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Schlagt mich nicht...


12.09.2001 23:52 - Gestartet von basti007
Auch auf die Gefahr hin, dass sich viele auf den Schlips getreten fühlen und dass mich alle beschimpfen werden, ist hier mal meine Meinung dazu:

Ich denke, Bush trägt mit seiner nationalistischen und aggressiven Aussenpolitik seinen Teil zum Unglück bei. Ob das unter Clinton auch passiert wäre, ist fraglich. Und anstatt den schon lang brodelnden Herd nun endlich mit Handschuhen anzulangen meint er wieder, er müssen den Nationalstolz der Amerikaner durch einen militärischen Vergeltungsschlag befriedigen. Ich bin überzeugt, dass Bush, der ja was Aussenpolitik betrifft nicht gerade der hellste ist, einige intelligente Köpfe bei seiner Seite hat. Aber gleichzeitig kann ich mir nicht vorstellen, dass es richtig ist, einen Terroristenanschlag für sich als Kriegserklärung zu deuten (und Schröder spielt da ja gleich fleissig mit), damit die komplette NATO mit hineinzuziehen, und dann auch noch zu glauben, man würde den Feind mit der Bombadierung Afghanistans eliminieren. Mal ganz abgesehen davon, dass Afghanistan ohne jegliche Probleme jederzeit Atombomben werfen würde, bleibt der Islam weiterhin weltweit verstreut. Grade Amerika, dass die Freiheit des Glaubens als Grundrecht anerkennt, will jetzt einen Glaubenskrieg Kapitalismus gegen Religion anzetteln. Verstehe das wer wolle. Aber es scheint, als sei die Menschheit wieder mal bereit für einen (sei es nun großen oder kleinen) Krieg. Die Medien mit ihrer teils reisserischen Berichterstattung tragen ihren Teil dazu bei (fühle mich da unweigerlich an das Starship Troopers Szenario erinnert und irgendwo hat es auch was von Lady Di\'s Tod). Versteht mich nicht falsch: Mich schockt die Lage und ich informiere mich auch darüber, aber die Art, wie das hochgepusht wird kotzt mich mittlerweile an. Derartige Sachen fordern den Krieg heraus anstatt die Lage zu besänftigen. Einen Tag volles Info-Programm auf allen Kanälen ist okay, aber man muss wissen, wann die Gefahrengrenze für Aufbauschen der Bevölkerung überschritten wird - und die ist es jetzt. Keiner will Krieg und doch erwartet ihn jeder. Und darin liegt der Fehler. Schließlich ist es \"nur\" Amerika und (noch) nicht Deutschland - und ich finde, das sollte so bleiben. Deshalb: Ruhig werden, nachdenken, Lösungen suchen! Wie schlimm, das so viele Menschen so visuell prägbar sind und dabei die Relation zu anderen Dingen komplett vergessen: Die Hälfte der Weltbevölkerung muss jeden Tag ums Überleben kämpfen und in China und anderen Ländern werden täglich hunderte von Unschuldigen hingerichtet - das interessiert jetzt (oder schon lange) kein Schwein mehr. Und alles nur wegen ein paar Bilder im Fernsehen. Bilder, die es ähnlich auf der ganzen Welt gibt und die wir aber sonst nie zu sehen bekommen. Der einzige, der momentan scheinbar noch einen klaren Kopf bewahrt hat, scheint der Dalai Lama zu sein, auch wenn ich nicht glaube, dass seine Worte überhaupt im amerikanischen Fernsehen gespielt werden. Ich bin kein politisches Köpfchen, aber das ist jetzt mal meine Meinung.
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[1] vickyc antwortet auf basti007
13.09.2001 00:06
hi basti


das was du da eben geschrieben hast war sehr politisch und zudem noch sehr intelligent.
also stell dein licht nicht unter den scheffel!!

du hast nur einen punkt außer acht gelassen und das ist die machtfrage die hier zur debatte steht und um die es geht.

