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Warum preiswert, wenn's teuer geht?


10.04.2008 22:50 - Gestartet von Wei.
Ich nutze beruflich selbst das Funksystem der BOS.
Im Rahmen der Fortbildung habe ich bereits vor Jahren über die Thematik TETRA, TETRAPOL und GSM-BOS informiert.
Deshalb das Ganze hier mal zur Diskussion:

Digitalfunk - Nachteile des analogen Systems

- schlechte Sprachqualität
- umständliche Handhabung (bei Wechsel des Funkverkehrkreises)
- kein Roaming (Bsp. Verständigung mit Heimatleitst. im Fremdgebiet)
- keine Abhörsicherheit (Ausführungen zum "Scrambeln")
- lückenhafte Flächendeckung (kein "Netz"-Ausbau mehr)
- Paging ohne Rückmeldung des Teilnehmerstatus'
- schlechte Frequenzökonomie (Fall Delitzsch, Kanal 405)
- keine "Multitasking"-Fähigkeiten je Kanal (Bsp. EKG-Übertragung)
- keine dynamische Gruppenbildung der Teilnehmer
- ineffektive Energienutzung (im Vergleich zu digitalen Systemen)
- inzwischen mangelhafte Ersatzteilverfügbarkeit

Anforderungen an ein neues System

- Leistungsspektrum des Analogfunks bleibt erhalten
- unterbrechungsfreier Zellwechsel, bundesweites Roaming
- automatische Identifizierung des Teilnehmers
- erschwertes Abhören (Aufwand-Nutzen-Verhältnis)
- flächendeckende Outdoor- und Indoor-Netzversorgung
- höhere Frequenzökonomie als bisher
- dynamische Gruppenbildung, "Interconnection" (Bsp. Polizei)
- Multitasking-Fähigkeit zur Datenübertragung
(Alarmierung, Textmeldungen, Statusübertragung, Wegweisung, Bilder, Vitaldaten)
- Der Schwerpunkt eines neuen Netzes liegt in der Datenübertragung, nicht mehr in der
Sprachübertragung
- möglichst länderübergreifende Kommunikationsmöglichkeit
- Ziel der Systemeinführung: 2006
- alle Nachbarländer haben sich bereits für ein System entschieden

Digitalfunk - Die neuen Systeme

Möglichkeiten der Ausführung eines neuen Systems

- TETRA 25 (zeitbasiertes Übertragungsverfahren, wie DECT)
- Datenpakete in verschiedenen Zeitschlitzen einer Frequenz
- TETRAPOL (frequenzbasiertes Übertragungsverfahren, wie Checker)
- Datenpakete auf verschiedene Frequenzlagen verteilt
- Vorteile: hohe Signalrobustheit (Frequenzdiversity), mehr Fläche mit einer BTS
- GSM-BOS (basierend auf dem VODAFONE-GSM-Netz nach Vorbild des GSM-Rail-
Bahnfunknetzes)
- Befürworter und Gegner beider TETRA-Systeme halten sich die Waage
(deshalb beide Netze in Nachbarländern ... inkompatibel!!!)
- DTAG trotz vorhandenem D1-Netz wider Erwarten gegen GSM-BOS, weil...
- für GSM-BOS spricht zunächst v.a. der geringere Preis
(etwa 2 Milliarden Euro, TETRA etwa 6 Milliarden Euro, neues Netz!)

Vorteile GSM-BOS

- Kosten für die Netzinfrastruktur geringer
- Elektrosmog-Diskussion (viele neue Standorte für TETRA)
- Kosten für die Endgeräte niedrig
(weitgehende Nutzung von Standard-GSM-Komponenten der Industrie)
- als einziges in kurzer Zeit realisierbar
- TETRA: erste Ausbaustufe 3000 Funkzellen im Citybereich = 11,8%
weiterer Ausbau über bis zu 10 Jahre angedacht!!!
- GSM-BOS: sofort 37000 Funkzellen mit 95,5 % Flächendeckung
gute Indoor-Versorgung durch 900-Mhz-Band
- profitiert von allen Systemupdates des D2-Netzes (und nebenbei die D2-Kunden vom
weiteren Netzausbau!)
Dabei tragen alle D2-Nutzer die Kosten, bei TETRA nur die BOS!
- D2-Netz besitzt bereits alle nötigen Erweiterungen für schnelle Datenübertragung in
den Basisstationen (HCSD, GPRS) ... mindestens genauso schnell wie TETRA!
- zusätzlich ASCI-Implementierung nötig (Gesprächsgruppen, Rundrufe)
- Kritiker: bei hoher Netzlast (Katastrophe) Probleme für BOS
Deshalb bei Kapazitätsgrenze einer Funkzelle Prioritätenzuweisung durch
Vermittlungrechner (BOS-, Notruf-, Normalverbindungen), auch Wechsel von Fullrate
auf Halfrate-Betriebsart, auch mobile BSIs (THW) Bsp. CeBit Hannover
- für Hubschrauberkommunikation zusätzliche Overlay-Zellen nötig
- Connectivity-Server zur Einbindung der Leitstellen ins Netz
(leichtes Integrieren von Fremdfahrzeugen in den Funkverkehr durch Auslesen von
deren ID-Listen)
- Luftschnittstelle bei GSM heute schon weitgehend abhörsicher, mit A5/3-Algorithmus
von UMTS weiter erhöhbar
- einfache Implementierung einer SMS-Alarmierung über eigenen Datenserver im D2-Netz,
kurze Laufzeiten garantiert, aktive Rückmeldung des Status mit geringer Leistung
möglich (Akku!)
- sofort Auslandsroaming in Nachbarländer möglich, da GSM-Protokoll
(TETRA25 nur in Belgien, Niederlande, Österreich, TETRAPOL nur in Frankreich,
Schweiz, Tschechien ... inkompatibel !)
- Sicherheit auch im Katastrophenfall:
- BTS mit Akkusatzreserve für etwa 12 Stunden
- Vermittlungsrechner mit eigenen Stromerzeugern für etwa 30 Stunden
- kurzfristige Zuschaltung mobiler Netzkapazitäten

