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Deutsche Provinz: Schnelles Internet verzweifelt gesucht

Der Weg zum schnellen Internet ist weit. Es hapert nicht nur an der Technik. Die niedersächsische Landesregierung verspricht, eine Milliarde Euro in die Digitalisierung zu stecken. Doch viele Unternehmen kämpfen mit Leitungs- und auch Verdienstausfällen.
Von dpa /
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Das Unternehmen von Matthias Glaser liegt idyllisch in einem Wohngebiet am Fuße des Deisters, in einer Talsenke bei Wennigsen. Weit und breit ist der Software-Entwickler der einzige Arbeitgeber. "Knapp jedes dritte Ingenieurbüro in Deutschland arbeitet mit unserer Software, wir haben rund 4000 Kunden", sagt Glaser. Moderne Technik ist bei dem mittelständischen Betrieb mit seinen 20 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 2,5 Millionen Euro selbstverständlich. Was es nicht gibt, ist Handy-Empfang - und ein bezahlbares, schnelles Internet, das für seine Zwecke geeignet ist.

Denn bei der von Glasers Firma entwickelten Konstruktionssoftware fallen so große Datenmengen an, dass die Kupferleitung ihn brutal ausbremst - etwa bei der Datensicherung auf externen Servern oder bei Heimarbeit. Das Unternehmen würde seine Software auch gerne von Kunden über eine Art Standleitung einsehen lassen, das geht aber derzeit nicht.

Unternehmen entgeht wegen Netz-Misere viel Geld

Für Unternehmen ist eine leistungsfähige Glasfaser-Anbindung unabdingbarFür Unternehmen ist eine leistungsfähige Glasfaser-Anbindung unabdingbar Dabei hat Glaser seit kurzer Zeit mit 100 Megabit pro Sekunde im Download und 25 MBit/s im Upload eine vergleichsweise schnelle Internetanbindung. "Davor kamen wir auf 16 MBit/s", sagt sein technischer Leiter. Glasers Betrieb ist ein gutes Beispiel dafür, das es einfach nicht ausreicht, bei veralteten Kabel technisch einen Turbo zwischenzuschalten. Der technische Fortschritt beschleunigt sich immer schneller, und das Internet hält kaum Schritt.

Nach IHKN-Angaben entgeht vielen niedersächsischen Unternehmen durch das Fehlen eines leistungsstarken Internets eine Menge Geld. Softwareentwickler Glaser könnte seinen Kunden zum Beispiel Live-Services anbieten, die derzeit so nicht möglich sind.

Deutschland hinkt der Entwicklung völlig hinterher

Einen flächendeckenden Glasfaserausbau fordern die Experten schon lange. Doch laut den Statistiken des Industrieländerclubs OECD hinkt Deutschland der Entwicklung völlig hinterher; beim Anteil der Glasfaserkabel in seinem Breitbandangebot ist es sogar Schlusslicht unter allen untersuchten Ländern. Niedersachsens rot-schwarze Regierungskoalition will daher eine Milliarde Euro investieren, um das Land digital-zukunftssicher zu machen - und setzt auf weitere Geldspritzen vom Bund. Doch reicht das wirklich aus?

In Regionen mit langsamen Internetverbindungen - etwa dem Harz oder Oldenburger Münsterland - wird das Herunterladen umfangreicher Konstruktionspläne oder anderer Geschäftsunterlagen zum Geduldspiel. Die Unternehmerverbände Niedersachsen (UVN) mahnen daher seit langem einen zügigen Breitbandausbau an. "Das Netz auf Spitzbergen war schon vor zehn Jahren so weit wie es heute gerade mal hier ist", sagt Tina Voß, die Chefin einer Zeitarbeitsvermittlung in Hannover.

Im Winter drei Tage lang gar kein Internet

Voß, die auch norwegische Konsulin ist, sagt drastische Änderungen für den Jobmarkt durch die Digitalisierung voraus, die aber alle ohne ein schnelles Internet kaum vorstellbar sind. "Wenn sich etwa der Techniker eines Kunden in der Virtuellen Realität vom Hersteller zeigen lassen will, wie ein bestimmtes Maschinenteil zu reparieren ist, dann braucht er dafür auch eine vernünftige Internetanbindung", sagt Voß. Deren Bedeutung ist enorm angesichts der in allen Geschäftsbereichen zügig vordringenden Digitalisierung.

Ein "starkes Digitalland" soll Deutschland werden, heißt es im Koalitionsvertrag von Union und SPD. Wie wichtig Schwarz-Rot das Anliegen ist, zeigt auch, dass es im Bundeskanzleramt nun mit Dorothee Bär (CSU) eine Staatsministerin für Digitales gibt. Auf Landesebene ist es im Wirtschaftsministerium angesiedelt. "Viele Mittelständler haben ihren Sitz im ländlichen Raum und sind auf zukunftssichere Tele­kommuni­kations­infra­struktur angewiesen", mahnt der Branchenverband Bitkom in seiner jüngsten Mittelstandsanalyse.

Er fordert daher: "Um flächendeckend schnelle Internetverbindungen im ländlichen Raum sicherzustellen, ist aber auch die öffentliche Hand dort gefragt, wo ein wirtschaftlicher Ausbau perspektivisch nicht machbar ist." Geförderte Festnetz-Projekte müssen verstärkt Glasfaseranschlüsse in den Blick nehmen. Eine flächendeckende Versorgung mit 50 Megabit pro Sekunde könne daher nur ein wichtiges Zwischenziel auf dem Weg in die Gigabit-Gesellschaft sein.

Das sieht Glaser ähnlich, der nach eigenen Angaben auch schon mal im Winter drei Tage lang gar keine Internet-Verbindung hatte. Die Ironie: Nur ein paar Dutzend Meter von seinem Unternehmen entfernt liegt ein Glasfaserkabel unter einer Kreisstraße, das von der Flugsicherung und einer alten Polizeischule genutzt wird. Glaser: "Ein Anschluss wäre Klasse, aber nicht für die in Aussicht gestellten knapp 1000 Euro im Monat."

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