nun ein paar fakten:

jeden tag sterben ca. 40.000 kinder den hungertod, die westliche welt könnte dies verhindern - sie tut es nicht.
im vergleich dazu ist das was gestern in ny lief ein witz - aber die 40.000 kinder stellen keine macht dar, "niemand kräht nach ihnen".
der punkt sind nicht die toten in ny (so tragisch es auch sein mag), sondern vielmehr die frage, wie geht die usa mit einem direkten angriff auf ihr terrain um?

für alle die sich fragen was ich meine, empfehle ich den film "airforce one".
und das ist der punkt um den wir uns sorgen und gedanken machen sollten.
der schock um ny ist "verdaut" - sorry auch wenn ich prügel dafür bekomme - aber die bange frage ist eher die, was passiert jetzt..... wie regaiert bush.... ?


gruss
vicky
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[1.1] Kai Petzke antwortet auf vickyc
13.09.2001 01:52
Benutzer vickyc schrieb:

jeden tag sterben ca. 40.000 kinder den hungertod,

40.000 ist die Gesamtzahl der täglich sterbenden Kinder. Da ist nicht nur Hungertod dabei, sondern auch Infektionskrankheiten, Gewalttaten (leider), genetische Defekte usw.

die westliche welt knnte dies verhindern - sie tut es nicht.

Siehe: http://www.dsw-online.de/wbarmutbg.pdf
Seit den 60er Jahren sank die Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern um mehr als die Hälfte von 149 pro 1000 Geburten auf 62 im Jahr 1999.

So ganz untätig ist man also nicht.

Oft sind es religiöse Gründe, die eine weitere Verbesserung der Situation verhindern. Zum Beispiel bedeuten "weniger Kinder" oft auch "weniger Armut". Aber wenn Entwicklungshelfer Pille oder Kondom verteilen, dann hagelt es Proteste von Katholiken und Islamisten.

Wenn ein Land von Bürgerkrieg heimgesucht wird, ist es auch schwierig, Nahrungsmittel zu liefern oder Entwicklungshilfe zu leisten. Gut, man sollte in solchen Fällen erstmal sicherstellen, dass keine modernen Waffen geliefert werden, was der Westen leider allzuoft tut. Ich gebe aber zu bedenken, dass wir es hierzulande einmal 100 Jahre am Stück geschafft haben, uns mit Schwertern gegenseitig in einem Religionskrieg umzubringen. Reste dieses Dauerstreits Protestanten gegen Katholiken schwelen weiter in Nordirland. Waffenembargos alleine schaffen also auch keinen Frieden.

wie regaiert bush.... ?

Die Frage stelle ich mir auch. Ich hoffe, er bleibt besonnen.


Kai
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[1.1.1] RE: Schlagt mich nicht...Nigeria
eggx antwortet auf Kai Petzke
13.09.2001 05:03
Benutzer Kai Petzke schrieb:
Benutzer vickyc schrieb:
die westliche welt knnte dies verhindern - sie tut es nicht.

...So ganz untätig ist man also nicht.
Gut, man sollte in solchen Fällen erstmal sicherstellen, dass keine modernen Waffen geliefert werden,was der Westen leider allzuoft tut...dass wir es...geschafft haben,uns mit Schwertern gegenseitig in einem Religionskrieg umzubringen. > ...Waffenembargos alleine schaffen also auch keinen Frieden.

