Frei Sprechen
19.03.2009 17:44

twitter: Alles nur Sensationsmache und Betrügerei?

Sind twitterer Lügner, die auf Sensation und Aufmerksamkeit aus sind?
teltarif.de Leser tswinner schreibt:
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Mit diesem Frei-Sprechen-Beitrag möchte ich Bezug nehmen auf die Äußerungen der Kommunikationsw­issenschaftlerin Frau Prof. Petra Grimm in dieser Meldung von gestern. Prof. Grimm nutzt die Gelegenheit für einen Rundumschlag gegen das Internet. Sie spielt damit besonders in die Hände der Stimmen, die sich eine Zensur und Kontrolle des Internets herbeisehnen.

Woher kommt dieser Wille, ein freies und demokratisches Kommunikationsmedium wie das Internet zu beschneiden? Wer solle die Millionen von Chats denn moderieren, wie Prof. Grimm fordert? Wer liege die ethischen Normen fest, nach denen Youtube-Videos und Suchergebnisse bewertet/gesperrt würden? Da ist der Weg in den Überwachungsstaat nicht mehr weit. Dieses Thema in aller Füller zu behandeln, würde den Rahmen sprengen. Deswegen möchte ich in erster Linie auf die Äußerungen bezüglich des Microblogging-Dienstes twitter Stellung nehmen.

Die Art und Weise, wie hier mit falschen Tatsachen "Stimmung" gegen dieses Kommunikationsmedium gemacht wird, ist unerträglich. Hier zeigt sich ein tiefes Unverständnis für Online-Kommunikationsformen, welches offenbar in Angst und Anblehnung dieser mündet. Der Ausdruck "Parajournalismus" ist ein Schlag ins Gesicht jeden Bloggers, viele davon professionelle Journalisten. Leser sowie Blogger schätzen die Kultur des Kommentierens und Bewertens von Artikeln - dies sind zentrale Pfeiler dieser Form des Publizierens. Dies als "Tyrannei der Schnatterei" abzutun zeigt, dass Frau Prof. Grimm dieses Medium nicht verstanden hat.

Warum versucht Prof. Grimm die Unterschiede zwischen Journalismus und twitter so zu betonen? Dieser Vergleich ist an den Haaren herbeigezogen. Der Vorwurf, twitter-Nutzer würden versuchen, Journalisten zu ersetzten entbehrt jeder Grundlage. Twitter ist ein globaler Kommunikationskanal und wird auch als dieser genutzt und verstanden, auch von Journalisten. Dort wird nicht kommuniziert um "[...]Aufmerksamkeit zu erregen und um Sensationen ins Netz zu stellen." Übrigens sind 42% aller twitter-Nutzer zwischen 35 und 45 Jahre alt und mehrheitlich nicht anonym unterwegs. Die Jugendlichen, die Frau Prof. Grimm also schützen möchte bewegen sich woanders.

Frau Prof. Grimm liegt mit ihren Äußerungen voll im Trend. Der Graben zwischen Bloggern einerseits und den alteingesessenen Medienhäusern und "echten" Journalisten andererseits tut sich immer weiter auf. Der Journalist Stefan Niggemeier bezeichnet die Entwicklungen bereits als "Kulturkampf gegen das Web 2.0". Als weitere Lektüre zum Thema empfehle ich den Lesern diesen Artikel in seinem Blog.

Frau Prof. Grimm geht sicherlich mit den richtigen Intentionen an das Thema Jugendschutz. Natürlich bietet das Internet auch Inhalte, die kriminell und unerträglich sind. Hier sollte mit allen Mitteln vorgegangen werden. Dies muss allerdings geschehen, ohne Internet-Nutzer und das Medium per se an der Pranger zu stellen. Die Förderung von Medienkompetenz ist der richtige Ansatz, eine Fähigkeit, die aber nur im kritischen Umgang mit dem Medium erlangt werden kann. Hier von vornherein zu verbieten und zu verurteilen wäre der falsche Weg.

Kommentare zum Thema (4)
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Sensationshascherei
Kai Petzke antwortet
19.03.2009 18:03
Mit Sicherheit gibt es Twitter-User und Blogger, die der Sensationshascherei erliegen und Themen aufbauschen. Aber klassischen Medien wie den Boulevardzeitungen oder bestimmten Magazin-Sendungen wird dieser Vorwurf ja ebenfalls regelmäßig gemacht. Und in beiden Fällen ist da auch was dran. Ich denke aber, dass die Bevölkerung, die gelernt hat, nicht jede Bild-Schlagzeile für bare Münze zu nehmen, es auch schafft, Blog-Postings, Twitter-Headlines oder Youtube-Videos mit der nötigen Distanz zu konsumieren.

Ansonsten bewirkt die Einfachheit, mit der man im Internet zum "Sender" werden kann, eine ungeheure Demokratisierung, die einige etablierte Medien stört, siehe auch mein Editorial zu den Internet-Angeboten der öffentlich-rechtlichen Sender: https://www.teltarif.de/arch/2008/kw16/...


Kai
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John Bo antwortet
19.03.2009 18:03

2x geändert, zuletzt am 19.03.2009 18:05
hallo tswinner ,

vielen Dank für deinen schönen Artikel!

