Quantum-Update

Editorial: Endlich wieder Feuer!?

Der Firefox-Browser gewinnt an Geschwindigkeit zurück. Aber reicht das auch für das zweite Comeback der Mozilla-Engine? Oder ist Webkit uneinholbar vorne?
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Kann Firefox nach dem neuesten Update wieder zu alter Stärke zurückfindenKann Firefox nach dem neuesten Update wieder zu alter Stärke zurückfinden? Lang, lang ist's her, da war der Netscape Navigator mit Abstand der führende Browser. Zeitweilig lag der Marktanteil bei über 80 Prozent. Doch im sogenannten Browserkrieg verlor Netscape nach und nach seine Anteile an Microsoft, die dank sicherer Umsätze aus dem Geschäft mit Betriebssystemen und Office-Software ihren Internet Explorer mit einem viel größeren Team weiterentwickeln konnten. Bei wesentlichen neuen Features, allen voran DHTML und DOM zur Erstellung dynamischer Webseiten, hatte der IE viele Jahre die Nase vorn. Mit Version 4.0 wurde der Quellcode von Netscape als "Mozilla" unter eine Open-Source-Lizenz gestellt, um so der Weiterentwicklung des Netscape neue Impulse zu geben. Doch der Niedergang von Netscape konnte so nicht gestoppt werden. In den Folgejahren wurde Netscape immer unbedeutender, 2008 wurde die Weiterentwicklung gar komplett eingestellt.

Phoenix aus der Asche

Jedoch bereits am 9. November 2004 erschien Version 1.0 des Browsers Firefox, der wie Phoenix aus der Asche aus dem Mozilla-Quellcode hervorgegangen war. Ursprünglich sollte der Browser sogar Phoenix heißen, dagegen sprachen jedoch ältere Markenrechte eines anderen Software-Herstellers, und so kam es zum Namen "Firefox". Schon am ersten Tag wurde er über eine Million Mal heruntergeladen, ein halbes Jahr später wurde die Download-Marke von 100 Millionen überschritten. Version 3.0 wurde binnen 24 Stunden nach Veröffentlichung sogar über 8 Millionen Mal abgerufen.

In den Folgejahren gelang Firefox das Kunststück, die von Netscape an den IE verlorenen Marktanteile zu einem großen Teil zurückzugewinnen. Ca. Mitte 2008 wurde Firefox zum führenden Browser in Deutschland. Anfang 2009 schien es sogar so, dass Mozilla zumindest in Deutschland zur alten Stärke zurückgefunden hat: 55 Prozent Marktanteil für Firefox, 35 Prozent für IE und 10 Prozent "sonstige". Zudem befand sich der IE damals im konstanten Abwärtstrend. Alles deutete darauf hin, dass Firefox vielleicht sogar zu den 80 Prozent Anteil zurückfinden können würde, die Netscape ehemals hatte.

Wie gewonnen, so zerronnen

Doch in der Folge geriet Mozilla abermals ins Hintertreffen, weil sie bei einer technischen Entwicklung hinter der Konkurrenz hinterherhinkten. Dieses Mal war es jedoch nicht die Weiterentwicklung des HTML-Standards selber, sondern die Weiterentwicklung der Endgeräte: Für Smartphones war der Firefox zu fett, dort machten Apples Safari und Googles Chrome das Rennen, die übrigens beide aus derselben Freeware-Browser-Engine hervorgegangen sind, nämlich Webkit/KHTML. Letztere wurde ursprünglich für den Desktop KDE für das Betriebssystem Linux entwickelt, fristete aufgrund zahlloser Bugs dort aber nur ein Nischendasein. Doch dann wählte Apple Webkit als Basis für den iPhone-Browser und riss damit die Engine aus dem Dornröschenschlaf.

Mit dem Umweg über das Smartphone konnten Chrome und Safari auch den Desktop erobern. Im Vergleich zu den Webkit-basierten Browsern war Firefox schwerfällig und träge. Zwar hat Microsoft noch mehr Federn lassen müssen: IE und der neuere Edge dümpeln aktuell zusammen bei unter 10 Prozent dahin. Doch Firefox liegt bei weltweiter Betrachtung kaum besser. Je nachdem, wie man China und Indien gewichtet, ist Firefox sogar bereits auf den vierten Platz abgerutscht, hinter Chrome, Safari und den UC-Browser.

Zwar ist Firefox der mit Abstand am besten erweiterbare Browser. Aber offensichtlich ist nur einer Minderheit der Nutzer mindestens eines der exklusiv für Firefox erhältlichen Addons so wichtig, dass sie dem Firefox treu geblieben sind.

Neustart vor der Tür!?

So war es mehr als überfällig, dass das Firefox-Team die eigene Browser-Engine überarbeitet und deren Ressourcen-Verbrauch reduziert. Das zugehörige Projekt erhielt den Namen "Quantum". Mit Firefox Version 57 wurde die Quantum-Engine nun in den Browser integriert. Und mit dieser ist tatsächlich ein Riesen-Sprung nach vorne gelungen: Webseiten laden schneller, auch bei vielen offenen Tabs mit hoher Skript-Last bleibt der Browser ansprechbar und reagiert flott auf Eingaben. Das Feuer des Firefox, es ist zurück!

Ob es Firefox gelingen wird, mit Quantum Nutzer zurückzugewinnen, bleibt dennoch abzuwarten. Denn mit dem Quantum-Update wurde auch die Addon-Schnittstelle überarbeitet, und viele alte, beliebte Addons laufen nicht mehr unter Firefox 57. Zwar sind wohl inzwischen die populärsten Addons alle auf Firefox 57 portiert worden, zumindest mein Lieblings-Addon funktioniert unter Firefox 57 aber nur dann richtig, wenn man auch selber Hand anlegt und spezielle CSS-Angaben in die persönliche Konfigurationsdatei schreibt. Zwar werden dieses und andere kleinen Problemchen sicher in künftigen Versionen ausgemerzt werden. Doch könnte damit Firefox auch wieder schwerfälliger werden. Den Erfolg von Quantum werden wir also erst in einigen Monaten sehen. Gewiss ist er leider nicht.

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