Hallo Kai,
Der Fall Nigeria und Shell und die Hinrichtung des nigerianischen Schriftstellers ist so ein Beispiel für das Wegschauen (aber Konsumieren:Benzin)des Westens und gleichzeitige Agitation eines global-operierenden Konzerns, der einseitig einen schleichenden Krieg mittels Verseuchung des Bodens und des Wassers gegen die dortige Bevölkerung betreibt, und eine Marionettenregierung hält, die jeden Widerstand im Keim erstickt. gesehen auch in ARD,"Rotes Quadrat" oder "die story", Top-Niveau übrigens. Ähnliches Beispiel war in dem jetzt unabhängigen Osttimor auf Borneo/Indonesien.
Ausserdem wirkt deine Argumentation mit dem Waffenembargo nicht sehr logisch. Denn mit Waffenembargo kann die Eskalation schon meist nicht mehr so hochgetrieben werden und nicht so lange anhalten. Wahrscheinlich hätte der o.g. Krieg ohne Waffen auch nicht 100 Jahre gedauert. Zu Burundi(wo das Embargo-Argument nicht zieht): Auf Arte lief dazu (Geschichte am Mittwoch:spitzenmässig!) eine Doku wie die ganze Welt zuschaute als wäre es eine Naturkatastrophe(leider titelten auch einige Zeitungen so rassistisch), obwohl die Diplomaten(UNO,NGOs u. GOs) vorher Bescheid wussten aber absichtlich untätig blieben. Und die Betroffenheit war lang nicht so hoch wie z.B. beim ach so armen Dalai Lama, dem Gelbmützensektenführers des ehemals hierarchisch,straff geführten mittelalterlich-feudalistisch-fundamentalistisch-religiösen Regimes auf dem Dach der Welt, der auch Beziehungen zur Nazi-SS(Ahnenerbe) hatte, an das er sich heute natürlich nicht mehr erinnern kann.(Quelle:J.D­ithfurt:Entspannt in die Barbarei;viel Material - seriös, leider etwas polemisch)
Gruss eggx
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[1.1.2] Telebald Bagger antwortet auf Kai Petzke
13.09.2001 05:08
Benutzer Kai Petzke schrieb:

Beifall, bis auf ein paar Kleinigkeiten.

Benutzer vickyc schrieb:

jeden tag sterben ca. 40.000 kinder den hungertod,

40.000 ist die Gesamtzahl der täglich sterbenden Kinder. Da ist nicht nur Hungertod dabei, sondern auch Infektionskrankheiten, Gewalttaten (leider), genetische Defekte usw.

Man hat mir erzählt, dass seinerzeit, als die katholische Kirche gefragt wurde, warum sie nichts gegen die Ermordung von 6 Mio. Juden unternommen habe, die offizielle Stellungnahme des Vatikans war: Es waren nur 3 Mio.

Ich meine jetzt den Aspekt: Sehr hilfreich.

die westliche welt knnte dies verhindern - sie tut es nicht.

Siehe: http://www.dsw-online.de/wbarmutbg.pdf
Seit den 60er Jahren sank die Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern um mehr als die Hälfte von 149 pro 1000 Geburten auf 62 im Jahr 1999.

So ganz untätig ist man also nicht.

Oft sind es religiöse Gründe, die eine weitere Verbesserung der Situation verhindern. Zum Beispiel bedeuten 'weniger Kinder' oft auch 'weniger Armut'. Aber wenn Entwicklungshelfer Pille oder Kondom verteilen, dann hagelt es Proteste von Katholiken und Islamisten.

Die Erfahrungen der Entwicklungshilfe zeigen, dass man oft in bester Absicht an den falschen Schrauben in falscher Richtung gedreht hat. Die Regulierungssysteme der 3. Welt sind zusammengebrochen, als wir kolonialisiert haben. Vermutlich irreparabel. Da lässt sich die Verantwortung jetzt nicht mehr hin und her schieben.

Wenn ein Land von Bürgerkrieg heimgesucht wird, ist es auch schwierig, Nahrungsmittel zu liefern oder Entwicklungshilfe zu leisten. Gut, man sollte in solchen Fällen erstmal sicherstellen, dass keine modernen Waffen geliefert werden, was der Westen leider allzuoft tut. Ich gebe aber zu bedenken, dass wir es hierzulande einmal 100 Jahre am Stück geschafft haben, uns mit Schwertern gegenseitig in einem Religionskrieg umzubringen. Reste dieses Dauerstreits Protestanten gegen Katholiken schwelen weiter in Nordirland. Waffenembargos alleine schaffen also auch keinen Frieden.

wie regaiert bush.... ?

Die Frage stelle ich mir auch. Ich hoffe, er bleibt besonnen.


Kai
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[1.1.3] kalle antwortet auf Kai Petzke
13.09.2001 12:07
Benutzer Kai Petzke schrieb:
Benutzer vickyc schrieb:

jeden tag sterben ca. 40.000 kinder den hungertod,

40.000 ist die Gesamtzahl der täglich sterbenden Kinder. Da ist nicht nur Hungertod dabei, sondern auch Infektionskrankheiten, Gewalttaten (leider), genetische Defekte usw.

die westliche welt knnte dies verhindern - sie tut es nicht.

