Frei Sprechen
15.07.2009 18:36

Analoge Sinnlichkeit oder digitale Kälte?

Wie wichtig ist das sensorische Erleben beim Konsum von Information?
teltarif.de Leser tswinner schreibt:
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Gestern wohnte ich einer Podiumsdiskussion zum Thema Bücher bei, die mich zum Nachdenken gebracht hat. Thema war, was den Menschen mit dem Verschwinden von Büchern zugunsten digitaler, virtueller Medien verloren gehen würde. Vor allem das Konkurrenzverhältnis Buch vs. E-Book Reader war dabei Thema. Der Aspekt der fehlenden Haptik numerischer Information stand dabei unter anderem im Vordergrund.

Der Wunsch von Nutzern nach dem haptischen Erleben, lässt sich an verschiedenen Trends in der Bedienung digitaler Medien festmachen. Viele Ansätze verfolgen dabei den Weg, die Interaktion zwischen Mensch und Maschine auf eine benutzerfreundliche Ebene zu heben. Beispiele lassen sich viele finden: Die Erkennung menschlicher Eingaben mit der Hilfe von Gyroskopen, Kameras und Mikrofonen. Der Trend zu Netvertibles, Touch-Oberflächen und Sprachsteuerung bleibt ungebrochen. Können Force-Feedback-Technologien eine "echte" Rückmeldung ersetzen?

Das Bedürfnis nach "Anfassbarkeit" von Informationträgern besteht: Das Fotobuch hat das Fotoalbum wieder aufleben lassen und der Boom von Vinyl-Schallplatten hält an, dies nur als Beispiele genannt. Der Zeitungsleser und die Bücherratte stehen E-Book Readern skeptisch gegenüber, alles nur analoge Nostalgie oder steckt mehr dahinter?

Was dem Nutzer fehlt bei der Eingabe und Aufnahme ist die Ausgabe, das Haptische, die fühlbare Rückantwort. Die Verknüpfung der Information mit all unseren Sinnen ist wichtig für das Verstehen und Behalten. Begeben wir uns mit jedem neuen Gerät, ob Bildschirm oder Eingabegerät, weiter hinein in eine kalte Welt den sensorischen Leere, eine Welt ohne Erleben? Können folgende Generationen in Zukunft zwar mit der künstlichen Welt der digitalen Medien perfekt umgehen, bekommen jedoch Probleme in der Realität? Womöglich kehrt sich das Verhältnis zwischen Virtualität und Realität um: die physische muss der Ordnung und Bedienung der digitalen Welt untergeordnet werden.

Wie Viele versuche ich, der Informationen, die täglich an einem vorbei fliegen, Herr zu werden, in dem ich mir wichtige Fotos und Texte zum intensiven Lesen ausdrucke und lasse so die Möglichkeit offen, die Dinge nicht nur optisch, sondern auch haptisch und olfaktorisch erlebbar zu machen. So etwas ist, verständlicher Weise, in Anbetracht der Informationsflut, nur bedingt möglich.

Welchen Wert hat die analoge Welt für die teltarif-Leser noch? Wie geht Ihr mit der Verlust sensorischer Reize in der digitalen Welt um, oder stellt sich dieses Problem Euch gar nicht? Ich freue mich auf spannenden Kommentare!

6x geändert, zuletzt am 16.07.2009 14:29
Kommentare zum Thema (5)
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lobo antwortet
15.07.2009 19:02
Teilweise ist das ganze überbewertet. Auf die haptischen
Erfahrungen beim Lesen von 1qm Zeitung in der Touristenklasse
im Flugzeug oder die Druckerschwärze and den Händen kann
ich gern verzichten. Auch das olfaktorische Erlebnis beim Gang
zu den Mülleimern um die ganze Werbung, Zeitungen und Zeitschriften zu entsorgen ist nicht mein Ding. Die Berührung
eines lebenden Baumes in Skandinavien gibt mir auch viel mehr
als die Berührung irgendwelcher Papierseiten.
Ein größeres Problem ist der ganze Rechte-Kram. Wenn man einen E-Reader hat will man auch Abschnitte kopieren und sammeln können. Zudem sollte es möglich sein eigene Kommentare auf
dem E-Papier unterbringen zu können.
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mirakaja antwortet
16.07.2009 09:58

