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Betrachtung zwar richtig, aber 2 schlechte Beispiele dafür


25.05.2020 11:12 - Gestartet von wolfbln
3x geändert, zuletzt am 25.05.2020 11:34
Die im Artikel vorgenommen Beispiele sind relativ schlecht ausgewählt aus jeweils unterschiedlichen Gründen. Dennoch stimme ich der Gesamtbetrachtung zu. Die meisten mit Deutschland vergleichbaren Märkte wie etwa GB, F, ITA oder ESP sind kompetitiver und zeigen bessere Leistungen für ihr Geld. Das dort sind alles Länder mit 4 Netzen und mehr Konkurrenz, die bei uns leider nicht herrscht. Es gibt allerdings auch Länder, wo ähnlich wie bei uns nicht so viel Wettbewerb herrscht, wie NL oder Tschechien und die Preise auf ähnlichen hohen Niveau sind. Dabei spielen die lokalen Kosten eine nur sehr geringe Rolle. Vodafone verlangt z.B. in Griechenland höhere Gebühren als bei uns, obwohl das Lohnniveau dort niedriger ist. Man nimmt, was man kriegen kann.

Ich habe mir mal die Mühe gemacht und die ARPUs, Kundenzahlen und Datenmengen der wichtigsten Vodafone-Märkte in der EU+GB verglichen und bin dazu gekommen, dass man zwar ein Vielfaches für sein Geld in z.B. Italien oder Rumänien bekommt an Leistung ggü. Deutschland, aber auch weniger in den NL oder CZ. Deutschland ist bei Vodafone als wichtigster Markt etwa Mittelmaß.

Nun zu den im Artikel genannten Beispielen: die UAE hat zwei quasi-Staatstelkos: Etisalat und du. Beide Gesellschaften sind sehr staatsnah und müssen die Bedingungen der Regierung erfüllen, die weit über das deutsche TKG hinausgehen. Das gilt dann indirekt auch für die MVNOs, die jetzt mit Virgin starten. Virgin hat dort sehr wenig mit Branson selbst zu tun. Die Emirates Integrated Telecommunications Co. ist die Muttergesellschaft des 2. Netzes "du" und hat sich einfach von Virgin den Markennamen unter Lizenz für eine Sekundärmarke gekauft. Sie hätte sich genauso irgendeine andere Marke sichern können.

Die beiden UAE-Telkos kooperieren mit den extremen Bespitzelungs- und Überwachungsmaßnahmen der Geheimdienste der UAE. So sind weiter im Land alle VoIP-Gespräche über WhatsApp, Skype etc. gesperrt, weil sie bisher keine Zugänge zu den Messengers bekommen haben und die Staatstelkos an den Auslandsgesprächen der vielen Expats profitieren sollen. Alle VoIP-Gespräche müssen über 2 "Staats-Apps" laufen, die staatlich freigegeben wurden und wo der Geheimdienst direkt mithören kann. Das sind Zustände, die sind nicht mit Deutschland vergleichbar und auch gerade deutlich von Bundesverfassungsgericht für das Ausland verboten wurden, für Deutsche sind sie es schon immer.

Am 2. Beispiel von Free mobile von X.Niehl und Iliad in Frankreich scheiden sich auch die Geister. Es ist dort das 4.Netz und eindeutig schwächer als z.B. Marktführer Orange der France Télécom. Man könnte sie grob mit o2 ggü. Telekom bei uns vergleichen. Allerdings wird dort von Free in Gebieten ohne eigene Abdeckung gratis (eingeschränktes) Roaming bei Orange angeboten (in 2G/3G bis 384 kbits). Bei einem europaweiten Netztest von Umlaut (ehem. P3) landet Free auch auf einen der hintersten der 98 Plätze, noch hinter o2 (auf #77) bei uns.
https://www.teltarif.de/netztest-connect-...

Man kann also auch Free nur bedingt vergleichen, denn ihr Netz ist eindeutig schwächer. Und für ein schwächeres Netz, ist es nicht so schwer, dann billiger zu sein (wie man an o2 sieht). Sie haben allerdings einen starken preisdrückenden Effekt auch auf die Mitbewerber Orange, SFR oder Bouygues, was man bei uns mit o2 nur sehr eingeschränkt sehen kann.

Frankreich wäre in andere Hinsicht ein sehr interessantes Beispiel für den deutschen Markt. Dort ist die Prepaid-Quote unter 10% (bei uns ist das fast die Hälfte), weil in F alle Laufzeitverträge monatlich kündbar sein müssen (sog. "forfaits sans engagement"). Damit alleine wird der Markt sehr viel offener, als bei 24-Monats-Verträgen, die bei uns noch Standard sind. Die Initiative, die Laufzeit bei uns auf zumindest 12 Monate zu begrenzen, ist auch wieder im Sand verlaufen.

Man muss sich wirklich jeden Markt in Europa extra anschauen und manches ist auch nicht so einfach vergleichbar. Viele Märkte sind günstiger als bei uns. Das hat unterschiedliche Gründe, liegt aber oft (mit) an der Wettbewerbssituation. Es gibt aber auch ein paar abschreckende Beispiele, wo es noch viel schlimmer ist.