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Das Märchen von den Zahlen und dem Lobbyismus


25.01.2019 09:18 - Gestartet von DL7FOS
Die Frage nach Smart Home steigt, das ist sicherlich unstrittig. Neu geplante Häuser werden künftig eher mit Heimautomation bestückt werden, jedoch endet genau an diesem Punkt das Märchen. Es formiert sich eine Lobby, die mich an den Pixelwahn der Fotobranche erinnert. Höhere Pixelzahlen suggerierten stetig eine höhere Bildqualität, bis Fachzeitschriften diesen Unsinn nicht mehr schlüssig belegen konnten. Es dauerte insgesamt drei Jahre, bis die Rechenleistung zum Einen ausreichte, Verzeichnungen und Farbabweichungen zu korrigieren und zum Anderen die Bildprozessoren technisch überhaupt für hohe Auflösungen ausgelegt wurden, siehe rückwärtige Belichtung bei CMOS-Sensoren.

Smart Home kränkelt an einheitlichen Standards, siehe USB und Wi-Fi. So lange die Interoperabilität nur mit Selbstbaulösungen klappt und ein autarker Betrieb ohne chinesische Server und unzureichend verschlüsselten Gadgets nicht gelingt, bleibt die Lobby ein Marktschreier. Der VDE weiß sicher, wie lange man in deutschen Haushalten noch Knebelschalter vorfindet. Dabei ist es ein Unterschied zwischen neu bauen und Bestandsgebäuden.

Was die vermeintliche Einsparung angeht, wüsste ich nicht, wer noch Nachtstrom nutzt. Eine Waschmaschine schaltet sich auch mit einem Timer entsprechend ein und so lange kein Roboter die Wäsche bügelt, faltet und im Schrank sortiert, wird man wie beim Kaffeeautomaten selbst aktiv werden müssen. Siehe die Eject-Taste an der Fernbedienung eines CD-Players, deren Sinn sich mir bis heute nicht erschlossen hat, außer wenn einem langweilig ist. Gleiches gilt für die Beleuchtung, ein Infrarotsensor kann das Licht auch direkt am Leuchtmittel steuern, von Philips gab es vor 20 Jahren sogar ein Deckenradio, das sich bei Betreten des Badezimmers aktiviert hat.

Wir verbrauchen aktuell in einem Einfamilienhaus mit rund 130m² exakt so viel Energie, wie in unserer Mietwohnung vor 20 Jahren in einem schlecht isolierten Gebäude mit rund 70m² und Zentralheizung. Dabei zog unser Deckenfluter alleine schon 300 W Energie aus dem Netz, die Deckenleuchte mit drei 60 W Glühlampen rund 180 W noch dazu. Dank LED-Beleuchtung (je Leuchtmittel rund fünf Euro Investition) konnte ich den gesamten Lichtverbrauch für das Haus auf unter 300 W drosseln, wenn alle Leuchten aktiviert wären. Die Energieeinsparung gelingt nicht durch Smart Home, bei dem jeder Verbraucher und Aktor permanent mit einer geringen Energie versorgt werden muss, sondern durch logisches und optimales Verhalten, das im Alltag nicht belastet. Rechne ich bei rund 100 Steuerungseinheiten, einschließlich Beleuchtung, einen Leerlaufverbrauch von 0,5 W, entspricht das 50 W Leerlaufenergie. Dafür könnte man eine alte 60 W Gklühlampe im Hausflur dauerhaft brennen lassen.

In meinem Berufsalltag mache ich zudem eine sehr interessante Erfahrung. Während technisch eher unbedarfte Anwender gerne zur Heimautomation greifen, weil es ja cool ist, auf der Party mal eben das Garagentor zu bedienen oder das Licht im Klo zu schalten, gibt es unter den Profis in meinem Umfeld zwei Gruppen: Die eine weiß sehr genau, was sie tut und setzt auf eigene Lösungen, Smart Home entfaltet sich hier als persönliches Hobby, was durchaus bei mehreren Gebäuden auch Sinn machen kann. Andere wiederum sind bestens über die Risiken und Nebenwirkungen informiert und warten erst mal ab. Ich selbst habe mein Konto bei Amazon gekündigt, seitdem spare ich sogar richtig Geld, weil man nicht mehr so bequem ist und Preise überblickend vergleicht. Diese Bequemlichkeit kostet nämlich, zumal Amazon nicht die Günstigsten sind und man auch nach ausgelieferten Vorbgestellungen regelmäßigf die Preise erhöht. Einen Echo hatte ich, nach einer Woche war mir langweilig und ich habe ihn zurückgeschickt. Bei vollständiger Fußbodenheizung wäre selbst eine automatische Steuerung der Thermostate aufgrund der Trägheit für uns nicht mal sinnvoll.

Die Branche sollte auch eine soziologische Komponente nicht vernachlässigen. FÜr heutige Generationen ist die Online-Welt noch vergleichsweise jung, viele nutzen ja gerade erst um 10 Jahre ein Smartphone. Es tauchen auch langsam Probleme für diejenigen auf, die ihr gesamtes Leben im sozialen Netz offenlegen. In Hamburg haben wir es gesehen, dass Kinder gegen exzessive Smartphone-Nutzung sogar demonstriert haben und es war seit je her in der Geschichte so, dass es einen Gegentrend gibt. Den gibt es fürs UKW-Radio (Straming) fürs Fernsehen (NetFlix) und auch fürs Telefon (WhatsApp), die Zeit bleibt nicht stehen. Das Bewusstsein für die eigene Identität wird auch irgendwann zurückkehren, dann wird es eben nicht mehr cool sein, alles im Netz zu teilen oder die Welt nur noch durch die Kamera zu sehen. Es wird einen Offline-Trend geben, der vernetzte Geräte kategorisch ablehnen wird. Dessen bin ich mir sicher, auch wenn dies noch einige Jahrzehnte dauert. Hat die Industrie bis dahin nicht gelernt, dass Alleingänge für einen Standard immer schädlich sind (man stelle sich vor, Nokia-Telefone könnten nur mit Nokia-Telefonen telefonieren), könnte ich mir eine Menge brach liegender, smarter Geräte vorstellen. Einen Rollladenmotor, der irgendwann nicht mehr funktioniert, weil es den Hersteller oder das Protokoll nicht mehr gibt. Weil man neu verkaufen will, gibt es auch keine Updates. Wohl dem, der alles auf eigenen Grundlagen beherrscht und für sich individuell angepasst hat. Ich nutze Zeit und Geld lieber anders und beobachte das Ganze mit einem professionellen Blickwinkel.

Abschließend möchte ich noch eine Gruppe ausnehmen: Schwerstbehinderte Menschen. Schon vor 20 Jahren gab es Heimautomation, selbst automatische Heizungssteuerungen gab es in den 80er Jahren. Mit einem Echo wird es allerdings möglich, sehr schnell und effektiv die Autonomie ein Stück wiederherzustellen, das finde ich sehr positiv. Da kann eine smarte Leuchte, Rolladenmotor oder Heizthermostat schon was bewirken.