20 Jahre

Telekom: Ein Sender gegen 10 km Funkloch

Eine Bundes­straße quer durch den Pfäl­zer­wald. Seit 30 Jahren ein digi­tales Funk­loch - fast. Es gab Anläufe, es zu stopfen, aber die meisten gaben auf. Jetzt plant die Telekom, es zu schließen.

Telekom-Pressesprecher Georg von Wagner in den Fluten der Isenach, deren Tal ein über 10km langes Funkloch entlang der B37 darstellt. Telekom-Pressesprecher Georg von Wagner in den Fluten der Isenach, deren Tal ein über 10km langes Funkloch entlang der B37 darstellt.
Video: Deutsche Telekom / Screenshot: teltarif.de
Deutsch­lands viel­leicht bekann­testes und lang­jährig im Internet disku­tiertes Funk­loch liegt im Pfälzer Wald, genauer zwischen 67098 Bad Dürk­heim und 67468 Fran­ken­stein (Pfalz), wo auf etwa 10 km so gut wie nichts geht. Und das entlang einer von Ausflüg­lern gern befahren Bundes­straße (B37).

Viele Ausbau-Versuche

Telekom-Pressesprecher Georg von Wagner in den Fluten der Isenach, deren Tal ein über 10km langes Funkloch entlang der B37 darstellt. Telekom-Pressesprecher Georg von Wagner in den Fluten der Isenach, deren Tal ein über 10km langes Funkloch entlang der B37 darstellt.
Video: Deutsche Telekom / Screenshot: teltarif.de
Zwar gab es immer wieder zaghafte Anläufe, das Loch zu stopfen. Mannes­mann Mobil­funk (Vorläufer von Voda­fone) entdeckte im Wald einen verlas­senen Sende­mast der NATO und konnte diesen schon in den 1990er Jahren mieten. Seitdem wird von dort mit GSM900 gesendet und ein kleiner Teil des Tales mehr schlecht als recht erreicht, mehr passierte nicht. E-Plus disku­tierte früh intern den Voll­ausbau des Tals und kam zu dem Schluss, dass mindes­tens drei Sende­masten samt Technik notwendig gewesen wären. Das Projekt verschwand als "viel zu teuer" wieder in den Schub­laden.

Auch poli­ti­sche Anfragen im Rhein­land-Pfäl­zi­schen Landtag gaben nur eine lapi­dare Antwort: "Ja, da gibt es noch Verbes­se­rungs­be­darf", dann passierte wieder ewig lange nichts.

Wir jagen Funk­lö­cher

Dann kam 2019 die Aktion "Wir jagen Funk­lö­cher" der Telekom. Die Kreis­stadt Bad Dürk­heim (Auto­kenn­zei­chen "DÜW") hatte sich bei der Aktion beworben und den Zuschlag erhalten. Ab Sommer 2021 - so der Plan - soll der west­liche Stadt­rand und der angren­zende Pfäl­zer­wald "eine zeit­ge­mäße Mobil­funk­ver­sor­gung" bekommen.

Die Bundes­straße B37 schlän­gelt sich durch das beschau­liche Isenach-Tal und führt dann auf einen Pass, der hier "Fran­ken­steiner Steige" genannt wird. Auf der Pass­höhe ist dann wieder Empfang aus dem Ort Fran­ken­stein (Pfalz), wo es Sende­masten aller drei verblie­benen Netz­be­treiber gibt. Diese Bundes­straße ist bei Motor­rad­fah­rern sehr beliebt und bei Störungen auf der paral­lelen Auto­bahn A6 (Mann­heim-Saar­brü­cken) dient sie als Umlei­tungs­strecke. Nur Netz gibt es dort nicht.

20 Jahre "Funk­loch-Treffen"

teltarif.de-Redak­teur Henning Gajek lädt seit 20 Jahren einmal im Jahr eine Hand­voll Mobil­funk-Spezia­listen zum Meinungs- und Erfah­rungs­aus­tausch über Mobil­funk ein, zum soge­nannten "Funk­loch-Treffen". Im Laufe der Jahre kamen schon einige Promis aus der Mobil­funk­szene (von Telekom, Mannes­mann/Voda­fone, E-Plus oder VIAG-Interkom/o2) in das Tal und genossen die urtüm­liche Land­schaft und (fast) kein klin­gelndes Handy. Mit Satel­liten-Mobil-Tele­fonen kann man im Wald an wenigen Stellen Glück haben und an ausge­suchten Stellen oder mit sehr guter Fahr­zeug­an­ten­nen­an­lage können Signale von Voda­fone oder o2 empfangen und genutzt werden, aber über­wie­gend herrscht Funk­stille.

Telekom drehte Video im Wald

Regel­mäßig berichtet die Deut­sche Telekom auf ihren YouTube-Kanal Telekom Netz über ihre Akti­vi­täten und den Ausbau des Netzes. Regel­mäßig wurden und werden Gewinner der Wir-Jagen-Funk­lö­cher-Aktion vorge­stellt. Im aktu­ellen Video geht es um den Netz­ausbau bei Bad Dürk­heim.

