Raus aus Funkloch

Funklöcher durch schlechte Handys und langsame Bürokraten?

Viele Nutzer klagen über Funklöcher. Schuld sind fehlende Sender, aber auch schlechte Handyempfänger. Es gibt einiges zu tun.
Vom Telekom Symposium in Berlin berichtet

Kürzlich hatte der Verband der Automobil-Industrie (VDA) sich lautstark darüber beschwert, dass im Grenzbereich zwischen Deutschland und Frankreich zwischen Kehl und Strasbourg auf 12-15 km Streckenlänge ein einziges Funkloch sei. "Ja", sagt man bei der Telekom, "das stimmt." Eine Ursache sei die komplizierte Frequenz-Abstimmung mit den Nachbarländern. In den Grenzzonen zu unseren Nachbarstaaten strahlen ausländische Anbieter oft stärker ein, als deutsche Netze verfügbar sind. Während in Deutschland Grenzwerte penibel genau beachtet würden, sähen die Nachbarländer das viel lockerer und sendeten munter drauflos.

Funklöcher durch schlechte Handys?

Funklöcher können durch fehlende Sendemasten, aber auch schlechte Empfangsqualität oder falsche Handytechnik entstehen. Funklöcher können durch fehlende Sendemasten, aber auch schlechte Empfangsqualität oder falsche Handytechnik entstehen.
Bild: teltarif.de
Immer wieder wird über Funklöcher und schlechte Verbindungen geklagt. Schon länger berichten Brancheninsider über die teilweise "katastrophale Empfangsqualität" aktueller und angesagter Smartphones. Bei der Telekom spricht man das Thema erstmalig offen an: "Neue Handys und Smartphones sind heute wesentlich schlechter, was Sprachtelefonie betrifft, die Call-Drop-Rate (das Verhältnis von erfolgreichen Verbindungen zu den durch das Netz oder das Handy abgebrochenen Anrufen) ist spürbar höher."

Als Ursache wird die immer komplexere Technik ausgemacht, die in die aktuellen Smartphones integriert werden müsse. Dabei machten die Hersteller Kompromisse und vernachlässigten den Sprachteil. Konkrete Herstellernamen oder Modellreihen wollte man nicht nennen, aber im Vergleich zu einem "klassischen Nokia-GSM-Telefon mit Außenantenne" seien die Unterschiede deutlich spürbar, so Technik-Chef Walter Goldenits in Berlin.

Ein weiterer Grund für abbrechende Verbindungen kann sein, dass die Kunden ältere Handys nutzen, die nicht (mehr) alle angebotenen Netztechnologien beherrschen (GSM only oder GSM/UMTS only), oder der gebuchte Mobilfunkvertrag erlaubt beispielsweise keinen Zugriff auf LTE.

Problemfall Eisenbahn

Angesprochen wurde der streckenweise ungenügende Netzausbau in den Zügen der deutschen Bahn oder ihrer privaten Mitbewerber. Beim Versuch, die Situation zu verbessern, träten teilweise Interferenzen mit dem Bahnfunknetz nach GSM-R-Standard (bei 800 MHz) auf. GSM-R ist für die Bahn aber existentiell wichtig, da darüber auch Züge gesteuert werden. Deswegen sei die Bahn hier sehr vorsichtig unterwegs. Da die wichtigen Zugstrecken stark befahren sind, bleibe wenig Zeit zum Aufbau der notwendigen Sendeanlagen. Da müsse noch einiges getan werden.

Wäre National Roaming die Lösung?

Wer kennt nicht die Situation, wenn das Handy "kein Netz" oder "Nur Notrufe" anzeigt. Gerade "Nur Notrufe" zeigt ja, dass ja ein anderes Netz empfangbar wäre, aber dafür hat man vielleicht keine passende Karte oder Vertrag zur Hand, sprich Telekom-Kunden dürfen nicht zu Vodafone oder o2 rein und umgekehrt. Da wäre doch "National Roaming", wie in den USA oder Kanada eine optimale Lösung. Oder nicht?

Unter "National Roaming" verstünden gerade die neuen Anbieter nicht die Nutzung von 5G, sondern ein denkbarer neuer Betreiber wolle das bereits bestehende 4G-Netz mitnutzen. "Wenn es dafür eine kommerzielle Einigung gibt, ist das ok und die Bundesnetzagentur soll auch der Schiedsrichter sein", findet Dirk Wössner von der Telekom.

Beispiel Kanada: National Roaming stoppt den Netzausbau

National Roaming kann den Netzausbau in der Fläche zum Erliegen bringen. Wössner, der vorher beim kanadischen Netzanbieter Rogers in leitender Position gearbeitet hatte, berichtete, dass in Kanada etwa 7000 Senderstandorte für die landesweite Netzversorgung reichten, das hänge dort mit der Besiedlung und den vergebenen Frequenzen zusammen. Kanada ist "viel urbanisierter". In Deutschland stehen wesentlich mehr Stationen (alleine bei der Telekom ca. 29 000) und dennoch gibt es immer noch gewaltigen Nachholbedarf.

In Kanada sei genau das passiert, was in Deutschland nicht passieren dürfe: Im Jahre 2015 wurde "national Roaming" eingeführt, um einen vierten Betreiber in den Markt zu bringen. In Folge hörten die vorhandenen führenden Netzbetreiber (Bell und Telus) mit dem Ausbau in der Fläche auf, weil "das lohnt doch nicht mehr, denn es gibt ja National Roaming". In Folge hat der damals neue Betreiber "Wind" (heute "Freedom Mobile") nur noch die lukrativen Städte ausgebaut und sich komplett auf die anderen "verlassen". Auch nach mehreren Jahren werde von Wind außerhalb von Ballungsgebieten nichts zusätzliches ausgebaut. Der Wettbewerb zwischen Anbieter drei (Rogers) und vier (Wind / Freedom Mobile) ging deutlich zurück.

Besseres Netz bei einem bestimmten Anbieter war auf einmal kein Argument mehr für die Kunden, da sie ja automatisch über das "National Roaming" zu Nutznießern des Netzausbaus der anderen Anbieter wurden. Die "unwirtschaftlichen ländlichen Gebiete" mussten darunter leiden. In Deutschland befürchtet Wössner genau den gleichen Effekt.

Denkbare Lösung Network-Sharing

Wössner ist zu Network-Sharing bereit: "Du baust 100 Sites (=Stationen) hier, ich baue 100 Sites da". Aber: Ein regulierten Preis wäre nur ein Durchschnittspreis aus der dicht besiedelten Stadt. Nur auf dem Land ist der Ausbau viel teurer, das kann sich mit regulierten Preisen gar nicht rechnen.

Wenn zwei Anbieter fusionieren, steigen die Preise - so die landläufige Befürchtung. Es kann aber auch anders kommen. Wie genau, lesen Sie auf der dritten Seite.

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