Frei Sprechen
20.04.2009 15:20

Aufregung um Kinderpornografie und Gewaltverherrlichung im Internet

Reiner Aktionismus, direkter Weg in die Zensur oder pure Hilflosigkeit?
teltarif.de Leser beethoven_t schreibt:
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Nicht nur bei Twitter wird derzeit wahrscheinlich fleißig kommentiert: Die Junge Union will gewaltverherrlichende Videos von YouTube verbannen und schlägt beispielsweise vor, dass sich jeder Nutzer mit voller Adresse und Ausweisnummer anmelden muss, bevor er ein Video einstellen kann (www.basicthinking.de) .

Wie auch schon bei ähnlichen Themen – etwa die Sperrung von kinderpornografischen Seiten – werden hier sofort Gegenstimmen laut. Da ist dann vom Beginn der Zensur, von chinesischen Verhältnissen und von Weltfremdheit zu lesen. Es kommen Fragen auf: Sollen dann irgendwann auch Bilder von tagesschau.de verbannt werden, weil da Gewalt drauf zu sehen ist? Oder: Wer will bzw. kann entscheiden, wann etwas gewaltverherrlichend ist und welche Inhalte gesperrt werden sollten? Und auch der Kommentar „Das ist doch nur Wahlkampf-Gelaber“ fehlt natürlich nicht.

Ich persönlich bin da etwas geteilter Meinung. Grundsätzlich – da sind sich wahrscheinlich alle einig – ist es natürlich positiv zu bewerten, wenn etwas gegen Gewalt, Kinderpornografie oder ähnliche Inhalte im Internet unternommen werden soll. Auf der anderen Seite sind die Inhalte im Internet so vielfältig, zahlreich und unübersichtlich, dass es unmöglich scheint, sie alle sinnvoll im Blick zu haben, zu kontrollieren oder zu sperren.

Muss man gleich von Zensur reden?

Übertrieben finde ich allerdings Gegenstimmen, die sofort laut aufschreien, das Wort Zensur in den Raum werfen und scheinbar der Meinung sind, dass nun Meinungs- und Informationsfreiheit im Internet so langsam den Bach runtergehen und irgendwann nichts mehr ohne Kontrolle läuft. Warum muss man immer gleich mit solchen Extremen argumentieren?

Zudem sind die meisten Kommentare nicht sonderlich konstruktiv. Meistens wird einfach nur gemeckert oder sich aufgeregt:

Das Ganze bringt doch sowieso nichts! Die sind ja total weltfremd! Das ist purer Aktionismus! Wir stehen kurz vor der Zensur! Kinder müssen auf andere Weise geschützt werden! Das Internet ist viel zu groß, um es zu kontrollieren! Neben YouTube gibt es noch 100 andere Möglichkeiten, Gewalt zu verbreiten und anzuschauen – was nutzt es da, sich nur auf YouTube zu konzentrieren?

Bessere Ideen?

Vorschläge, wie sich die Probleme vielleicht anders lösen ließen, sehe ich nicht. Ich will gar nicht abstreiten, dass bei Politiker-Aussagen auch immer Wahlkampf und Stimmenfang mit dabei ist. Und sicherlich sind viele Maßnahmen auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein oder bringen möglicherweise überhaupt nichts. Und natürlich muss nicht nur gegen Kinderpornografie oder Gewaltverherrlichung im Internet, sondern auch gegen die Täter und die Sache an sich vorgegangen werden. Aber deshalb ist es ja nicht falsch, ein Auge auf solche Darstellungen zu haben. Das ganze Problem mit „schwierigen Inhalten“ im Internet einfach links liegen zu lassen, ist sicher nicht der richtige Weg. Solange in den Medien darüber geredet wird, ist das Thema wenigstens auf der Agenda und wird nicht totgeschwiegen.

Ich denke, die verschiedenen und viel diskutierten Vorschläge aus unterschiedlichen Kreisen zur Sperrung bestimmter Inhalte drücken einfach eine gewisse Hilflosigkeit aus. Es gibt eben noch lange kein Patent-Rezept. Aber mit irgendetwas muss man ja schließlich anfangen! Und wenn es nur ist, das Thema in die Medien zu bringen oder Vorschläge zu machen. Wenn die vielen Gegenredner und Meckerer brauchbare Ideen haben, können sie sich ja bei den Verantwortlichen melden.

