Cloud-Lösung

Europas Cloud-Initiative Gaia-X stößt auf großes Interesse

Noch fehlt die Unter­schrift des belgi­schen Königs, um die Orga­nisa­tion für die euro­päi­sche Cloud-Initia­tive Gaia-X in Belgien zu gründen. Das hindert die Macher des Projektes nicht daran, schon jetzt konkret zu werden.

Gaia-X: Europäische Rechenzentren sollen zu einer Cloud verbunden werden Gaia-X: Europäische Rechenzentren sollen zu einer Cloud verbunden werden
Bild: picture alliance / Ralf Hirschberger/dpa
Immer mehr Firmen wollen sich am Aufbau der euro­päi­schen Cloud- und Daten­infra­struktur Gaia-X betei­ligen. Neben den 22 Grün­dungs­unter­nehmen aus Deutsch­land und Frank­reich haben nach Angaben des Bundes­wirt­schafts­minis­teriums "weit mehr als 100 weitere Unter­nehmen" ihr Inter­esse bekundet, "Mitglied der ersten Stunde" bei der in Grün­dung befind­lichen Gaia-X-Orga­nisa­tion zu werden.

Bei dem im Oktober 2019 vorge­stellten Projekt geht es darum, in Europa nicht alter­nativlos auf die großen IT-Konzerne aus den USA und China ange­wiesen zu sein. Dafür soll ein Konzept erar­beitet werden, mit dem neue und bestehende Ange­bote über Open-Source-Anwen­dungen und offene Stan­dards mitein­ander vernetzt werden.

Gaia-X als Alter­native zu den Cloud-Riesen

Gaia-X: Europäische Rechenzentren sollen zu einer Cloud verbunden werden Gaia-X: Europäische Rechenzentren sollen zu einer Cloud verbunden werden
Bild: picture alliance / Ralf Hirschberger/dpa
Gaia-X strebt aber nicht an, selbst einen "Hypers­caler" nach dem Vorbild von Google, Amazon oder Micro­soft zu schaffen. Viel­mehr will Gaia-X den Cloud-Riesen mit einer Vernet­zung von vielen klei­neren Anbie­tern aus Europa entge­gen­treten. Der Betrieb dyna­misch verteilter Systeme wie einer Cloud-Umge­bung ist aller­dings gerade für klei­nere Anbieter und die IT-Abtei­lungen in mittel­stän­dischen Unter­nehmen nur schwer zu meis­tern.

Bei der Entwick­lung von Gaia-X setzten die Initia­toren nicht von Anfang an auf eine umfang­reiche und allum­fas­sende Lösung, betonte das Wirt­schafts­minis­terium heute zum Auftakt eines zwei­tägigen virtu­ellen Gaia-X-Tref­fens. Viel­mehr wolle man im kommenden Jahr mit einem "Minimum Viable Product" ("minimal funk­tions­fähiges Produkt") an den Start gehen: Dies sei der Ausgangs­punkt für Proto­typen, den Test kriti­scher Funk­tio­nali­täten und weitere Entwick­lungen.

Erste Gaia-X-Anwen­dungen Mitte 2021

"Das Verfahren zur Zerti­fizie­rung, ob Dienste Gaia-X-konform sind, braucht noch etwas Zeit", sagte Boris Otto, Leiter des Fraun­hofer-Insti­tuts für Soft­ware- und System­technik (ISST), dem Tages­spiegel Back­ground Digi­tali­sie­rung und KI. "Wir werden Mitte nächsten Jahres die ersten zerti­fizierten Gaia-X-Anwen­dungen sehen."

Die auf Gaia-X basie­renden Anwen­dungen sollen es erlauben, Daten unter­ein­ander bran­chen- und länder­über­grei­fend sicher auszu­tau­schen. Außerdem sollen Cloud-Lösungen möglich gemacht werden, die dem euro­päi­schen Recht entspre­chen. Gegen Dienste aus den USA wie Micro­soft Azure, Google Cloud und Amazon AWS gibt es insbe­son­dere nach dem Urteil des EuGH ("Schrems II") Vorbe­halte, weil diese sowohl der Euro­päi­schen Daten­schutz­grund­ver­ord­nung als auch dem US-ameri­kani­schen Cloud Act entspre­chen müssen. Dies ist selbst mit indi­vidu­ellen Rahmen­ver­trägen nach Einschät­zung von Daten­schüt­zern kaum möglich.

Vor diesem Hinter­grund sind US-Konzerne wie Amazon, Google, IBM und Micro­soft selbst in der Gaia-X-Initia­tive aktiv. Dies wider­spricht der Vorgabe aus der Politik nicht: So hatte Minister Altmaier mehr­fach erklärt, dass auch Tech-Konzerne aus den USA Ange­bote entwi­ckeln sollten, die mit den Richt­linien von Gaia-X konform sind.

BDI: Ange­bote mit Mehr­wert für Unter­nehmen schaffen

Der Indus­trie­ver­band BDI forderte, schnellst­mög­lich Ange­bote mit einem konkreten Mehr­wert für Unter­nehmen zu schaffen. "Gaia-X muss der euro­päi­sche Gold­stan­dard in der Indus­trie werden", sagte Iris Plöger, Mitglied der BDI-Haupt­geschäfts­füh­rung. Die Politik sollte stärker Forschungs- und Entwick­lungs­pro­jekte in wirt­schaft­lichen Anwen­dungs­berei­chen fördern.

Bund, Länder und Kommunen müssten die Chance nutzen, mit Gaia-X die Digi­tali­sie­rung der öffent­lichen Verwal­tung voran­zutreiben: "Deutsch­land liegt mit seinen digi­talen Diensten auf einem inak­zep­tablen 21. Platz im Ranking der 27 EU-Staaten. Eine hohe Nach­frage aus dem öffent­lichen Sektor würde Gaia-X die drin­gend notwen­dige Start­hilfe geben."

Ob Gaia-X ein Erfolg wie Gaia werden könnte, lesen Sie in einem Edito­rial zum Thema.

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