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FTTH: Das Festnetz wird runderneuert

Regulatorische und technische Unsicherheiten verzögern den Ausbau

Als in den 80er Jahren Videorecorder für den Heimgebrauch populär wurden, gab es drei inkompatible, miteinander im Wettstreit stehende Systeme: VHS, Betamax und Video 2000. Das rein europäische Video 2000 musst zuerst aufgeben; einige Jahre später folgte Betamax. VHS war hingegen zwei Jahrzehnte lang das führende System, und wurde erst in jüngster Zeit durch digitale DVD- und Festplatten-Recorder abgelöst.

Ein optischer Router von ZTE. Im Bereich der Glasfaser-Anschlüsse ist die Situation nun noch wesentlich komplexer. Es gibt nicht nur die drei oben erwähnten grundsätzlichen Aufbauvarianten (aktiv, passiv mit Leistungs-Split, passiv mit Wellenlängen-Split), sondern auch noch jeweils mehrere Standards für die Beschaltung mit aktiven Komponenten. Diese Technik-Vielfalt bremst die Entscheidung bei den großen Telefonfirmen. Denn die Gefahr, auf das falsche Pferd zu setzen und am Schluss mit einem System dazustehen, das niemand anders einsetzt und für das es keine oder zumindest keine bezahlbaren Upgrades mehr gibt, ist groß.

Die Telekom hat das mit dem teils optischen, auf den letzten Metern dann aber wieder kupfer-basiertem OPAL-System bereits hautnah erlebt: Für den schnellen Aufbau Ost nach der Wiedervereinigung war die Anfang der 90er Jahre bahnbrechende Technologie ideal. Doch als Anfang dieses Jahrtausend der DSL-Boom begann, gab es viele Jahre lang keine bezahlbare Upgrade-Möglichkeit, um die OPAL-Technik von Analog- und ISDN-Standard auf Breitband-Geschwindigkeiten zu heben. Erst seit kurzem sind kostengünstige outdoor-DSLAMs verfügbar, mit denen sich die OPAL-Verteiler entsprechend nachrüsten lassen.

Regulatorische Unwägbarkeiten behindern FTTH-Ausbau

Hinzu kommen regulatorische Unsicherheiten. Das Vermieten einer einzelnen Anschlussleitung an die Konkurrenz - wozu die Telekom beim herkömmlichen Festnetz gezwungen ist, ist mit GPON-Bäumen nicht möglich. Man müsste hier immer alle Kunden auf einmal migrieren. Jedem Kunden gleich parallel mehrere Fasern ins Haus zu führen, wie es wohl in Nachbarländern beim Aufbau passiert, erhöht die eh schon nicht gerade geringen Aufbaukosten noch weiter.

So verwundert es überhaupt nicht, dass sich die Telekom mit der Wahl der FTTH-Technologie viel Zeit gelassen hat, und jetzt auch einen nur mäßig ambitionierten Aufbauplan vorlegt: Lieber nur wenige Anschlüsse und die zugehörigen Investitionen wegschmeißen, wenn Industriestandard oder Regulierer in Zukunft eine andere Technologie nahelegen als die für den Aufbau gewählte.

Auf der anderen Seite stehen natürlich die Ausrüster, die ihre FTTH-Geräte lieber heute als morgen verkaufen wollen. ZTE fand auf dem Broadband World Forum in Paris diesbezüglich harte Worte und bezeichnete Europa als "rückständig". Künftig würde sogar die Abwanderung von Teilen der Bevölkerung auf andere Kontinente drohen, wenn es keine vernünftigen Breitbandanschlüsse gebe.

Einen Bericht vom FTTH-Testbetrieb der Telekom in Dresden finden Sie in einem weiteren Artikel.

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