Kommentare zum Thema (1)
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Der Kampf gegen die Symptome
spaceman antwortet
22.04.2009 20:50
Benutzer beethoven_t schrieb:
Grundsätzlich – da sind sich wahrscheinlich alle einig – ist es natürlich positiv zu bewerten, wenn etwas gegen Gewalt, Kinderpornografie oder ähnliche Inhalte im Internet unternommen werden soll.

Wenn etwas unternommen würde, wäre es sicher positiv. Doch "Scheuklappen" anzulegen, hilft niemanden etwas. Aber genau das wird getan.
Statt wirkungsvoll diese Seiten trockenzulegen (in den meisten Ländern ist Kinderpornographie illegal) und die Verbreiter solchen Übels dingfest zu machen, wird gesperrt.

Muss man gleich von Zensur reden?

Übertrieben finde ich allerdings Gegenstimmen, die sofort laut aufschreien, das Wort Zensur in den Raum werfen und scheinbar der Meinung sind, dass nun Meinungs- und Informationsfreiheit im Internet so langsam den Bach runtergehen und irgendwann nichts mehr ohne Kontrolle läuft. Warum muss man immer gleich mit solchen Extremen argumentieren?
Weil es definitiv ein Schritt in diese Richtung ist.

Wie schon erwähnt hat auch schon Frau Schavan (Bundesbildungsministerin) eine Sperre für Gelwalt gefordert. Die liebe Musik / Filmindustrie wird sicher auch nicht lange auf sich warten lassen mit der Begehrlichkeit die Sperre zu nutzen. Man könnte stundenlang weitermachen mit Organisationen die eine solche Sperre auch gern für Ihren Zweck einsetzen würden.
Und ob unsere Politiker "nur" bei der Kinderpornographie-Sperre bleiben, das wage ich leider zu bezweifeln.


Bessere Ideen?

Vorschläge, wie sich die Probleme vielleicht anders lösen ließen, sehe ich nicht.
Wie oben genannt wird nichts unternommen gegen die Verbreiter der Sauerei. Wenn aus anderen Ländern bekannt ist, dass über 80% der Seiten von westeuropäischen/amerikanischen Seiten gehostet wird, dann Frage ich mich warum das so ist?
Es gibt bestehende Gesetze, mit denen diese 80%+x trockengelegt werden könnten. Schnell & wirksam.
Wenn man dann die Seite auch noch für eine kurze Weile überwachen würde, könnte man schon wieder einige Nutzer mehr ausfindig machen.
Mit ein Blockierung der Seite ist diese Methode hinfällig. Die Nutzer werden sich wieder vermehrt Tauschbörsen zuwenden (wie schon momentan zu über 80% der Nutzer - und hier zieht keine Sperre).

... oder bringen möglicherweise überhaupt nichts.
Wenn sie nichts bringen, warum dann einführen? Es muss auch immer die Verhältnismässigkeit beachtet werden.

Und natürlich muss nicht nur gegen Kinderpornografie oder Gewaltverherrlichung im Internet, sondern auch gegen die Täter und die Sache an sich vorgegangen werden.
Was aber im ersten Schritt passieren sollte und nicht zuletzt.
Ein guter Arzt sollte schliesslich auch die Ursachen behandeln und nicht die Symptome!

Solange in den Medien darüber geredet wird, ist das Thema wenigstens auf der Agenda und wird nicht totgeschwiegen.
Richtig. Es wird nicht totgeschwiegen. Aber es muss auch ein verantwortungsvoller Umgang mit heiklen Themen geben. Der "Hype" den Frau vdL eingeführt hat, hat dazu geführt, dass eine sachliche Debatte garnicht erst aufgekommen ist.
Insbesondere regierte bei Frau vdL das "Ich WILL" Prinzip, welches üblicherweise bockige Kinder anwenden.
Dazu wurden gebetsmühlenartig immer wieder die selben Argumente runtergereiert und das obwohl diese teilweise keinerlei Wahrheiten enthielten:

