Dual-SIM

Editorial: Die Angst vor der zweiten SIM

Dual-SIM-Smartphones sind praktisch. Wird deswegen die Verfügbarkeit hierzulande künstlich limitiert? Was können die Nutzer tun?
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Egal, ob Samsung Galaxy Note 8, Sony Xperia XZ1, Nokia 8 oder die aktuellen bzw. die noch kommenden Top-Smartphones von Huawei: Es gibt sie alle auch in einer Dual-SIM-Variante, in die sich statt der Micro-SD-Speicherkarte wahlweise auch eine zweite SIM-Karte einlegen lässt. Doch bei allen Herstellern heißt es Unisono, dass die Dual-SIM-Versionen vor allem für den asiatischen Markt bestimmt sind. In Europa und speziell Deutschland bekommt man die Dual-SIM-Varianten nur der genannten Smartphones unter erschwerten Bedingungen: Bei Samsung beispielsweise so gut wie nur direkt beim Hersteller, nicht bei den meisten Händlern, und insbesondere nicht in den Netzbetreiber-Shops, über die freilich ein Großteil des Vertriebs der Top-Smartphones läuft.

Technisch gibt es zwischen der Single- und der Dual-SIM-Variante meist keinen großen Unterschied: Die "Schublade" für das Einlegen von SIM- und Speicherkarte ist bei Single-SIM-Geräten etwas einfacher geformt, weil die zusätzlichen Vertiefungen für das alternative Einlegen einer zweiten SIM-Karte statt der Speicherkarte entfallen. Und auch die Firmware ist bei Single-SIM-Geräten etwas im Funktionsumfang reduziert, da im Handymenü die Punkte für die Verteilung von Sprachanrufen, SMS und Datenverbindungen auf die beiden SIM-Karten fehlen.

Schon bei der Hauptplatine gibt es meist keine Unterschiede zwischen Single- und Dual-SIM-Variante mehr: Insbesondere sind also die zusätzlichen Kontakte für die elektrische Verbindung zur zweiten SIM-Karte in der Regel ebenso vorhanden, wie ein Dual-SIM-fähiges 2G-Modem, über das beide SIM-Karten gleichzeitig ins jeweilige Netz eingebucht sein können, um Sprachanrufe zu empfangen. Man braucht also nur den Single- gegen einen Dual-SIM-Schlitten zu tauschen, und die Firmware zu flashen, um bei den genannten Smartphone-Modellen ein Single-SIM- zu einem Dual-SIM-Gerät zu upgraden! Folgerichtig sind auch die unverbindlichen Preisempfehlungen der Hersteller für Single- und Dual-SIM-Variante meist gleich. Wenn Händler hingegen doch teils deutliche Aufpreise für die Dual-SIM-Variante verlangen, dann liegt das vor allem an der deutlich schlechteren Verfügbarkeit der Dual-SIM-Geräte hierzulande.

Druck der Netzbetreiber

Angst vor der zweiten SIMAngst vor der zweiten SIM? Wenn der Unterschied zwischen Single- und Dual-SIM so gering ist, warum treiben die Hersteller dann überhaupt den Aufwand, zwei verschiedene Varianten ihrer jeweiligen Geräte zu vertreiben? Nun, das dürfte vor allem an den Netzbetreibern liegen, die insbesondere bei den stark subventionierten Vertragshandys nicht wollen, dass der Kunde eine zweite SIM-Karte eines anderen Betreibers einlegt. Offensichtlich haben sie Angst davor, Umsätze zu verlieren.

Für die Kunden ist das ein echter Nachteil, denn die Sparmöglichkeiten mit Dual-SIM sind teilweise enorm. Beispiel Datenroaming außerhalb der EU, wofür die Netzbetreiber zum Teil bis heute mehrere Euro pro Megabyte verlangen. Zwar entkommt man diesen Wuchertarifen leicht, indem man sich im Zielland eine lokale Prepaid-Karte kauft, die für 5 bis 20 Euro dann nicht nur mehrere Megabyte, sondern mehrere Gigabyte an Datenvolumen bietet. Doch wenn man dafür die SIM-Karte wechselt, ist man unter der gewohnten Rufnummer nicht mehr von zu Hause erreichbar. Zwar kann man Telefonate unter der heimischen Rufnummern auch via WhatsApp empfangen, aber noch nicht jeder verwendet diesen Messenger, und die Sprachqualität ist via WhatsApp nur dann gut, wenn sowohl Anrufer wie Angerufener sich an einem Ort mit guter bis sehr guter 3G- oder 4G-Netzversorgung oder einem zuverlässigen WLAN aufhalten.

Mit Dual-SIM kann man hingegen im Roaming außerhalb der EU sowohl die lokale SIM für den mobilen Internetzugang als auch die heimische SIM für den Empfang von Anrufen verwenden. Auch abgehende Sprachanrufe sind über die lokale SIM meist deutlich günstiger als via Roaming.

Ähnliche Vorteile - wenn auch weniger ausgeprägt - bieten Dual-SIM-Smartphones auch im Heimatland, insbesondere, wenn einem mal das Datenvolumen auf der Vertragskarte ausgeht, oder man wie ich Vielnutzer von ÖPNV und Bahn ist: In der Berliner U-Bahn bietet Telefónica/o2 nun einmal mit Abstand die höchsten (wenn auch leider oft immer noch ziemlich niedrigen) Datenraten, im ICE liegt hingegen die Telekom mit Abstand vorn, insbesondere dann, wenn das Bord-WLAN mal wieder schwächelt. Nervig, wenn man dann dauernd die Karte wechseln muss!

Von daher wäre es echt zu begrüßen, wenn zumindest die netzbetreiberunabhängigen Händler hierzulande verstärkt die Dual-SIM-Varianten vertreiben würden. Beim Einkauf in großen Stückzahlen in Fernost dürften diese nicht mehr kosten als Single-SIM. Sie bieten den Kunden der Händler aber einen nicht unerheblichen Vorteil, und sollten daher geeignet sein, die Bindung der Kunden an diejenigen Händler zu verbessern, die Dual-SIM- statt Single-SIM-Smartphones vertreiben.

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