Gastbeitrag

Unitymedia-Übernahme: Weder Grund zur Panik noch für Euphorie

TK-Experte Torsten J. Gerpott erläutert in einem Gastbeitrag, ob die Auswirkungen der Unitymedia-Übernahme durch Vodafone auf den deutschen Breitbandmarkt wirklich so drastisch sind, wie zum Teil von Wettbewerbern wie der Telekom behauptet wird.
Gastbeitrag von Torsten J. Gerpott
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Zum 01.01.1999 gliederte die Deutsche Telekom (DT) ihr Geschäftsfeld "Breitbandkabel/ Rundfunk" in neun anhand von Bundesländergrenzen gebildete Regionalgesellschaften aus, die in den Jahren 2000 bis 2003 an Investoren veräußert wurden. Danach wurden die Koaxialkabelnetze in drei Bundesländern (Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen) von dem US-amerikanischen Konzern Liberty Global bis Mitte 2012 in dem Unternehmen Unitymedia (UM) zusammengeführt. Die verbleibenden sechs Regionalgesellschaften, welche die übrigen 13 Bundesländer abdecken, gab die DT 2003 an eine Investorengruppe ab, die in dem Unternehmen Kabel Deutschland (KD) die ehemaligen DT-Koaxialkabelnetze fortführte. 2013 wurde KD von Vodafone übernommen.

Seither gab es immer wieder Gerüchte, dass Vodafone daran interessiert sei, auch noch UM zu kaufen und so eine Anbietersituation bei Kabelnetzen zu schaffen, die derjenigen in den 1980er/90er Jahren ähnelt. Am 09.05.2018 gab Vodafone dann bekannt, dass man sich mit Liberty Global darauf verständigt habe, dessen Kabelnetze in Deutschland, Ungarn, Rumänien und der Tschechischen Republik unter Zugrundelegung eines nach europäischen Rechnungslegungsvorschriften bestimmten Unternehmenswertes von 18,4 Mrd. Euro zu übernehmen.

Univ.-Prof. Dr. Torsten J. GerpottUniv.-Prof. Dr. Torsten J. Gerpott Speziell mit Blick auf die UM-Netze in Deutschland rief die geplante Transaktion sehr unterschiedliche Reaktionen hervor. Auf der einen Seite prognostiziert etwa der Vorsitzende der Monopolkommission, dass die Übernahme positive Effekte auf den Ausbau von breitbandigen Internetzugängen haben werde (Handelsblatt, 11.05.2018). Ähnlich verspricht sich ein deutscher Vodafone-Topmanager von dem Kauf, dass "wir Deutschland mit aufgerüsteten Kabelglasfasernetzen großflächig schneller in die Gigabit-Gesellschaft bringen [können]". Auf der anderen Seite befürchtet der Vorstandsvorsitzende der DT eine wettbewerbsverzerrende Remonopolisierung des Kabelmarktes. Im Tenor ähnliche Einschätzungen sind auch von Branchenverbänden wie dem BREKO, dem BUGLAS oder vom VPRT zu vernehmen.

Angesichts dieser unübersichtlichen "Gefechtslage" analysiere ich im Folgenden ausgehend von einer Beschreibung der Netz- und Kundenbasis der Transaktionsparteien wahrscheinliche Auswirkungen der Akquisition der UM-Kabelnetze durch Vodafone für den Käufer sowie Wettbewerber des Käufers im deutschen Markt für Telekommunikationsdienste.

Marktfakten

Ende 2017 konnten mit den Vodafone-Kabelnetzen 12,70 Millionen von 24,02 Millionen Privathaushalten (= 52,9 Prozent) in 13 Bundesländern technisch erreicht werden (siehe Bild 1). In den drei von UM abgedeckten Bundesländern wohnten Ende 2017 etwa 16,94 Millionen Privathaushalte, von denen 12,98 Millionen (= 76,6 Prozent) technisch an UM-Kabelnetze anschließbar waren. Die Verfügbarkeit von ausgebauten Kabelnetzen relativ zum Haushaltspotenzial ist demnach in den UM-Regionen deutlich größer als in den Gebieten, in denen Vodafone bislang aktiv war. Der Kauf von UM führt dazu, dass für Vodafone die Zahl der über Kabelnetze erreichbaren Haushalte auf 25,68 Millionen (bzw. 67 Prozent aller TV-Haushalte bzw. 63 Prozent aller Privathaushalte in Deutschland) steigt.