2x geändert, zuletzt am 16.07.2009 10:10
Analoge Sinnlichkeit!
Für mich gehört es einfach zum Erlebnis Lesen dazu, dass ich mein Buch dabei habe. Es in der Hand halte, ihm Eselsohren zufüge, es bekleckere und ihm am Ende das Aussehen von mind. einmal Durchgelesen verpasst habe. Danach kommt es dann schön in den Bücherschrank, wo es Staub sammeln kann. Nein, eigentlich kommt es in den Bücherschrank, damit man ein schönes buntes Regal im Zimmer stehen hat, dass dem Wohnraum so ein angenehmes antiquariates Flair verleiht. Und natürlich hat das Bücherregal auch einen sozialen Aspekt: Besucher schauen sich die Bücher an, man tauscht sich über Lieblingsbücher aus, greift rein und verleiht den Schmöker.
Für die Sonntagszeitung gilt dasselbe. Halten, Knicken, Falten, Bekrümeln, weiterreichen "Schatz, das musst du gelesen haben".

Im Alltag, unter der Woche, jedoch nehme ich viele Informationen nur noch online auf. Lese Internet-Nachrichten und Pdf´s. Irgendwann habe ich auch aus reiner Bequemlichkeit aufgegeben, Texte auszudrucken. Das lesen am PC ist vollkommen normaler, praktischer Alltag geworden.

Analoge Sinnlichkeit gehört also in die private Freizeitwelt,
Digitale Kälte in den Informationsalltag.

Eine kleine Anekdote zum Schluss:
Neulich haben mir meine Eltern, beides passionierte Leseratten, eröffnet, dass sie demnächst in Spanien überwintern wollen. Auf meine Frage hin, wie sie das mit ihrer Bücherversorgung regeln wollen guckten mich beide besorgt an und meinten: Hast du denn noch nichts von diesen E-Books gehört?"
Meine Eltern, die keine SMS schreiben können, erklärten mir nun, dass es das doch jetzt sogar schon von Sony gebe.
Rentner umarmen nun also den Fortschritt, während sich die Generation Internet an eine romantisch-verklärte Welt aus Papier und Vinyl krallt?

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das kommt auf die Nutzungssituation an
peregrintuk antwortet
16.07.2009 10:05
Sehr schöner Beitrag, der gut aufzeigt, welche zumindest denkbaren Probleme auf uns zukommen, wenn es in 10? oder 20? Jahren einmal fast nur noch intelligente digitale Ausgabemedien gibt. Die Frage dabei ist, ob z.B. nur die Tageszeitungen verschwinden werden und das Leseerlebnis eines guten Buches uns haptisch und analog erhalten bleiben wird oder ob es umgekehrt ist und alle Literatur nur noch in eBook-Readern zu haben sein wird.

Wenn man weiter in die Zukunft spinnt könnte es auch möglich sein, dass wir gar nicht mehr mit den Augen lesen müssen, jegliches haptisches Erlebnis würde dann entfallen. Ich denke dabei an Szenarien, wie wir sie von dem Film "Matrix" kennen, wo sozusagen Instruktionen und Anleitungen direkt ins Gehirn geladen werden, eine Mensch-Maschine-Schnittstelle quasi. Ich muss sagen, sowas möchte ich nicht unbedingt erleben.

