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Editorial: Discounter mit halbem Netz

Der Weiterbetrieb des technologisch veralteten 3G-Netzes kostet viel Geld. Was machen Netzbetreiber, um die Kosten künftig weiter zu rechtfertigen?
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Wie geht es weiter mit dem UMTS-Netz der Anbieter?Wie geht es weiter mit dem UMTS-Netz der Anbieter? Es ist ein Problem, das alle Netzbetreiber haben: Wie kann man das teure UMTS-Netz (3G) die kommenden Jahre noch sinnvoll auslasten? Denn um konkurrenzfähig zu bleiben, ist ein dichter Ausbau des LTE-Netzes (4G) erforderlich. Moderne Smartphones buchen sich dann aber auch in 4G ein und lassen 3G links liegen. Nur für Telefonate fällt die Mehrzahl der Handys nach 3G zurück, sofern nicht schon VoLTE genutzt wird. Doch reicht für Telefonie auch das (dank GSM-900) deutlich besser ausgebaute 2G-Netz.

Wozu also 3G noch lange weiterbetreiben? Zumindest die Deutsche Telekom behält sich in ihrer Leistungsbeschreibung neuerdings vor, 3G schon in wenigen Jahren abzuschalten - noch vor 2G. Denn mit der Abschaltung von 3G würden Frequenzen frei, die mit 4G oder der kommenden 5G-Technologie effizienter und kostengünstiger genutzt werden könnten als mit 3G. Zudem sind die alten 3G-Lizenzen bis Ende 2020 befristet. Ein Weiterbetrieb über diesen Zeitpunkt hinaus ist überhaupt nur möglich, wenn die Netzbetreiber ihre eigenen Frequenzen erneut ersteigern.

Intelligente Netzwahl durch das Handy wäre sinnvoll

Angesichts der genannten Gründe wird sicher auch bei Vodafone und Telefónica intensiv diskutiert, wie es mit dem 3G-Netz weitergeht. Zwar würde eine baldige 3G-Abschaltung sicher etlichen Kunden vor dem Kopf stoßen, die noch ein nicht 4G-fähiges Endgerät verwenden. Andererseits würde, wenn die Netzbetreiber das 3G-Netz nicht gezielt fördern, der Anteil des Datenvolumens, der überhaupt noch über das 3G-Netz abgewickelt wird, schon 2021 bei voraussichtlich nur noch 10 bis 20 Prozent liegen, und schnell weiter fallen. Also würde ein Netz weiterbetrieben werden, das nur noch einem kleinen Teil der Kunden überhaupt nutzt.

Die beste Möglichkeit wäre sicher, wenn Smartphones automatisch angewiesen werden könnten, bei gleichzeitiger Verfügbarkeit von 3G und 4G kleine Datentransfers und zeitunkritische Downloads über das 3G-Netz durchzuführen, größere zeitkritische Transfers hingegen über 4G. Die Vorsehung einer derartigen Möglichkeit zur Parallelnutzung beider Netze ist bei der Einführung von 4G aber leider vergessen worden. Dabei hätten sowohl Netzbetreiber wie Kunden Vorteile davon gehabt. Lediglich bei einer drohenden Überlastung des 4G-Netzes verschieben einige Netzbetreiber heute die Smartphones temporär in ihr 3G-Netz. Entsprechende Beobachtungen konnten unlängst bei Telefónica gemacht werden. Dieses Load-Balancing erfolgt jedoch durch das Netz, nicht durch Intelligenz im Handy. Ein Wechsel zurück zum LTE-Netz obliegt dem Netz und kann auch länger dauern als ein normaler Zellwechsel. Immerhin scheinen Netzbetreiber und Ausrüster bei der Planung für den kommenden Netzstandard 5G dazugelernt zu haben: Nicht nur die gleichzeitige Einbuchung in 4G und 5G wird möglich sein, sondern sogar der gleichzeitige Datentransfer über 4G und 5G.

Telefónica fördert UMTS-Netz mit o2 free aus

Also bleibt als einzige Möglichkeit zur Förderung des 3G-Netzes, Kunden gezielt von 4G auszuschließen. Telefónica macht das, indem Kunden bei den "free"-Tarifen nach Verbrauch des 4G-Datenvolumens nur noch im 3G-Netz weitersurfen dürfen, dort aber mit der im Vergleich zur sonst üblichen Drossel doch recht hohen Geschwindigkeit von 1 Mbit/s. Bei der Telekom und Vodafone ist es hingegen üblich, Kunden der Discounter nicht oder nur teilweise ins 4G-Netz zu lassen.

Im Ergebnis wird so das 3G-Netz weiter ausgelastet. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass sich die Betreiber so selber den Weg zur kostenoptimierenden Bereinigung ihrer Infrastruktur durch eine baldige Abschaltung von 3G verbauen. Wer wirklich 3G Ende 2020 abschalten will, muss angesichts üblicher Handywechsel-Zyklen von zwei bis drei Jahren schon bald damit aufhören, 3G-only-Kunden zu akquirieren, und folglich alle Kunden ins 4G-Netz lassen. Bis jetzt sieht es aber nicht danach aus. Die Klausel in der Telekom-Leistungsbeschreibung erscheint daher nur als eine Art leere Drohung. Discounter-Kunden werden sich bei Telekom wie Vodafone folglich noch lange damit abfinden müssen, das modernste Netz nicht mitnutzen zu können.

Übrigens: Wer in Deutschland welche Mobilfunkfrequenzen bis zu welchem Jahr nutzen darf und welcher Standard dort üblich ist, haben wir für Sie zusammengestellt.

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