Im Vodafone-Kabelnetz lag Ende 2017 die Kundenausschöpfungsquote (= "homes connected/ homes passed") für TV-Anschlüsse bei 60,6 Prozent (= 7,7 Millionen Kunden) und für Breitbandanschlüsse zum Internet bei 27,9 Prozent (= 3,5 Millionen Kunden). Die entsprechenden UM-Kennzahlen betragen 48,8 Prozent (= 6,3 Millionen TV-Kunden) und 26,8 Prozent (= 3,5 Millionen Breibandanschluss-Kunden). Im Fall der Genehmigung des Kaufs von UM erhöht sich der Marktanteil von Vodafone bei den 38,3 Millionen TV-Haushalten in Deutschland von 20,1 Prozent um 16,5 Prozentpunkte auf 36,6 Prozent (Stand: Ende 2017). Zum gleichen Zeitpunkt belief sich der entsprechende DT-Marktanteil bei TV-Haushalten auf 8,2 Prozent. Bei 33,2 Millionen Haushalten, die Ende 2017 über einen Festnetzbreitbandanschluss verfügten, bedeutet die UM-Akquisition, dass der Anteil der Vodafone-Kabelkunden von 10,7 Prozent um 10,4 Prozentpunkte auf 21,2 Prozent zunimmt. Demgegenüber erreichte die DT als Marktführer bei Festnetzbreitbandanschlüssen mit 13,2 Millionen Anschlüssen Ende 2017 einen Endkundenanteil von 39,8 Prozent.

Kennzahlen der Kabelnetze von Vodafone und Unitymedia
Bild 1: Kennzahlen der Kabelnetze von Vodafone und Unitymedia am 31.12.2017

Folgen für Vodafone

Für Vodafone eröffnet der UM-Kauf die Möglichkeit, in drei bevölkerungsstarken Bundesländern bei rund 9,5 Millionen Haushalten, die zwar technisch an Kabelnetze anschließbar sind, aber über diese Netze bislang keinen Internetanschluss nachgefragt haben, diese Haushalte dazu zu motivieren, entweder von einem DSL-Anschluss zu einem Kabelanschluss zu wechseln oder erstmals einen Breitbandanschluss nachzufragen. Zusätzlich kann es für Vodafone sinnvoll sein, vor allem in den von 63 Prozent der Privathaushalte in Deutschland bewohnten Regionen, in denen man nach der Übernahme mit eigener Festnetzinfrastruktur präsent ist, die DSL-Vermarktungsbemühungen zugunsten von Kabelinternetanschlüssen zu verringern, da man bei Letzteren nicht auf den Bezug von DT-Vorleistungen angewiesen ist. Gleichzeitig verbessert die Übernahme in drei Bundesländern für Vodafone die Voraussetzungen dafür, Basisstationen des Mobilfunknetzes des Konzerns kosteneffizient mit eigenen Glasfaserleitungen zu verknüpfen, um so insbesondere in 5G-Netzen erwartete sehr große Datenverkehrsmengen besser bewältigen zu können.

Betriebswirtschaftliche Vorteile für Vodafone aus der Übernahme werden weiter daraus resultieren, dass man bei der Netzplanung, beim Einkauf von Netzelementen und Netzmanagement die Gemein- und Materialkosten pro erreichbarem Haushalt und pro Kabelkunde deutlich senken kann. Darüber hinaus ist langfristig der Ersatz der Marke Unitymedia durch die Vodafone- Marke zu erwarten, so dass auch im Marketing die Erschließung von erheblichen Kostensynergien für Vodafone möglich sein sollte.

Folgen für Wettbewerber

Die wettbewerblichen Auswirkungen der UM-Übernahme hängen stark davon ab, inwiefern die Transaktion (1) zu einer Ausweitung und Beschleunigung des Ausbaus von Kabelnetzen in bislang unerschlossenen Regionen sowie (2) zu einer Veränderung der Vermarktungspolitik (Preise, Angebotsqualität) in sämtlichen mit Vodafone-Kabelnetzen abgedeckten Gebieten beiträgt. Eine Vergrößerung des räumlichen "footprint" würde in den Ausbaubereichen die Wahlmöglichkeiten der Endkunden und folglich den Wettbewerbsdruck erhöhen. Gleiches gilt, allerdings ohne räumliche Beschränkung, für eine aggressive Preispolitik und eine Verbesserung der Angebotsqualität (z.B. höhere Geschwindigkeit von Breitbandanschlüssen).

Eine akquisitionsbedingte Ausweitung der räumlichen Verfügbarkeit von Vodafone-Kabelnetzen ist dann wahrscheinlich, wenn Kostensynergien aus der Unternehmensverbindung so groß ausfallen würden, dass sie die Abdeckung von (ländlichen) Regionen betriebswirtschaftlich rentabel macht, die ansonsten nicht erschlossen worden wären. Hier ist zu beachten, dass mittelfristig durch den Zusammenschluss erreichbare Kostensenkungen zunächst kurzfristig bedeutsame Kostensteigerungen infolge von Integrationsmaßnahmen (z.B. Zusammenführen von Netzplanungs- und -managementsystemen sowie von Kundenverwaltungsprozessen, Personalabbau, Markenanpassung in den zuvor von UM adressierten drei Bundesländern) gegenüberstehen. Außerdem ist eine Ausweitung der Kabelnetze eher in den dünn besiedelten Regionen der 13 Bundesländer möglich und nötig, die Vodafone auch schon vor dem UM-Kauf bedient hat (vgl. oben Marktfakten). Angesichts dieser Ausgangslage (begrenzte Netto-Kostensenkungspotenziale, Expansionsspielräume primär in den früheren KD-Regionen) ist nicht zu erkennen, dass die Transaktion zu einer Ausweitung und Beschleunigung des Kabelnetzausbaus über ohnehin bereits vor der Übernahme bei UM und Vodafone vorhandene Pläne zur Kabelnetzexpansion und -modernisierung führen wird. Folglich ist durch die Akquisition keine Verschärfung des Wettbewerbs aufgrund einer Erhöhung der räumlichen Verfügbarkeit oder der Leistungsfähigkeit der Kabelnetze des Vodafone-Konzerns zu erwarten.