Ich denke, dass es auf die Nutzungssituation ankommt, wann ein eBook-Reader besser ist als Buch oder Zeitung. Auf das haptische und olfaktorische Erlebnis des Zeitungslesens am Frühstückstisch möchte ich beispielsweise nicht verzichten. Im Zug oder Flugzeug hingegen könnten tatsächlich e-Reader dem umständlichen Blättern überlegen sein. Gleiches gilt für Bücher, auch hier geht nichts über das Gefühl, ein bellistristisches Buch durch Blättern zu erleben und damit den Protagonisten der Geschichte auch fühlbar näher zu sein. Sachbücher hingegen kann ich mir durchaus als E-Reader vorstellen, vor allem, weil hier dann auch einfach die Aktualität immer durch Online-Updates gehalten werden kann.
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Das Analoge verschwindet nicht es verändert sich.
neolux23 antwortet
16.07.2009 12:24
Vorweg ein sehr guter Beitrag wie ich finde. Jedoch möchte ich behaupten das die Haptik von der hier viel geredet wird und ebenso die Analoge Sinnlichkeit nicht verschwinden wenn dann verschieben sie sich aber sie verschwinden nicht. Beispiel der E-Book Reader von Amazon der Kindl. Der kommt beispielsweise mit einer hübschen Ledertasche daher die auch beim Lesen am Gerät bleibt. Und aus meiner Erfahrung ist es ein ebenso Sinnliches Erlebnis mit dem Kindl zu lesen. Das sanfte Metall der Geruch des Leders die Edle Optik die Erwartung was auf der nächsten Seite Passiert während der Finger den Knopf zum Umblättern drückt. Hier ist ebenso Haptik und Analoge Sinnlichkeit gegeben. Und gleiches lässt sich auch auf alle anderen bisheriegen Veränderungen Übertragen. Das Erleben verändert sich zwar aber es wird nicht wegfallen. Hier ist zum Beispiel auch der Vergleich mit dem Zug interessant betrachtet doch einfach mal Zugreisen von Früher und damals. Also von daher es ist ein Interessanter Gedanke der im Beitrag aufgegriffen wird aber ich halte es nicht für Relevant.
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E-Books
bholmer antwortet auf neolux23
17.07.2009 09:14
Wenn man mal Revue passieren lässt, wie sich schon jetzt in den letzten 20-30 Jahren die Darstellung des Digitalen verändert hat, wird sich da sicher noch vieles tun.
In den 80er Jahren gab es um eine Lesbarkeit von digitalen Texten "80-Zeichen-Karten" als Option für den Apple II Computer. Diese konnten nicht ganz 256 verschiedene Buchstaben und Zeichen in einem festen Raster 80x25 oder evtl. noch ein paar mehr Zeilen darstellen, das war's.
Ach so "Grün auf Schwarz" oder Bernstein auf Schwarz" musste man schon beim Kauf des Monitors entscheiden.
Das erste Textverarbeitungsprogramm mit dem ich als junger Student 1980 in Berührung kam war "Wordstar" (damals doppelt so teuer wie ein heutiges Officepaket in der kommerziellen Version) auf einem solchen Bildschirm und 8 Bit CP/M Computer mit 64 kb Hauptspeicher. Proportionalschrift war noch nicht vollständig implementiert, Blocksatz konnte immerhin auf einem geeigneten Drucker ausgegeben werden. WYSIWYG (What you see is what you get) - Fehlanzeige. Dahingegen sind die heutigen Anzeigemöglichkeiten mit Kantenglättung, tausenden Schriftarten und Millionen von Farbschattierungen schon etwas ganz anderes. Will damit sagen, dass sich, obwohl der eigentliche Sinn, einen Text mit seiner Information auf den Bildschirm oder Drucker zu bringen, unverändert ist, sich die Maschine dank höherer Leistung weiter auf den Menschen zubewegt hat. Somit schätze ich, dass das E-Book sich auch der Tageszeitung weiter annähern wird. Ich gebe zu, dass da noch viel zu tun ist. Zur Zeit lese und bekleckere ich auch die morgendliche Zeitung noch lieber als liebgewonnenes Ritual, als das Netbook neben die Kaffeetasse zu stellen. Die PDF-Version meiner Tageszeitung habe ich daher auch noch nicht abonniert.
In einigen Jahren wird es sicher zeitungsähnliche Folien geben, die den aktuellen Zeitungsinhalt mittels irgendwelcher Kristalle projizieren kann. Bin gespannt, wie das mit der Haptik wird, wenn man sie zusammenknüllen will und wie kaffeeresistent die Folie sein wird. Eine kleine Tintenpatrone einzubauen, damit die Druckerschwärze an den Händen bleibt, dürfte das kleinere Problem sein.
Bis dahin blättere ich erstmal weiter die Tageszeitung um
und entsorge sie auf dem Weg zur Arbeit in der blauen Tonne.
Bert
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