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Was tun?


08.06.2021 20:37 - Gestartet von wolfbln
4x geändert, zuletzt am 08.06.2021 23:29
Die Netze sind in den letzten Jahren auch in Deutschland besser geworden, aber gut oder "sehr gut" sind sie nicht, zumal für unseren Anspruch als führendes Industrieland. Vielleicht sollten auch die Netztester wie Connect ihre Kriterien gründlich hinterfragen.

Es bleiben viele weißen und graue Stellen im Land. Was tun? Weiße Stellen sind eigentlich Lost Places, oder Dörfer ohne Zukunft. Ohne Mobilfunk wird ein Grundbedürfnis der Teilhabe am öffentlichen Leben den Bewohnern versagt.

Bei meinen Cellmapping-Exkursionen stelle ich häufig fest, dass die Outdoor-Funklöcher weniger geworden sind. Bei Telekom liegen sie in Gemeinden mit max. 300 Teilnehmern, bei o2 und Vodafone mit max. 500, die extra und exklusiv versorgt werden müssen.

Die Netzbetreiber haben "flächendeckendes" Netz versprochen, im Wissen, dass es technisch eigentlich unmöglich ist. Man kann nicht jeden Bergschatten oder Keller der Republik versorgen. Aber man kann mehr versorgen als bisher.

Es war ein Fehler der BNetzA nur auf Bewohner oder noch schlimmer auf "Haushalte" zu gehen, damit die Betreiber schön nahe an die 100% kommen. Jetzt fallen ihnen die Lügen auf die Füße, weil oft kein Netz ist in der freien Wildbahn.

Es gibt immer noch Abseckungslücken bei BAB- und ICE-Strecken, die schon längst abgedeckt sein sollten. Von niedrigeren Kategorien an Verkehrswegen ganz zu schweigen.

Aber die Diskussion geht erstmals um die Fläche und damit alles. In Frankreich ergeben 98-99% Bevölkerung etwa 90% Flächenabdeckung. In Deutschland ist der Flächenbetrag etwas höher, weil es etwas mehr zersiedelt ist.

Wir haben bisher mit den Einwohnern und Haushalten nur die Wohn- und Arbeitsstätten der Menschen im Blick gehabt. Wo sie sich aber erholen in der freien Natur, bleibt außen vor. Aber inzwischen wir klar, dass dort auch Abdeckung sein sollte, sei es nur für Notrufe. Wer an der Ostseeküste entlang wandert, bekommt häufiger dänisches Netz übers Meer als deutsches wegen der Steilhänge.

Die Linkspartei macht es sich etwas einfach. Die Telkos hätten versagt, da sie die Daseinsfürsorge der Menschen nicht beachteten. Sie sind aber kommerzielle AGs, die ihren Aktionären eher verpflichtet sind als dem Gemeinwohl. Das weiß auch die Linke und dass es dazu kaum Alternativen gibt. Die AfD hatte im Ernst die Zwangsverstaatlichung der Anbieter gefordert. Nur das hätte gezeigt, dass der Staat nicht besser baut, sondern langsamer.

Das ist genau der Widerspruch. Wir brauchen einerseits die Dynamik des Marktes, weil sie am stärksten wirkt, aber auch beim Mobilfunk fallen einige unter den Tisch, wie so häufig in der Marktwirtschaft. Da hat die Linke recht und dann muss der Staat eingreifen, wenn der Anspruch gleichwertiger Lebensverhältnisse aus der Verfassung gelten soll. Das ist kein Marktversagen wie etwa in der Umweltpolitik, sondern ganz rationales Marktgeschehen, die solche kleinen Dörfer zu verlorenen Standorten machen, da sie nur Kosten und kaum Einnahmen bedeuten.

Wie man das jetzt vernünftig macht ist eine gute Frage.
(1) Einmal über Zwang. Also die Auflagen, die bei Nicht-Erfüllung endlich zu heftigen Strafen führen müssen.
(2) Andererseits durch Kooperationen der Marktteilnehmer, denn die grauen Löcher gehen nur durch Sharing und Roaming weg
(3) und nicht zuletzt durch staatliche Unterstützung. Das wird aber schwer, denn dann ist es im Grunde genommen eine politische Entscheidung, welches Dorf weiterleben darf und welches sterben muss.

Es gibt dann eine Reihe von problematischen Effekten. Der Staat subventioniert defizitäre Standorte, was die Betreiber wieder dazu verleiten könnte, noch mehr auf die lukrativen zu bauen und das Zuschussgeschäft dem Staat zu überlassen. So ist es bei der staatl. Mobilfunkgesellschaft immer noch nicht klar, wie der Staat die Betreiber überzeugen will, auf seine auserkorenen Standorte zu gehen. Wir kommen zum schwierigen Zustand, dass die Gewinne auch aus dem Mobilfunk individualisiert werden und die Verluste sozialisiert und unsere Gesellschaft keine andere Antwort findet als noch mehr umzuverteilen.