Frau Prof. Petra Grimm sollten sich vielleicht ein wenig mit twitter beschäftigen. Dann würde sie mal mitbekommen, wer dort alles twittert. In Deutschlöand soll es mittlerweile rund 50.000 twitterer geben. Auch viele große Zeitschriftenverlage haben twitter mittlerweile entdeckt.

Beispiel Spiegel.de:
SPIEGEL ONLINE zwitschert Ihnen Nachrichten
http://www.spiegel.de/dienste/0,1518,597402,00.html

Und siehe da, was ich neulich entdeckt habe:
Auch teltarif twittert!
http://twitter.com/teltarif
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In vielem hat sie aber Recht
beethoven_t antwortet
20.03.2009 17:43

2x geändert, zuletzt am 20.03.2009 17:45
Hallo,

also ganz so negativ würde ich die Aussagen der Dame gar nicht darstellen. Klar ist es utopisch, alles im Internet über Moderatoren und irgendwelche Mechanismen überwachen zu lassen.
Ich denke auch nicht, dass es ihr um Zensur oder sowas geht. Das finde ich doch sehr rein interpretiert.

In vielen Dingen hat sie aber doch Recht, oder? Das zum Beispiel viel leichter die Möglichkeit besteht, Unwahrheiten zu verbreiten und der Anreiz dazu größer ist, wenn man anonym bleiben kann. Mit Sicherheit twittern auch viele, um da Sensationen rein zu stellen oder sich wichtig zu machen. (Das soll jetzt nicht heißen, dass ich Twitter grundsätzlich ablehne.) Und vieles hat sicher auch keine journalistische Qualität. (Wobei ich das nicht problematisch finde, da es gar nicht den Anspruch erhebt, Journalismus zu sein.) Auch dass User Probleme haben, Wahrheit und Unwahrheit zu unterscheiden, würde ich unterschreiben.

Allerdings würde ich da Twitter nicht so hervorheben. So ist das etwa in studiVZ und Co. mitunter auch nicht besser. Grad gestern hab ich im TV einen Beitrag gesehen, bei dem es um Jugenschutz in schülerVZ ging. Damit ist es anscheinend nicht weit her. Wenn man das Stichwort "Schlagring" eingibt, bekommt man etwa Google-Anzeigen, über die man gleich so ein Ding bestellen kann. Und dann kursieren da auch fleißig Pornovideos und irgendwelche rechten Parolen. Das finde ich doch eher fragwürdig. Da müsste es von Seiten der Verantwortlichen deutlich mehr Bemühungen geben, auch wenn das vielleicht schwierig ist.

Zurück zu Frau Grimm: Am Ende fordert sie doch das gleiche wie du: Medienkompetenz! Außerdem: Häufig ist es so, dass man sich etwas krasser ausdrücken muss, damit überhaupt mal was passiert oder wenigstens drüber geredet wird....denke ich. Es ist halt wichtig, diese neuen Kommunikationsmethoden kritischer zu betrachten. Problem ist doch: Vorher kann man nie wissen, wie ein neuer Dienst läuft oder was daraus wird. Die Probleme tauchen immer erst dann auf, wenn alle fröhlich dabei sind.
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Naja...
Neither antwortet
23.03.2009 12:00
Ich habe mir die genannte Meldung durchgelesen, aber einen "Rundumschlag gegen das Internet" konnte ich dort nicht finden. Sicher eine kritische Auseinandersetzung - aber keinerlei Rundumschlag.

Frau Professor Grimm fordert, dass "Möglichkeiten geschaffen werden müssten, Falschmeldungen oder Betrügereien zu erkennen". Was hat das damit zu tun, dass (angeblich) das Kommunikationsmedium Internet beschnitten werden soll? Warum soll eine bessere Qualität zu einem Überwachungsstaat führen?
Frau Grimm schreibt im Gegenteil in der angeführten Meldung "Selbstkontrollen" seien wichtig. Selbstkontrollen sind wohl kaum die Werkzeuge eines Überwachungsstaates...

Weder hat sie geschrieben, jeder Blogger würde "Parajournalismus" betreiben, noch bezieht sich die "Tyrannei des Schnatters" auf Blogs - vielleicht solltest man den angeführten Artikel auch wirklich einmal in Ruhe durchlesen?!

Sie wirbt für einen kritischen und vor allem _selbstkritischen Umgang_ mit dem Medium Internt.
Ist das bereits zuviel für einige?
Ist auch ein verantwortungsvoller Umgang mit der Wahrheit und den dargestellten Inhalten schon zu viel?

Wohl kaum für jemanden, der journalistische Qualität für sich beanspruchen möchte - wohl aber für diejenigen, die sich selbst nur produzieren wollen.


Bitte den selbst angeführten Artikel noch einmal lesen und kritisch hinterfragen - so aber wirkt das nur wie der typische pawlowsche Reflex weil sich jemand kritisch gegenüber Blogs und insbesondere gegen Twitter äußert (warum sind eigenlich ausgerechnet so viele Twitter-Fans derart verkrampft?).
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