Das jüngere Publikum greift in der Regel ohnehin zu einem Smart­phone mit ausrei­chend großem Display.

Unsere Empfeh­lung: Wir raten von dem Gigaset GL7 trotz des vergleichs­weise güns­tigen Preises von unter 90 Euro ab.

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