Onlinediagnose

Digitale Medizin braucht schnelleres Internet

Breitbandausbau für medizinische Anwendungen nötig
Von dpa / Jennifer Buchholz

Ärzte und Kranken­kassen sollen prüfen, inwieweit Teile der Telemedizin sinnvoll sind. Die meisten tele­medi­zinisch­en An­wendungen werden von den Kassen bislang nicht finanziert. Es fehlt an Studien, die zeigen, dass tele­medi­zinische Be­hand­lungen etwas bewirken. Auch ist in Deutschland die Online-Diagnose von zum Beispiel Schlag­anfall­patienten ohne den Mediziner vor Ort verboten. Ärzte dürfen keine Diagnosen stellen, ohne einen Patienten jemals unmittelbar behandelt zu haben - das gilt auch für die Telemedizin. So steht es in der Muster­berufsordnung für Ärzte.

In anderen Ländern sind Fern­diagnosen ohne unmittelbaren Patienten­kontakt gang und gäbe - und legal. In der Schweiz beraten pro­fessio­nelle Ärzte beim Unter­nehmen Medgate telefonisch. In manchen Fällen stellen sie auch Rezepte aus. Loos sagt: "Wir glauben, dass sich das irgend­wann auch in Deutschland durchsetzen wird."

Ferndiagnose benötigt ein schnelleres Internet Ferndiagnose benötigt ein schnelleres Internet
Bild: dpa
Ein Aufheben des Fern­behand­lungs­verbots wird von Ärzten und Kassen kritisch gesehen. "Jeder Patient ist anders. Das kann ich nicht per Ferndiagnose machen", sagt der Sprecher der Kassen­ärztlichen Bundes­vereinigung (KBV), Roland Stahl. Der Vorsitzende des Telematik-Ausschusses der Bundes­ärztekammer, Franz Bartmann, stimmt Stahl zu. "Da, wo ein Arzt mit seinen fünf Sinnen mit einem Patienten in Kontakt treten muss, ist er durch Telemedizin nicht ersetzbar."

Erste Ansätze zum Aufheben des Verbotes gebe es aber auch in Deutschland, sagt Bartmann. Einige kassenärztliche Vereinigungen böten im Notdienst einen Telefon-Service an, der bei eindeutiger Beurteilung des Krank­heits­bildes schon am Telefon Be­handlungs­empfehlungen gebe. "Da wird das Fern­behandlungs­verbot schon ein wenig relativiert." Ein Modell à la Medgate ist Bartmann zufolge auf Deutsch­land nicht zur Gänze übertragbar. Das liege auch an den kulturellen Ge­wohnheiten. "Der Begriff 'Ich gehe mal schnell zum Arzt' wird hier von vielen wörtlich genommen."

Langsames Internet erschwert Diagnose

Der digitalen Medizin steht auch das lahmende Internet auf dem Land im Weg. IT-Experten forderten kürzlich in einer Infratest-Studie, das Netz müsse insgesamt deutlich schneller werden - allem voran in ländlichen Regionen, wo es oft schon an der Mindest­geschwindig­keit scheitert. "Auf dem Land gibt es kein vernünftiges Breitband", sagt Infratest-Geschäftsführer Robert Wieland. Dabei werde die gesundheitliche Versorgung immer stärker über Computer stattfinden. "Das ist im Gesundheitssystem erforderlich, um das System überhaupt noch finanzieren zu können."

Tele­mediziner Loos sagt, die technischen Voraus­setzungen zur Bild- und Daten­über­tragung sind bereits heute gegeben. "Der Kardiologe oder der Chirurg kommt per Videokonferenz ins Pflegeheim - das ist technisch alles möglich." Gesetzlich ist die Idee erst abgesichert, wenn eine Studie den Nutzen telemedizinischer Anwendungen klar definiert. Und diese Studien sind langwierig, zeigt eine gerade begonnene Untersuchung zur Telemedizin bei Herz­insuffizienz­patienten in Berlin und Branden­burg. Mit ersten Ergebnissen wird da erst 2016 gerechnet.

Wann und wie eine Digi­talisierung der Medizin auf die Patienten zukommt, ist so noch unklar. "Eines ist aber sicher", sagt Bartmann von der Bundes­ärzte­kammer. "Wir können nicht mehr in jedem 800-Seelen-Ort für die medizinische Grund­versorgung einen kompletten Arztsitz vorhalten." Ärzte in festen Immobilien werden seiner Meinung nach nicht allein die Lösung sein. Medgate jedenfalls wirbt im Internet schon einmal so: "Unser Ärzte­team erreichen Sie jederzeit und auch aus dem Ausland."

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