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Europa wird Inland


29.03.2006 16:36 - Gestartet von Condor
Auslandsgespräche sind für Mobilfunkanbieter bisher fast eine Lizenz zum Gelddrucken: Für das "Roaming" bitten sie kräftig zur Kasse. Das soll bald vorbei sein, wenn es nach EU-Kommissarin Viviane Reding geht: Bis zum Sommer 2007 soll aus der EU auch mobil ein grenzenloser Binnenmarkt werden.



Handynutzer können sich auf niedrigere Gebühren bei Gesprächen im EU-Ausland einstellen. Die für Telekommunikation zuständige EU-Kommissarin Viviane Reding kündigte am Dienstag in Brüssel einen Vorschlag für eine Verordnung an, die ihren Angaben zufolge bis zum Sommer 2007 umgesetzt sein soll. "Ein Mobilfunknutzer sollte bei Reisen ins europäische Ausland nicht automatisch höhere Tarife zahlen müssen", sagte Reding. Deshalb müssten "alle ungerechtfertigten Gebühren" abgeschafft werden.



AP
EU-Kommissarin Viviane Reding: EU ist für sie kein Ausland
Reding bemängelt schon seit langem, dass die so genannten Roaming-Gebühren für im EU-Ausland geführte Gespräche erheblich variieren. So zahlt ein Finne in Schweden für ein vierminütiges Handy-Gespräch nach Hause laut EU-Kommission 0,20 Euro, während ein Malteser in Lettland für ein vergleichbares Telefonat 13,05 Euro abgerechnet bekommt. Deutsche zahlen für ein Handy-Gespräch in Großbritannien oder Frankreich weit mehr als in Italien oder Spanien.

Wer nicht hören will...

"Den Grund dafür kennt keiner", sagte Reding. "Ich habe die Betreiber immer gewarnt, aber sie haben Schwierigkeiten, meine Botschaft zu verstehen." Eine Untersuchung der Kommission habe gezeigt, dass die Gebühren für grenzüberschreitende Mobilfunkgespräche trotz einer Warnung der Kommission im September nicht zurückgegangen seien.

Die Mobiltelefon-Gesellschaften wehren sich gegen eine gesetzliche Regelung ihrer Auslandstarife. Die Telefongesellschaften haben in den vergangenen Monaten teilweise neue Angebote aufgelegt, um Roaming-Gebühren zu senken oder zumindest transparenter zu gestalten. Vodafone etwa bot einen Pauschal-Roaming-Preis pro Gespräch und damit unabhängig von der Verbindungsdauer an. Auch Viviane Reding erkannte an, dass es "wenige positive Ausnahmen" unter den Mobilfunkunternehmen gäbe - allerdings zu wenige.

Für den Verbraucher nicht nachvollziehbar sei auch, warum er bezahlen müsse, wenn er im EU-Ausland angerufen werde, sagte Reding. Eine Gebühr falle auch dann an, wenn das Handy ausgeschaltet und die Mailbox den Anruf beantworte. Deshalb wolle sie "bei Endkunden die Gebühren für eingehende Anrufe ganz abschaffen", sagte die Kommissarin.

Schluss mit "ungerechtfertigten Gebühren"?

Zudem sollten einem Mobilfunknutzer im EU-Ausland "stets nur die in seinem Wohnsitzland geltenden Gebühren in Rechnung gestellt" werden, heißt es in einer Erklärung der EU-Kommission. Auch kleinere und mittlere Unternehmen litten extrem unter den hohen Gebühren. Die Tarife, die sich die Telekommunikationskonzerne für Gespräche im Ausland gegenseitig in Rechnung stellen, sollen Redings Vorstellungen zufolge "nicht erheblich über den tatsächlichen Kosten liegen". Der Vorsitzende der Regulierer-Gruppe, der Brite Kip Meek, erklärte, die die Kommission beratenden Regulierer wollten gemeinsam eine schnelle Lösung, um die Endpreise deutlich zu senken.

Dass die Konzerne sinkende Einnahmen durch niedrigere Gebühren im Inland wieder an die Verbraucher abgeben könnten, schloss Reding nicht aus. Erfahrungen zeigten aber, dass sich solche Drohungen meist nicht bewahrheiteten.


ROAMING
...heißt auf Deutsch so viel wie wandern, umherstreifen.

