Analyse

Call-by-Call-Aus würde Verbraucher 600 Millionen Euro jährlich kosten

Torsten J. Gerpott hat in einer Studie die Bedeutung von Call by Call und dessen Nutzerschaft analysiert. Mehr als 5 Millionen Haushalte nutzen noch Call by Call.
Aus Köln berichtet
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Torsten J. Gerpott bei der Vorstellung seiner StudieTorsten J. Gerpott bei der Vorstellung seiner Studie "Vergangene Woche habe ich mit meinen Kindern ge­sprochen und dabei das Thema Call by Call angesprochen", eröffnete der anerkannte Tele­kommunikations­experte Torsten J. Gerpott heute in Köln die Vor­stellung einer neuen Studie seines Unternehmens Dialog Consult, bei der es um die aktuelle Nutzung und die Zukunft von Call by Call und Preselection geht. Die Antwort seiner Kinder sei überrascht gewesen, sie hätten nicht gewusst, dass es Call by Call noch gebe. "Das heißt aber nicht, dass der Dienst keine Bedeutung mehr hat", so Gerpott in einem vorgezogenen Fazit seiner Studie. Vielmehr sage es etwas über die Kundschaft aus. Denn "Call by Call und Preselection haben nach wie vor eine signifikante Bedeutung für den Markt", heißt es von dem Experten. Beauftragt wurde die Studie von 010012 Telecom, 01051 Telecom, 3U, Callax, Star Communications, Tele2 und Ventelo.

Vergangenes Jahr seien Call by Call und Preselection noch von 5,1 Millionen Haushalten genutzt worden. 2012 waren es noch 6,5 Millionen Haushalte. Dabei müsse bedacht werden, dass nicht alle der etwa 40 Millionen Haushalte Deutschlands Call by Call nutzen könnten, denn nur Telekom-Kunden haben technisch die Möglichkeit dazu. Im relevanten Markt der Telekom-Kunden ohne eine Flatrate betrage der Anteil der Haushalte, die Call by Call nutzen, konstant über 60 Prozent. Insgesamt 8 Milliarden Gesprächsminuten seien im vergangenen Jahr über die alter­nativen Anbieter geführt worden. Die Nutzung von Call by Call gehe zwar insgesamt zurück, das liege aber daran, dass viele Kunden entweder eine Festnetzflatrate buchen oder einen Alternativanbieter nutzen. Im relevanten Markt (Telekom-Anschluss ohne Flatrate) bleibt die Nutzung indes nahezu konstant.

Die Nutzerschaft unter der Lupe

Dass seine Kinder Call by Call nicht mehr kennen, liege daran, dass sie beispiels­weise mit Skype Alternativ­dienste gefunden haben. Diese führen auch dazu, dass die Nutzerschaft von Call by Call überdurch­schnittlich hohen Alters ist. "Nur 0,05 Prozent aller Kunden sind unter 30 Jahre", so Gerpott, dessen Zahlen allerdings nicht auf Call by Call, sondern dem artverwandte Preselection basieren. Hier untersuchte er für die Studie 150 000 Kundendaten in anonymisierter Form. Das durchschnittliche Alter liege bei 72 Jahren. Entsprechend machte er auch aus, dass die Nutzer von Call by Call und Preselection unterdurchschnittlich internet-affin sind. "Bei 95 Prozent der Datensätze gab es keine E-Mail-Adresse", so Gerpott.

Die Nutzerschaft ziehe sich jedoch durch das gesamte Bundesgebiet und auch durch alle sozialen Schichten, wobei mit 40 Prozent ein über­durch­schnittlich hoher Anteil der Kunden eher der Unterschicht zuzuordnen sei. Ein großer, aber sich nicht unbedingt überschneidender Teil der Kunden hätten zudem einen Migrations­hintergrund in erster oder zweiter Generation und halten Kontakt in ihre Heimat. Sie würde eine im Raum stehende Abschaffung von Call by Call und Preselection aufgrund der fehlenden regulatorischen Vorgabe finanziell besonders schmerzen. "Diese Kunden würden sozial benachteiligt und weitgehend von der Kommunikation abgeschnitten", kommentierte auch teltarif.de-Geschäftsführer und Chef­kommentator Kai Petzke, der bei einer anschließenden Diskussions­runde mit Gerpott und anderen Teilnehmern über die Zukunft von Call by Call debattierte.

Verbraucher müssten schlimmstenfalls bis zu einer Milliarde Euro aufbringen

Wie deutlich der Eingriff in die finanziellen Möglichkeiten der Kunden wäre, machte auch Gerpott deutlich. Denn im Durchschnitt spart jeder Call-by-Call- bzw. Preselection-Kunde durch die Dienste 9,14 Euro monatlich gegenüber den Telekom-Tarifen, kommt Gerpott in einer umfangreichen Auswertung zu einem beeindruckenden Ergebnis. Dieser Wert ist in denen vergangenen Jahren sogar gestiegen (2012: 7,81 Euro). "Würde Call by Call wegfallen, wäre aber zu vermuten, dass auch die Telekom ihre Tarife vor allem für Auslandsgespräche wieder anhebt", interpretiert Gerpott seine Erhebung, wonach die Telekom selbst etwas günstiger bei Mobilfunk- und Auslands­telefonaten ist als alternative Netzbetreiber, die kein Call by Call zulassen. Gerpott sprach hier von einem "disziplinarischen Effekt", der die Telekom zu einer Sekung der Preise veranlasst habe.

Beim Unterschied zwischen Call by Call und der Telekom bzw. anderen Anbieter gebe es vor allem bei exotischen Auslandszielen nach wie vor eklatante Preis­unterschiede. So koste ein Anruf zu einem thailändischen Handy heute noch bei der Telekom 200 Mal mehr als bei einem Call-by-Call-Anbieter. Telefoniere ein Kunde 60 Minuten pro Woche zu diesem Ziel, so spare er nahezu 4000 Euro pro Jahr. Hochgerechnet bedeutet das, dass durch den kompletten Wegfall von Call by Call und Preselection pro Jahr zwischen 600 und 780 Millionen Euro zusätzliche Verbindungs­entgelte berechnet würden - Geld, dass die Verbraucher größtenteils nicht aufbringen könnten, ist sich die Branche einig. Würde die Telekom wegen des Wegfalls des "disziplinarischen Effektes" dann noch ihre Preise anheben, so müssten die Verbraucher nach Gerpotts Einschätzung gar eine Milliarde Euro pro Jahr mehr aufbringen.

Übrigens: Die Nutzung von Call by Call für Gespräche ins Ausland nimmt sogar noch zu (3600 Millionen Minuten 2014 gegenüber 3450 Millionen Minuten 201333 auch denn die Gesamtminuten zurückgehen. Denn vor allem bei Gesprächen ins Ausland und zu deutschen Handys lässt sich viel Geld sparen. Wenn Sie einen Telekom-Anschluss nutzen, können Sie entsprechende Tarife für Ihre Gesprächsziele in unserem Tarifrechner in Erfahrung bringen.

Weitere Stellungnahmen der Branche zur möglichen Abschaffung von Call bei Call lesen Sie in einer weiteren Meldung.

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