Musik-Streaming

Internetradio-Hörer stehen auf "Do it yourself"

Nie wurde so viel Musik im Internet gehört: Reine Internetradio-Angebote legten in der Media Analyse um 353 Prozent zu. Dieser Erfolg liegt aber in erster Linie an der erstmaligen Ausweisung des Musikstreamers Spotify. Etablierte Radiostationen verlieren dagegen Hörer.
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Die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (agma) veröffentlichte die Studie ma 2015 IP Audio IV. Dabei handelt es sich um die Ergebnisse der Webradio-Messung für das dritte Quartal 2015. Laut der Auswertung haben reine Internetradio-Programme historische Zugewinne erzielt: Gab es im vergangenen Quartal noch 24 Millionen Streaming-Sessions, so stieg die Zahl nun auf 111 Millionen. Das bedeutet ein Plus von 353 Prozent. Eine durch­schnittliche Streaming Session dauert rund 50 Minuten.

Teilweise Verluste bei Web-Simulcast von UKW-Radiostationen

Während vor allem die private Radio-Branche allgemein darüber jubelt, wie erfolgreich der Verbreitungsweg Internetradio ist und sich damit auch in ihrer Einschätzung bestätigt fühlt, dass die Zukunft des Radios im Internet liegt, ist eine genauere Betrachtung der Analyse angebracht: Denn der große Sieger bei dieser Veröffentlichung heißt Spotify. Mit über 88 Millionen Streaming-Sessions pro Monat lässt der führende Musik-Streaming-Anbieter viele etablierte Radiostationen schlecht aussehen. So verzeichnete der führende deutsche Privatsender Antenne Bayern sowohl beim UKW-Simulcast als auch bei den begleitenden Webradios empfindliche Einbrüche, auch der erfolgreiche hessische Privatsender FFH verlor in allen Kategorien. Generell verzeichneten die UKW-Privatradio-Programme insgesamt in der Kategorie "Werbeträger Online-Audio-Simulcast" Hörerverluste.

Internetradio-Hörer sind "Do it yourself"-Typen

Die Hintergründe sind schnell erklärt: Viele Internetradio-Stationen sind reine Musikprogramme. Nur selten gibt es Moderation, viele Stationen kommen ganz ohne aus. Warum also nicht gleich "Do it yourself?", fragen sich wohl viele Internetradio-User: Bei Spotify können sie bestimmen, was sie wann und wie oft hören wollen, können Musiktitel jederzeit in die Playlist einbauen und im Flow-Modus Titel überspringen, die sie gerade nicht hören wollen. Musikalische Neuheiten bekommen sie von der Redaktion oder von befreundeten Usern (Follower) geliefert. Der große Spotify-Konkurrent Deezer ließ sich bisher nicht in der Media Analyse ausweisen und dürfte das Gesamtergebnis nochmals gründlich durcheinander wirbeln. Demzufolge könnten Deezer und Spotify schon heute erfolgreicher sein als alle anderen Webradios zusammen.

Auch andere User-Generated-Radio-Dienste konnten zulegen: So konnten die belgische Internetradio-Plattform Radionomy und das deutsche Pendant laut.fm leichte Gewinne verzeichnen. Hier kann sich jeder User innerhalb von einer Stunde sein eigenes Internetradio basteln. Hörer sind oft nur die Betreiber selbst und deren näheres Umfeld, zusammen erreichen sie jedoch über 10 Millionen Streaming-Sessions pro Monat.

DAB+: Die Erfolgsgeschichte, die keine sein darf

Ein anderer Grund, warum vor allem der Stream-Abruf der etablierten Radiosender stagniert oder sogar sinkt, ist der immer größere Erfolg des digital-terrestrischen Radios DAB+. Laut Digitalisierungs­bericht der Landesmedienanstalten ist DAB+ aktuell der Verbreitungsweg mit dem prozentual größten Zugewinn. Doch vor allem bei den etablierten Radiosendern wird der Erfolg nicht gerne gesehen: Sie fühlen sich in ihrem Biotop UKW pudelwohl, da aufgrund von Frequenzmangel keine oder nur noch wenige Konkurrenten zu erwarten sind. Sie sehen im digitalen Bereich größere Vermarktungs­chancen in der für die Werbeindustrie "hippen" Verbreitung über Smartphones und Tablets. Diese bietet zudem Rückkanal­fähigkeit und Anhaltspunkte zum Nutzer­verhalten, wodurch die Schaltung individualisierter und regionaler Werbung möglich ist.

Doch viele Nutzer stehen offenbar auf eine einfache, komfortable Bedienung. Wer bereits ein Digitalradio mit DAB+ besitzt, schaltet seltener den Internet­radiostream seines Lieblings­programms ein. Es läuft also offenbar auf zwei Lager hinaus: Die Hörer von linearen Radio­programmen wechseln zum einfach zu bedienenden Digitalradio DAB+. Die Internetradio-Hörer dagegen stehen auf "Do it yourself" und basteln sich ihr eigenes, individuelles Programm bei Musik-Streamern wie Spotify oder User-Generated-Radio-Anbietern wie laut.fm oder Radionomy.

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