Funkloch

Telekom kündigt ISDN: Ein Tal (fast) ohne Telefon & Mobilfunk

Aufre­gung im Jäger­thal entlang der B37 in Rhein­land-Pfalz. Die Telekom hat die ISDN-Anschlüsse gekün­digt. Mobil­funk gibt es auch nicht - Rück­fall in die Stein­zeit? teltarif.de hakte nach. Jetzt werden Alter­nativen geprüft.
Aus dem Funkloch berichtet
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Warnhinweis: Auf 15km haben Telekom Kunden kein Netz, Vodafone anfangs GSM, o2 höchstens mit Außenantenne und Verstärker.Warnhinweis: Auf 15km haben Telekom Kunden kein Netz, Vodafone anfangs GSM, o2 höchstens mit Außenantenne und Verstärker. Die Bundes­netz­agentur hat in ihre viel disku­tierten Auflagen zum Mobil­funk­ausbau hinein­geschrieben, dass bis 2025 alle Bundes­straßen versorgt sein müssen. Im gerade geän­derten Tele­kommu­nika­tions­gesetz drohen drako­nische Strafen, wenn die Versor­gung nicht hinhaut.

Das berühmte Funk­loch

In Rhein­land-Pfalz führt die Bundes­straße B37 unter anderem von 67098 Bad Dürk­heim nach 67468 Fran­kenstein durch das roman­tische "Jäger­thal". Die Strecke ist bei Ausflüg­lern beliebt, es gibt dort einige sehr empfeh­lens­werte Gast­häuser und Hotels, wo eine Einkehr lohnt. Doch Vorsicht: Dieses Tal ist über weiter Stre­cken ein einziges Mobil­funk­loch auf etwa 15 km Strecke.

Die dortigen Betriebe, Wohnungen und Gast­häuser im Tal nutzen Fest­netz­tele­fonie über­wiegend über ISDN. Das hat "all die Jahre ganz brauchbar funk­tioniert", wenn nicht starker Regen das über 100 Jahre alte Tele­fonhaupt­kabel über den Berg nach Weiden­thal mal wieder "erwischt" hat. Dann konnte es drei Wochen dauern, so berichten Betrof­fene, bis ein Telekom-Tech­niker darüber infor­miert wurde und sich in den tiefen Wald aufmachte, um das Kabel zu repa­rieren. Es soll 100 Doppel­adern haben, aber nur etwa 30 seien noch funk­tions­fähig, heißt es.

Das Jäger­thal gehört posta­lisch zu 67098 Bad Dürk­heim (Vorwahl 06322), aber tele­fontech­nisch zu Weiden­thal (Vorwahl 06329), weil es vor 100 Jahren kosten­güns­tiger war, das Kabel von dort über den Berg zu verlegen. Tech­nolo­gien wie virtu­elle Anschlüsse ("Fremd­anschal­tung") oder "Rufum­leitungen" gab es damals noch nicht. Mit Einfüh­rung des "Tele­fonnah­bereichs" im letzten Jahr­hundert war nur noch die andere Vorwahl zu beachten, tarif­lich konnten die Kunden zum "Orts­tarif" mitein­ander spre­chen.

Telekom kündigt ISDN

Kürz­lich bekamen die Talbe­wohner Post von der Telekom: Ihr ISDN-Anschluss wird gekün­digt. Die Alter­native: VoIP, Tele­fonie über das Internet. Da aber die Leitungen viel zu lang sind, wäre es in den aller­meisten Fällen auf MSAN (analoge Leitung mit IP-Modem in der Vermitt­lungs­stelle) hinaus­gelaufen. Also kein Internet, kein Fax (mehr) und nur noch eine Rufnummer, viel­leicht auch eine zweite.

Glas­faser - jetzt oder später oder doch nicht?

Dem Land­kreis Bad Dürk­heim, worin dieses Tal liegt, ist die Proble­matik bekannt. Im Rahmen einer Ausschrei­bung bekam das saar­ländi­sche Unter­nehmen "inexio" den Zuschlag, das Tal mit Glas­faser bis ins Haus geför­dert auszu­bauen. Weil aber die Baukon­junktur brummt, könnte der Auf- und Ausbau erst 2021 erfolgen, sagt inexio.

Und bis dahin? Wären die Gewer­bebe­triebe in ihrer Exis­tenz bedroht. Der Südwest­rund­funk (SWR) berich­tete ausführ­lich. Laut­stark klagten Anwohner, bei der Telekom keinen festen Ansprech­partner zu finden, ja einigen sei sogar per Brief MagentaTV ange­boten worden, was bei diesen langen Leitungen "tech­nisch unmög­lich" ist.

teltarif.de fragt nach

teltarif.de-Autor Henning Gajek kennt die Gegend wie seine Westen­tasche. Seit über 20 Jahren veran­staltet er in diesem Tal ein "Mobil­funk­experten-Treffen ohne Netz", wo Fach­leute und tech­nisch Inter­essierte über den Mobil­funk, seine Möglich­keiten und aktu­elle Entwick­lungen disku­tieren. Verbin­dungen waren ab und zu möglich, beispiels­weise über Satel­liten-Netze (von Iridium oder Inmarsat). Das "Funk­loch-Treffen" genießt bei den Besu­chern eine Art Kult­status. Hoch­rangige Vertreter der deut­schen Mobil­funk­indus­trie waren schon im Tal und lernten, wie sich so ein Funk­loch anfühlt.

Nachdem teltarif.de bekannt wurde, was den Tele­fonkunden in dem Tal blühen könnte, haben wir ein wenig recher­chiert.