!!! Aber: "Nachteil" des um 1s langsameren Verbindungsaufbaus !!! ???
Kann eine Sekunde die Mehrausgabe von 4000 Millionen Euro rechtfertigen?!

Digitalfunk - Eine Fiktion

Es ist 20:33 Uhr - Udo schaut auf die Uhr - der Feierabend ist greifbar nahe.
Heute sehnt er ihn besonders herbei; seit Schichtbeginn an diesem Sommertag hat ihm das Telefon keine ruhige Minute gegönnt.
Udo ist BOS-Callmanager in Chemnitz in einem dieser neuen Notrufzentren, die bundesweit gemeinsam für die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben eingerichtet wurden.

Der Schluck Cola hat die Flasche noch nicht verlassen, als der nächste Notruf aufläuft. Eine männliche Stimme meldet aufgeregt den Brand einer Fabrikhalle.
Die genaue Örtlichkeit kann die Person nicht benennen, aber das ist auch gar nicht erforderlich, denn Udo kann an seinem Display über die automatische Rufnummernerkennung sofort den Einsatzort "Zschopau" zuordnen:
Textlich wie auch grafisch erfolgt eine konkrete Darstellung, da mehrere Maßstäbe zur Auswahl stehen, ist es ihm sogar möglich, die Halle im Stadtplan abzurufen.
Brisanz erfährt die Meldung, als der Anrufer Hinweise auf eine Person gibt, die fluchtartig den Brandort verlassen hat.
Da die Anrufbearbeitung nach festen Ablaufplänen erfolgt, stellt er das Gespräch vorrangig zum sog. "Dispatcher Einsatzabwicklung Feuerwehr" durch und gibt der Polizei Mithörmöglichkeit - diese gemeinsamen, auch "bunte" Leitstellen genannt, sind doch eine tolle Sache:
Die Möglichkeit einer kurzfristigen gemeinsamen Lagebeurteilung hat sich bereits mehrfach bewährt, die Einsatzbewältigung wird erheblich effizienter.
Während sowohl Feuerwehr- als auch Polizeikräfte zum Einsatzort unterwegs sind, verschickt Einsatzleitbeamtin KOKin Martha Pfahl an die fahrzeugintegrierten Computer die grafisch und textlich aufbereitete Anfahrtroute.
So kann der Einsatzort schnell erreicht und eine erste Lagebeurteilung durch die Hilfsdienste erfolgen: Da durch den Brand weitere Gebäude bedroht sind, entschließt man sich zur Nachalarmierung eines weiteren Löschzuges.
Dies geschieht mit Hilfe aktiver Pager: Es werden gezielt Einsatzkräfte über ihren FME angesprochen, die ihre Verfügbarkeit über ein Statussystem zurückmelden und so ein gezielteres Kräftemanagement ermöglichen.
Die Polizei kann zwischenzeitlich über die Zeugenbefragung hinsichtlich des Flüchtigen einen konkreten Verdacht gegen eine als Brandstifter amtsbekannte Person begründen.
KOKin Martha Pfahl, die wegen des inzwischen starken Funkverkehrs ihre Einsatzkräfte einer eigenen Funkgruppe zugeordnet hat, findet per Datenabgleich entsprechendes ED-Material und ein aktuelles Foto des Verdächtigen, das sie sofort auf die Fahrzeugrechner ihrer Fahndungskräfte sendet.
Das mit seiner Freundin über das Digitalfunkgerät geführte Telefonat beendet der als Radstreife eingesetzte PK Phil Leicht sofort, als er das Fahndungsbild auf seinem Handheld erhält.
Da in unmittelbarer Nähe, wird er zur Überprüfung eines Rettungseinsatzes mit einer stark brandverletzten Person entsandt.
Bei seinem Eintreffen befindet sich diese bereits in einem RTW, ihre Vitaldaten werden unmittelbar und kontinuierlich per Funk an eine Spezialklinik übermittelt.
Kurz bevor sich der Rettungstransport in Gang setzt, kann PK Leicht noch einen Blick auf das Gesicht des Mannes werfen und ...

... Udo schreckt aus dem Schlaf hoch.
Seit er Mitglied der Arbeitsgruppe Digitalfunk Sachsen ist, hat er diesen Traum schon oft gehabt ...
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[1] zazzel antwortet auf Wei.
11.04.2008 14:04
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