- Es wurden Zahlen aus der Luft gegriffen (80%, 400.000 Nutzer, etc.)
- Der Begriff "Überangebot" wurde erfunden
Nach 13 Jahren Internet-Erfahrung habe ich bisher noch keine Seite entdeckt und bin auch nicht aus "versehen" darauf gestossen.
Wenn man jedoch die Schilderungen vdLs hört, müsste ich jeden Tag mit solchen Seiten konfrontiert werden.
- es wurde eine Millionenindustrie erfunden
Selbst Anwälte die solche Nutzer verteidigen wissen nichts von den vielen kommerziellen Seiten (die laut vdL existieren sollen), da ihre Mandanten meist privat in Tauschbörsen ihren "Stoff" herhaben.
( http://www.lawblog.de/index.php/archives/2009/03/25/die-legende-von-der-kinderpornoindustrie/ )
- es wurden Kritiker unterschwellig als Kinderpornografie-Nutzer abgestempelt
- Gutachten wurden als "unterirdisch" abgestempelt
(Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags - da sitzen wohl lauter Schwachmaten drin?)
- andere Länder wurden als Referenz hergezeigt
Keines der Länder hat jedoch den grundsätzlichen Nutzen bestätigt. Stattdessen äussert Herr Björn Sellström (Chef Polizeiermittlungsgruppe gegen Kinderpornografie und Kindesmisshandlung in Stockholm) Zweifel.
http://www.focus.de/magazin/kurzfassungen/focus-schwedens-polizei-aeussert-zweifel-an-wirksamkeit-von-internet-sperren-gegen-kinderpo_aid_384873.html

Es wurden also auf alle erdenkliche Art und Weise Informationen gestreut die so nicht stimmen.

Ich denke, die verschiedenen und viel diskutierten Vorschläge aus unterschiedlichen Kreisen zur Sperrung bestimmter Inhalte drücken einfach eine gewisse Hilflosigkeit aus. Es gibt eben noch lange kein Patent-Rezept.
Diskutiert wurde aber leider nur extern. Frau vdL hat sämtliche Kritik, Bedenken oder andere Vorschläge ja garnicht erst angehört, geschweige denn diskutiert (s.o.)

Aber mit irgendetwas muss man ja schließlich anfangen!
Ja aber dann doch bitte bei den Ursachen und nicht bei den Symptomen?

Zusätzlich werden seit Jahren die Ausgaben für Prävention, Strafverfolgung und Opferbetreuung gekürzt - dabei wäre das ja ein gangbarer Weg um zumindest die Kinder in D. mehr Schutz zu gewährleisten.
Ebenfalls gibt es nicht genügend ausgebildete Experten welche sich solcher Internetkriminalität annehmen. Hier müsste mehr Geld in die Hand genommen werden um sichtbare und wirkungsvolle Erfolge vorweisen zu können.
Wer jetzt mit Operation "Himmel" und Co. argumentieren will ist leider fehl am Platz. Trotz mehr als 10.000 Verdächtiger wurde bis jetzt _kein einziger_ rechtskräftig verurteilt - die meisten Verfahren wurden eingestellt. Das ist in meinen Augen ein komplettes Versagen der Strafverfolgung.

Wenn die vielen Gegenredner und Meckerer brauchbare Ideen haben, können sie sich ja bei den Verantwortlichen melden.
Das würde nur funktionieren, wenn die Verantwortlichen auch zuhören (würden). Wie oben beschrieben hat Frau vdL aber garkein Interesse gehabt weitergehend nachzudenken.

Man sieht bei der bestandenen "Diskussion" leider eins:
Es wurde seitens der Gesetzgeber nicht versucht sich weitergehende Gedanken zu machen.
Gangbare Möglichkeiten wurden aussen vor gelassen und sich nur auf ein sehr umstrittene Sperrung konzentriert.
Kritiker wurden als dumm, uniformiert und gar unterschwellig als Nutzer dieser Sauerei abgestempelt.
Bestehende Möglichkeiten der Strafverfolgung werden (bzw. können aufgrund von Fachmangel/Personalmangel) nicht genutzt.

Gruß
Spaceman
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