Siehe: http://www.dsw-online.de/wbarmutbg.pdf
Seit den 60er Jahren sank die Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern um mehr als die Hälfte von 149 pro 1000 Geburten auf 62 im Jahr 1999.

So ganz untätig ist man also nicht.

Oft sind es religiöse Gründe, die eine weitere Verbesserung der Situation verhindern. Zum Beispiel bedeuten "weniger Kinder" oft auch "weniger Armut". Aber wenn Entwicklungshelfer Pille oder Kondom verteilen, dann hagelt es Proteste von Katholiken und Islamisten.

Wenn ein Land von Bürgerkrieg heimgesucht wird, ist es auch schwierig, Nahrungsmittel zu liefern oder Entwicklungshilfe zu leisten. Gut, man sollte in solchen Fällen erstmal sicherstellen, dass keine modernen Waffen geliefert werden, was der Westen leider allzuoft tut. Ich gebe aber zu bedenken, dass wir es hierzulande einmal 100 Jahre am Stück geschafft haben, uns mit Schwertern gegenseitig in einem Religionskrieg umzubringen. Reste dieses Dauerstreits Protestanten gegen Katholiken schwelen weiter in Nordirland. Waffenembargos alleine schaffen also auch keinen Frieden.


Hallo Kai,

wann waren denn diese 100 Jahre? Mir fällt zunächst nur der Dreißigjährige Krieg ein (1618-1648). Zum Stichwort 100 nur der Hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England, aber der war kaum religiös motiviert.
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[1.1.4] z antwortet auf Kai Petzke
13.09.2001 13:33
Benutzer Kai Petzke schrieb:


umzubringen. Reste dieses Dauerstreits Protestanten gegen Katholiken schwelen weiter in Nordirland. Waffenembargos

Ist zwar off-topic, aber ...

In Nordirland handelt es sich im wesentlichen um einen Nationalitätenkonflikt, die Bezeichnungen 'Protestant' bzw. 'Katholik' sind die Etiketten (pro-UK/proirisch).

Ein in Belfast geborener Mann erzählte mir folgende Begebenheit: Sein Freund, ein Jude, ging in Belfast umher. Als er mit Leuten ins Gespräch kam, wurde er gefragt, ob er Protestant oder Katholik sei. Er sagte, er sei weder noch, sondern Jude. Der Frager war damit aber nicht am Ende: Er wollte wissen, ob der andere ein protestantischer oder katholischer Jude sei.

(Schmunzeln erlaubt)

Der mir das erzählt hat, meinte, die Frage sei nicht so doof, wie sie aussieht: Sie bedeutete einfach: 'Auf welcher Seite stehst du?'. Die Auseinandersetzung ist eben nicht hauptsächlich religiös motiviert. Die Irischstämmigen wollen zurück zu Irland, die andern zu Großbritannien. Der konfessionelle Unterschied kann diesen Gegensatz natürlich noch verstärken.



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[1.2] basti007 antwortet auf vickyc
13.09.2001 13:04
Benutzer vickyc schrieb:

du hast nur einen punkt außer acht gelassen und das ist die machtfrage die hier zur debatte steht und um die es geht.

Das ist mir schon klar. Ich will auch die Wichtigkeit dieser enorm angespannten Lage nicht verherrlichen. Mir geht es weniger um die Politik als viel mehr, wie die Menschen damit umgehen.

Es scheint mir so, als müsse man den Menschen immer erst klar machen, über was sie trauern sollten und was nicht - die Medien tragen da ihren Teil dazu bei und wenn ich sehe, dass die westliche Welt umgehend einen Tag der Trauer und noch dazu Gedenkminuten einführt, kann ich das in Hinblick auf den bereits erwähnten anderen Leid nicht so ganz nachvollziehen.
Es geht mir einfach um die Relation zu gewissen Dingen. Vielleicht sehe ich die Welt anders...

Dass wir alle Sorgen um die Reaktion Bush's haben, die die Sache ja wirklich in die Höhe treiben könnte, steht dabei ausser Frage, aber das ist für mich ein anderer Aspekt.