Da liegt eine Faser, aber...

Im Jäger­thal liegt bereits eine Glas­faser, jedoch nicht von der Deut­schen Telekom, sondern vom privaten Anbieter inexio. Diese sei, so war zu erfahren, auf Initia­tive der dortigen Papier­indus­trie verlegt worden. Dafür wurde viel Geld in die Hand genommen, die Glas­faser­trasse verläuft von Altlei­ningen (bei Grün­stadt) über weite Stre­cken mitten durch den einsamen Wald.

Schon damals hatte inexio einigen Gast­betrieben im Tal einen Anschluss an diese Glas­faser ange­boten, so erin­nert sich ein Gastronom. Dabei seien Preise im "vier­stel­ligen" Bereich (für den einma­ligen Anschluss) und im "hohen drei­stel­ligen Bereich" für den monat­lichen Betrieb genannt worden. Der Gastronom wurde inzwi­schen auf DSL umge­stellt und hat das Glück, "gerade noch mit DSL 2000 aus Bad Dürk­heim" versorgt zu sein. "Internet und Telefon parallel geht aber gar nicht", berichtet er, der seinen Anschluss über die Firma Voda­fone gebucht hat, die aber ihre TAL-Leitungen und den Bitstream-Anschluss von der Deut­schen Telekom bezieht.

inexio gewinnt Ausschrei­bung

Erst kürz­lich hatte inexio im Zuge der staat­lichen Breit­band­förde­rung die Ausschrei­bung für den Cluster des Land­kreises Bad Dürk­heim gewonnen. Nun könnte die bereits vorhan­dene Glas­faser ergänzt und zur Versor­gung der Betriebe und privaten Anwohner verwendet werden. Da aber in der Tief­baubranche bekannt­lich alles "ausge­bucht" ist, soll es bis zum Jahr 2021 dauern, bis inexio alle Anschlüsse legen und auch einschalten kann.

Antwort aus Bonn: Gnaden­frist für ISDN

Wie teltarif.de erfuhr, hatte die Deut­sche Telekom schon mit inexio über die Mitnut­zung dieser Glas­faser verhan­delt, aber ohne Ergebnis.

Aufgrund der Nach­frage durch teltarif.de kündigte die Deut­sche Telekom an, für die betrof­fenen ISDN-Kunden die Kündi­gungen bis zum 30. September 2019 auszu­setzen. In der Tat: Einige Kunden wurden bereits durch die Telekom darüber infor­miert.

Denk­bare Alter­nativen

Folgende Lösungen zeichnen sich ab: Geprüft wird, ob symme­trisches DSL (SDSL) helfen könnte. Dabei lassen sich durch Paral­lelschal­tung von Kupfer­leitungen Geschwin­digkeiten von bis zu 20 MBit/s (symme­trisch!) pro Anschluss erzielen, sofern es noch genü­gend Kupfer­leitungen dafür gibt. Dieses Produkt nennt die Telekom "Deutsch­land-LAN-Connect-IP" (kurz DCIP). Es richtet sich speziell an Geschäfts­kunden, da es deut­lich teurer als ein Stan­dard-Anschluss ist.

Parallel ist die Deut­sche Telekom mit einem Satel­liten­betreiber in Gesprä­chen, um den Kunden, denen aufgrund der extremen Entfer­nungen kein ausrei­chender Breit­band­anschluss über ein Kabel mehr ange­boten werden kann, helfen zu können. Per Satellit könnten solche Gebiete sowohl mit Internet als auch mit Fern­sehen versorgt werden.

Telekom plant Satel­liten-Angebot für weit abge­legene Stand­orte

Die Deut­sche Telekom plant, bis zum Jahres­ende ein eigenes, neues Satel­liten­produkt einführen, das zusätz­lich auch Tele­fonge­spräche per Satellit ermög­licht. Betrof­fenen Kunden werde der Kunden­service ein entspre­chendes Angebot noch inner­halb der Kündi­gungs­frist machen.

Und der Mobil­funk?

Wir haben auch die löch­rige Mobil­funk-Versor­gung in diesem Tal analy­siert: Es wird derzeit von Voda­fone über einen ehema­ligen NATAO-Sende­masten versorgt, nur nicht durch­gehend und nur mit GSM (2G). Das Voda­fone-Signal reicht dann - je nach Wetter­lage bis zur Hälfte des Tales. Dahinter konnte mit einer werk­seitig einge­bauten Tele­fonan­lage in einem Audi A6 mit o2 tele­foniert werden, abhängig von Bewal­dung und Wetter­lage.

Die "beste Netz der Telekom" meldet zwischen Bad Dürk­heim, Orts­teil Harden­burg und dem Ruhe­forst auf der Fran­kensteiner Höhe derzeit durch­gehend "Kein Netz".

Laut Telekom sei "ein Ausbau mit Funk­masten aus Wirt­schaft­lich­keits­gründen" nicht geplant. Aufgrund der aktu­ellen Ausbau­auflagen der Netz­agentur dürfte dieses Tal bald doch versorgt werden, vermut­lich sobald die Regeln für eine staat­liche Ausbau­förde­rung des Mobil­funks aufge­stellt und in Kraft gesetzt sind.

Solche Fälle wie das Jäger­thal gibt es in Deutsch­land unzäh­lige. Anhand solcher "Einzel­fälle" werden diese Probleme auf einmal verständ­lich und zeigen anschau­lich, dass hier Politik und Netz­betreiber eine wich­tige Aufgabe haben, die sie schnellst­möglich lösen müssen.

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