In der Telekommunikationssprache bedeutet es, dass man per Handy auch über Fremdnetze telefonieren kann, obwohl man dort kein Kunde ist. Denn nicht jeder Mobilfunkanbieter betreibt überall ein eigenes Netz.

Für den Wechsel in ein anderes Netz müssen die Kunden bisher allerdings Gebühren zahlen. Während diese im Inland relativ niedrig sind, fallen die Kosten bei Handygesprächen im Ausland recht saftig aus und sind in den einzelnen EU- Staaten höchst unterschiedlich. Deswegen wird auch empfohlen, die Mailbox abzuschalten, wenn man im Ausland ist, da es sonst teuer werden kann, diese abzurufen. Es kann sogar Geld kosten, wenn jemand auf die Mailbox spricht.



Reding verwies darauf, dass die EU-Staats- und Regierungschefs bei ihrem Frühjahrsgipfel vergangene Woche in Brüssel die hohen Roaming-Gebühren ebenfalls kritisiert hätten. Deshalb rechne sie mit einer Zustimmung der Mitgliedstaaten. Ihren formellen Vorschlag will die Luxemburger Kommissarin im Juni vorlegen. Vom 3. bis 28. April haben Verbraucher noch einmal die Gelegenheit, sich im Internet zu dem Thema zu äußern. Eine erste Konsultation vom 20. Februar bis 22. März sei auf große Resonanz gestoßen.

Neben den Mitgliedstaaten muss auch das Europäische Parlament zustimmen. Viele Abgeordneten hätten ihre Pläne bereits begrüßt, so dass sie von einer Verabschiedung der Verordnung bis Sommer 2007 ausgehe, sagte Reding. Eine EU-Verordnung gilt im Gegensatz zu einer Richtlinie mit sofortiger Wirkung.

Die Anbieter lehnen EU-Vorstoß ab

Wenig Motivation, sich die Preisgestaltung für das Roaming durch die EU-Kommission vorgeben zu lassen, zeigten am Dienstagnachmittag die Mobilfunkanbieter. Vodafone, Europas größtes Mobilfunkunternehmen, bezeichnete die Vorschläge von EU-Medienkommissarin Viviane Reding als zu weitgehend. T-Mobile bekräftigte, regulatorische Eingriffe seien nicht notwendig, um die Roamingpreise nach unten zu bringen.

T-Mobile habe selbst ein Interesse an geringeren Roaming-Gebühren, weil das Unternehmen Nettozahler sei, teilte die Tochter der Deutschen Telekom mit: Weil die Deutschen wesentlich häufiger Urlaub im Süden machen als umgekehrt, nutzen sie entsprechend auch häufiger ausländische Netze. Jedoch sollte die Preissenkung dem Markt überlassen werden. "Um dieses Ziel zu erreichen, sind keine regulatorischen Eingriffe notwendig."

Verbraucherschützer: "Absolut überfällig"

Verbraucherschützer sehen das allerdings anders. Als "absolut überfällig" haben deutsche Verbraucherschützer den Vorstoß der EU-Kommission für niedrigere Gebühren bei Handygesprächen im Ausland begrüßt. "Damit soll ein erheblicher Missstand beseitigt werden, der schon seit geraumer Zeit andauert", sagte Patrick von Braunmühl vom Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) der Nachrichtenagentur AP. Allerdings sei es bedauerlich, dass der angestrebte verbesserte Schutz der Mobilfunknutzer wohl erst 2007 und nicht schon in diesem Sommer greife.

Wer sich auf anstehenden Urlaubsfahrten vor überhöhten Handy-Rechnungen schützen will, dem bleiben bis dahin nur die Tricks, die jetzt schon wirken:

· Mailbox deaktivieren: Für die wird ebenfalls extra kassiert, wenn man sich im Ausland aufhält;

· Vor der Fahrt Preisinfos zu örtlichen Anbietern einholen: Über die manuelle Netzauswahl lassen sich die Kosten zumindest begrenzen;

· Insbesondere bei Fernreisen kann es günstiger sein, sich dort eine SIM-Karte zu besorgen;

· Der effektivste Kostenschutz überhaupt: Handy Zuhause lassen und per Münztelefon telefonieren, erreichbar ist man auch via Hotel-Telefon. Nicht erreichbar sein ist allerdings billiger und erhöht den Erholungswert deutlich.

pat/AP/ddp/rts