Wir müssen endlich Mobilfunk- bzw. Internetversorgung für gleich wichtig wie Straßenanbindung, Strom- oder Trinkwasserversorgung sehen. Man kann nicht mehr ohne sie dauerhaft leben an einen Ort. Wenn wir uns über vieles nach der Pandemie streiten - das hat sie uns gezeigt. Bei Strom, Wasser und Straße fragt auch keiner, wer Leitung oder Zufahrtsweg bezahlt.
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[1] Oss antwortet auf wolfbln
09.06.2021 16:47
Benutzer wolfbln schrieb:
Die Netze sind in den letzten Jahren auch in Deutschland besser geworden, aber gut oder "sehr gut" sind sie nicht, zumal für

Hallo wolfbln, hier ist Ausschnitt aus meinem Schreiben an die BNetzA im Jahre 2018

es ist schön, dass die BNetzA jedem die Möglichkeit einräumt an der Diskussion teilzunehmen. Denn mit jeder Festlegung muss man Jahrzehntelang leben, ohne im gewissen Maße korrigieren zu können.
Folgende Gedanke möchte ich gerne einbringen:
Zum Hintergrund:
Wir leben in einem Land, einem Rechtsstaat, wo alles nach dem gesunden Maß organisiert ist: Der Regulator stellt zuerst die Rahmen des Spiels fest, woraufhin die Unternehmen ihr Bestes geben, ohne die Einschränkungen zu verletzen und ohne Angst ständige Hinweise vom Regulator zu erhalten, die bestimmen wie man leben muss.
In der Vergangenheit hieß das, den Teilnehmern vorzubeugen, lasche Bedingungen, darunter Bemessung nach Haushalt anstatt Fläche zu akzeptieren, keine festen Strafmaßnahmen an Bedingungen zu knüpfen und später die Leute zum runden Tisch einzuladen, wo gebeten wird freiwillig (!) die bereits ausgehandelten Vertragsbedingungen ein wenig zu verbessern wäre für mich ein klares Zeichen der Unfähigkeit bzw. Inkompetenz.
Aber man kann aus den Fehler lernen und einiges heute noch teilweise rückwirkend nachbessern. Ich habe hier einige Maßnahmen zusammengestellt, die aus meinen Sicht und Erfahrung bei der Versteigerung von 5G Lizenzen sinnvoll wären:
1. Für alle, die die 5G-Lizenzen ersteigern sollten, gilt ab sofort Technologieneutralität, auch für Frequenzen, die dem Unternehmen schon vorher zur Verfügung standen.
2. Von den Gewinnern muss zusammen ein s.g. Grundversorgungsnetz mit in Deutschland gebildet werden, das beide Verbindungsarten wie Sprache und Daten mit jedem gängigen Endgerät im Mindestmaß unterstützt. Für Kunden im Inland und Roamer. Die MNOs dürfen selber untereinander abstimmen, ob es in 2.5G oder 3.75G oder in der Kombination je nach Region erfolgen soll. Es reicht nur ein Netz, das aber die Fläche der Bundesrepublik zu 99,5% (outdoor) abdeckt und im RAN-Sharing Verfahren zusammen unterhalten sein wird. Wie lange dieses Netz überhaupt (aber mindestens bis Ende 2025 muss es sein) existiert und ob z. B. 2G schrittweise durch 3G oder vielleicht umgekehrt ersetzt werden soll, dürfen auch die Lizenzinhaber untereinander abstimmen. Man kann ein solches Netz mit Mühe in maximal einem Jahr gemeinsam bilden, wenn man auf Ingenieure hört und nicht auf Buchhalter an der Spitze, die oft leider kaum das Gefühl zur Technik entwickeln, obwohl sie seit 30 Jahren aktiv tätig sind.
3. Diejenige, die eine 5G Lizenz ersteigern möchten, müssen sich verpflichten eigene 4G Netze auf 97% der Fläche (outdoor) bis Ende 2023 verfügbar zu machen. Die Sanktionen in Höhe von 1% der Lizenzkosten monatlich wären angemessen und müssten quasi automatisch eingreifen.
4. Wegen klaren Schwierigkeiten beim Erreichen des o.g. Zieles dürfen die Inhaber von 5G Lizenzen jeweils bis zu 10% der Standorte plus Objekte wie U-Bahn Strecken und Tunnel im RAN-Sharing Verfahren gemeinsam aufbauen. Aber bitte keine Ersatzlösungen wie National Roaming zuzulassen.
5. CLI Assure für alle 5G Lizenzinhaber muss eine Pflicht sein. Die internationalen Gespräche dürfen ausschließlich mit diesem Merkmal terminiert werden und zwar für alle Kunden. Ziel: Die
Bundesrepublik soll langsam ihre führende Rolle als IC-Platz von grauen bzw. schwarzen Voice-Traffic aufgeben. Ich glaube nicht, dass ich hier tiefer in das Thema gehen muss...
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[2] helmut-wk antwortet auf wolfbln
10.06.2021 09:30
Benutzer wolfbln schrieb:
Es war ein Fehler der BNetzA nur auf Bewohner oder noch schlimmer auf "Haushalte" zu gehen, damit die Betreiber schön nahe an die 100% kommen. Jetzt fallen ihnen die Lügen auf die Füße, weil oft kein Netz ist in der freien Wildbahn.

Ich fürchte das war kein Fehler, sondern politische Absicht, um die Telkos zu schonen.

Es gibt dann eine Reihe von problematischen Effekten. ... ... Wir kommen zum schwierigen Zustand, dass die Gewinne auch aus dem Mobilfunk individualisiert werden und die Verluste sozialisiert und unsere Gesellschaft keine andere Antwort findet als noch mehr umzuverteilen.

Eine Möglichkeit wäre, die staatliche MIG von den Telkos bezahlen zu lassen, also deren Ausgaben mit einem geeigneten Verteilerschlüssel bei den Mobilfunkbetreibern einzuziehen. Dann können die überlegen, ob sie nicht besser selber ausbauen ...