Mit Blick auf Vermarktungsstrategien ist festzustellen, dass sowohl Vodafone als auch UM bei Breitbandanschluss- und TV-Angeboten im Endkundenmarkt bislang eine Strategie der Wettbewerbsdifferenzierung durch Qualitätsführerschaft und keine aggressive Preisführerstrategie verfolgt haben. Da Konkurrenten auf signifikante Preissenkungen von Vodafone im Endkundengeschäft sofort reagieren könnten und Vodafone-Preisreduktionen damit nicht durch Absatzmengensteigerungen überkompensiert würden, ist es nicht plausibel, dass die Transaktion Vodafone dazu verlassen könnte, mit Preisreduktionen zu versuchen, Marktanteile in den Breitband- oder TV-Anschlussgeschäften zu gewinnen. Außerdem eröffnet die Akquisition in technischer Hinsicht keine neuen Optionen zur Steigerung der Angebotsqualität. Somit ist davon auszugehen, dass die UM-Übernahme keine grundlegend modifizierten Vodafone- Vermarktungsstrategien bei Breitband- und TV-Anschlüssen zur Folge haben wird, die zu einer signifikanten Veränderung der Wettbewerbsintensität auf Endkundenmärkten beitragen könnten.

Allerdings verbessert die UM-Akquisition zweifellos die Verhandlungsposition von Vodafone gegenüber den Veranstaltern von Rundfunkprogrammen in Deutschland, wenn es um Einspeiseentgelte für die TV- und Radioverbreitung geht. Vodafone versorgt nach dem Kauf knapp 37 Prozent aller TV-Haushalte mit Rundfunksignalen und kann bei der Programmverteilung vor allem in Mehrfamilienhäusern nicht einfach durch Konkurrenzangebote (Satellit, IPTV) ersetzt werden. Im Einspeisemarkt werden die Wettbewerbseffekte der Transaktion deshalb wesentlich davon abhängen, inwiefern die Kartellbehörden die Marktmacht von Vodafone durch Auflagen zu Preisregulierungsmöglichkeiten der Bundesnetzagentur begrenzen werden.

Alles in allem spricht somit viel dafür, dass die UM-Übernahme zumindest bei Breitbandanschlüssen nicht zu einer Erhöhung der Wettbewerbsintensität im Endkundenmarkt führen wird. Wenn trotzdem die DT in ihrer Öffentlichkeitsarbeit die Akquisition als wettbewerbsverzerrend einstuft, so hat das einen anderen Grund: Der Incumbent versucht hierdurch seit Jahren vorgetragene Forderungen nach einem Abbau eigener Verpflichtungen bei der Bereitstellung von Vorleistungen für Wettbewerber (Zugangsregulierung) zusätzlich zu unterstützen. Außerdem würde eine Untersagung der Übernahme DT-Umsätze mit Vorleistungen für 3,0 Millionen DSL-Anschlüsse, die Vodafone bislang vermarktet, stabilisieren. Regionale Festnetzbetreiber opponieren gegen die UM-Transaktion ebenfalls weniger, weil sie einen stärkeren Wettbewerber fürchten. Eigentlich kritisieren sie den Kauf mehr, um die Chancen zu erhöhen, dass die Kartellbehörden ihn nur mit Auflagen dahingehend genehmigen, dass die Kabelnetze von Vodafone erstmals einer "Open Access Regulierung" unterworfen werden, die einen verbesserten Zugang der regionalen Konkurrenten zu kabelnetzbasierten Vorleistungen von Vodafone ermöglichen.

Fazit

Insgesamt ist es sehr wahrscheinlich, dass die (zu erwartende Genehmigung der) Übernahme von UM durch Vodafone keine räumliche Erweiterung oder Beschleunigung des Ausbaus von Kabelglasfasernetzen und anderen Festnetzen der nächsten Generation, keine Erhöhung der Angebotsqualität oder keine Veränderung der Endkundenpreise von Breitbandkabelanschlüssen zur Folge haben wird. Vodafone-Festnetzwettbewerber wird der Kauf deshalb nicht in den Ruin treiben. Deutschland wird die Transaktion auf dem Weg in die Gigabit-Gesellschaft weder voranbringen noch zurückwerfen. Sie ist betriebs- und nicht volkswirtschaftlich motiviert. Dementsprechend wird Vodafone mindestens in den nächsten fünf Jahren dafür zu sorgen haben, dass die prognostizierten Synergien der Übernahme und die geplanten Managementverbesserungen auch praktisch umgesetzt werden.

Zur Person:

Univ.-Prof. Dr. Torsten J. Gerpott leitet den Lehrstuhl für Unternehmens- und Technologieplanung an der Mercator School of Management Duisburg der Universität Duisburg-Essen.

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