Im Video kommen alle wich­tigen Betei­ligten zu Wort. Gleich zu Beginn hat sich aber ein Fehler einge­schli­chen: Der Bach heißt schlicht Isenach, ohne "B".

55-Meter-Mast soll dem Funk­loch ein Ende bereiten

Der Plan der Telekom: Entweder auf dem etwa 442 Meter hohen Hahn­acker­kopf oder nahe des Forst­hauses und ehema­ligen Jagd­schlosses Kehr­dich­an­nichts soll ein 55 Meter hoher Stahl­git­ter­mast auf einem 10-mal-10-Meter-Beton-Funda­ment aufge­baut werden. Strom gäbe es beim Jagd­haus, die Stadt­werke Bad Dürk­heim wären beim Verlegen der Leitung behilf­lich. Das Mobil­funk-Signal könnte über Richt­funk zum Turm "Bad Dürk­heim 2" und von dort nach Eisen­berg (Pfalz) weiter­ge­schickt werden, wo es dann im Glas­faser-Netz der Telekom ankäme. Eine Glas­faser direkt zum Mast wäre etwas kniff­liger, weil es dort weit und breit keine Glas­faser gibt oder wenn, dann gehört sie dem privaten Mitbe­werber Inexio, der den Internet-Ausbau des Land­kreises bei einer Ausschrei­bung gewonnen hat.

Die Idee eines Sende­masten im Wald soll es, so berichten Einge­weihte, vor Jahren schon einmal gegeben haben. Damals seien Forst­wirt­schaft und Natur­schutz "nicht über­zeugt" gewesen. Das könnte sich inzwi­schen geän­dert haben. Wenn ein Forst­ar­beiter sich im Wald verletzt oder ein Wanderer Hilfe braucht, gibt es zwar beschil­derte Rettungs­punkte im Wald, die empfehlen die "112" zu wählen, nur wo kein Netz ist, geht das nicht.

Bad Dürk­heim durch "Wurst­markt" berühmt

Die Stadt Bad Dürk­heim ist bundes- oder sogar welt­weit bekannt. Alljähr­lich im September (nur dieses Jahr nicht) findet der Dürk­heimer Wurst­markt statt, das mit 600 000 Besu­chern größte Wein­fest der Welt. Auf dem Wurst­markt­ge­lände steht das Dürk­heimer Riesen­fass, mit einem theo­re­ti­schen Füll-Volumen von 1,7 Millionen Litern das größte Wein­fass der Welt. Im Inneren des gigan­ti­schen Holz­fasses schwappt aber kein Wein, sondern es kann als Restau­rant für über 400 Gäste dienen.

Die Stadt Bad Dürk­heim hat rund 18 500 Einwohner und ist an sich recht gut mit Mobil­funk versorgt, wenn man von einigen "Schwach­stellen" im Orts­teil Seebach absieht. Nur ganz im Westen der Kurstadt, kurz hinter dem Orts­teil Harden­burg im Natur­park Pfäl­zer­wald und im Isen­achtal, gibt es es bisher allein schon aufgrund der schwie­rigen Geogra­phie mit tiefen Tälern und zahl­rei­chen Biegungen keinen Mobil­funk-Empfang.

Deshalb hatte sich die Stadt Bad Dürk­heim bei der Aktion „Wir jagen Funk­lö­cher“ der Deut­schen Telekom beworben. Mit dieser Initia­tive schließt die Telekom auf eigene Kosten Lücken in Orten und Regionen, in denen sich eine Versor­gung wirt­schaft­lich meist gar nicht rechnet. Die Bedin­gung: Die Gemeinde, die sich bewirbt, muss einen eindeu­tigen Rats­be­schluss im Gepäck haben, plus einen für den Sender nutz­baren und zuge­las­senen Standort.

Damit will die Telekom das Enga­ge­ment und die Eigen­in­itia­tive von Kommunen belohnen, die von sich aus auf die Telekom zukommen und einen passenden Mobil­funk­standort vorschlagen. Unter den zahl­rei­chen Bewer­bern wurde auch Bad Dürk­heim ausge­wählt. Derzeit laufen die Vorbe­rei­tungen für das vergleichs­weise aufwän­dige Projekt. Etwa 200 000 Euro betragen die Kosten in der Regel für einen solchen Mast­standort.

Mobil­funk für das Isen­achtal

Viele Menschen wohnen zwar nicht dauer­haft im idyl­li­schen Isen­achtal. Dafür zieht es gerade am Wochen­ende zahl­reiche Ausflügler zum Wandern und Entspannen in den Natur­park. Thorsten Brand ist Orts­vor­steher des Bad Dürk­heimer Orts­teils Harden­burg und zugleich Wirt der Wald­gast­stätte „Alte Schmelz“. Er leidet unter der schlechten Mobil­funk und Fest­netz-Inter­net­ver­sor­gung. Seitdem die Telekom ihr ISDN-Angebot einge­stellt hat, blieb ihm nur noch der Wechsel zu einem Fest­netz-DSL-Anschluss von Voda­fone, wo er auch seinen Mobil­funk­ver­trag hat, denn der bereits erwähnte Nato-Sende-Turm reicht gerade bis zu ihm.

Brand kennt als „Orts­ver­steher“, die Gege­ben­heiten und die Bedürf­nisse der Menschen: „Das Thema Mobil­funk wird immer wich­tiger. Wir sind einfach auf eine gute Mobil­funk­ver­sor­gung ange­wiesen – also nicht nur wir Gastro­nomen, sondern auch die Gäste.“

Der Mast auf dem Berg

Um das Wald­ge­biet, die angren­zenden Gemeinden und einige Papier­fa­briken mit Mobil­funk zu versorgen, soll auf einer Anhöhe ein 55 Meter hoher Funk­mast als Stahl­git­ter­kon­struk­tion errichtet werden – der aber so gut in die Land­schaft inte­griert ist, dass er das Idyll im Pfäl­zer­wald kaum beein­träch­tigt. Vom Tal aus wird man ihn kaum sehen können. Der Mast soll in Einzel­teilen ange­lie­fert und ans Ziel gebracht werden – über Forst­wege, die für den Holz­trans­port ohnehin schon relativ breit und belas­tungs­fähig ange­legt sind. Andreas Windhab, Deutsche Funkturm, möchte einen 55m Funkmasten bauen, um das riesige Funkloch zu erschließen. Andreas Windhab, Deutsche Funkturm, möchte einen 55m Funkmasten bauen, um das riesige Funkloch zu erschließen.
Video: Deutsche Telekom / Screenshot: teltarif.de
„Strom ist leider mitten auf dem Berg bisher keiner verfügbar“, berichtet Andreas Windhab von der Deut­schen Funk­turm GmbH, die für die Telekom die Funk­masten errichtet. Aber hier arbeiten die Stadt­werke Bad Dürk­heim bereits an einer Lösung, um ein Strom­kabel direkt unter­halb schon bestehender Wege möglichst wald­scho­nend nach oben zu verlegen. Glas­faser muss dagegen keine verlegt werden, denn der geplante Mast wird per Richt­funk ans welt­weite Daten­netz der Telekom ange­bunden. „So kommen wir ins öffent­liche Netz und haben dann die Perfor­mance, um das Gebiet breit­bandig zu versorgen.“

Umwelt­schutz an oberster Stelle

Weil der Pfäl­zer­wald nicht nur eines der größten zusam­men­hän­genden Wald­ge­biete Deutsch­lands ist, sondern auch UNESCO-Biosphä­ren­re­servat, stehen bei allen Planungen und Arbeiten Umwelt- und Natur­schutz an oberster Stelle. Frank Stipp, Forst­amts­leiter von Bad Dürk­heim, erklärt, worum es dabei geht: „Das eine ist das wald­recht­liche Verfahren. Das heißt, sie brau­chen eine Geneh­mi­gung des Forst­amtes, wenn sie ein Stück Wald roden oder in eine andere Nutzungsart umwan­deln wollen. Und dann müssen wir natür­lich natur­schutz­recht­liche und wasser­recht­liche Fragen prüfen.“

Erste Hilfe für Wanderer und Touristen

Doch nicht nur Hotel­lerie, Gastro­nomie und Erho­lungs­su­chende warten drin­gend auf eine zeit­ge­mäße Mobil­funk­an­bin­dung, sondern auch Rettungs- und Einsatz­kräfte. Frank Stipp kennt die Probleme vor Ort: „Im Pfäl­zer­wald gibt es noch in nennens­wertem Umfang Ecken, die entweder nicht mit allen Netzen erreichbar sind, oder zum Teil auch gar nicht erreichbar sind.“ Und so steht an den Anfahr­punkten für Rettungs­fahr­zeuge im Wald zwar immer die „112“ als Kontakt – aber ohne Mobil­funk ist auch kein Notruf für verletzte Wald­ar­beiter möglich, oder für Wanderer, die ohne Hilfe nicht mehr weiter­können.

Die sorg­fäl­tigen Prüfungen all dieser Fragen liefern die Antwort darauf, ob hier ein Funk­mast aus allen Natur­schutz­aspekten geneh­mi­gungs­fähig ist. Wenn die Antwort positiv ausfällt, können die Bad Dürk­heimer viel­leicht schon auf dem „Worschd­markt“ 2021 nicht nur auf die Rück­kehr ihres Wein­festes nach einem Jahr Corona-Pause anstoßen, sondern auch auf eine zeit­ge­mäße Mobil­funk­ver­sor­gung im benach­barten Pfäl­zer­wald.

Die Telekom ist sich sicher, dass die Bad Dürk­heimer im Sommer 2021 einen weiteren Grund zu feiern haben könnten. Dann sollte der Mast im Wald bereits senden und zahl­reiche Rettungs­punkte, Wald- und Wander­wege versorgen.

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