Telemedizin

Notarzt per Video scheitert oft an schlechtem Mobilfunknetz

Die Digitalisierung macht auch vor dem Gesundheitswesen nicht Halt. Telemedizin und E-Health-Projekte sollen die Versorgung von Patienten verbessern. Doch es bleibt noch einiges zu tun.
Von dpa /
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Zwei Retter kümmern sich um einen jungen Mann, dem es gar nicht gut zu gehen scheint. Sie prüfen Blutdruck, legen ein EKG an und bringen den Patienten in den Rettungswagen. Ein Einsatz wie sonst auch, mit einer Ausnahme: Der Notarzt ist nicht vor Ort. Er ist per Kamera und mobiler Datenverbindung zugeschaltet. Von der Klinik aus kann der Mediziner mit den Helfern kommunizieren, die Vitalwerte des Patienten auf einem Monitor verfolgen und Anweisungen geben. Im Notfall soll das wertvolle Zeit sparen.

Der Zusammenbruch des jungen Mannes ist allerdings nur gespielt. Die Vorführung demonstriert, welche Anwendungsmöglichkeiten es für digitale Technik im Gesundheitswesen gibt. Das Land Hessen will die Entwicklung in dem Bereich voranbringen. Dabei helfen soll das "Kompetenzzentrum für Telemedizin und E-Health" in Gießen, das am Mittwoch offiziell seine Arbeit aufgenommen hat.

Arztsprechstunde per Video oder Internetchat

Die Arbeit der Sanitäter könnte durch einen per Video zugeschalteten Notarzt unterstützt werdenDie Arbeit der Sanitäter könnte durch einen per Video zugeschalteten Notarzt unterstützt werden Hinter den Begriffen Telemedizin und E-Health verbergen sich verschiedene Möglichkeiten, die Digitalisierung im Gesundheitsbereich zu nutzen: eine Arztsprechstunde per Video oder Internetchat zum Beispiel, elektronische Krankenakten oder Computerprogramme für eine leichtere Kommunikation zwischen Rettungswagen und Kliniken.

Technisch machbar sei Vieles, sagte Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU) bei der Eröffnung des Kompetenzzentrums. Entscheidend sei aber, Projekte zu entwickeln, die den Patienten dienten. "Wir machen das, um letztendlich eine Versorgungssituation zu verbessern." Das Land unterstützt das Zentrum, an dem die Technische Hochschule Mittelhessen und die Universität Gießen beteiligt sind, mit rund 500 000 Euro pro Jahr. Hessen nehme mit der Einrichtung eine Vorreiterrolle ein, sagte Grüttner.

Das Zentrum soll Ideen und Projekte aus den Bereichen Telemedizin und E-Health bündeln. Die derzeit drei Mitarbeiter haben insbesondere eine beratende Funktion und stehen Ärzten, Kommunen oder Institutionen gerade bei Datenschutz- und Sicherheitsfragen zur Seite. Schließlich geht es um sensible Krankendaten von Patienten.

Verschwiegenheitspflicht bleibt bestehen

So betont die Landesärztekammer Hessen, dass digitale Technik "immer unter Beachtung der Verschwiegenheitspflicht, des Datenschutzes und der Patientensicherheit" eingesetzt werden müsse. "Die Technik darf nur Hilfsmittel sein und kann den Arzt-Patienten-Kontakt nicht ersetzen."

Das Kompetenzzentrum will nach Worten von Geschäftsführer Armin Häuser für eine unabhängige Beratung sorgen. Die Digitalisierung biete viele Chancen, gerade auch, um die medizinische Versorgung auf dem Land auf Dauer zu sichern. "Es geht letzten Endes um eine patientengerechte und zeitgemäße, moderne Versorgung." Allerdings: "Ich glaube, wir stehen da erst am Anfang."

So gibt es das System, mit dem der Notarzt per Videoübertragung die Geschehnisse im Rettungswagen verfolgen kann, bislang nur einmal in Gießen. Besonders teuer wäre es nicht, es auch in anderen Fahrzeugen zu installieren: Das System kostet nach Angaben der Entwickler etwa 500 Euro. Sie nutzten dafür Standard-Hardware - mussten dann aber dafür sorgen, dass der Datenverkehr zwischen Rettungswagen und Klinik sicher verschlüsselt abläuft.

Mobilfunknetze müssen ordentlich ausgebaut sein

Simon Little, Professor an der Technischen Hochschule Mittelhessen und Oberarzt am Uni-Klinikum Gießen-Marburg stellt klar: Das System soll den Notarzt vor Ort nicht ersetzen. Es gibt nach seinen Worten aber viele Patienten, zu denen ein Arzt zwar aus formalen Gründen rausfahren muss - dies aus medizinischer Sicht jedoch nicht zwingend nötig ist. Mit dem Videosystem "können wir den Patienten ärztlich betreut und unter Beobachtung in die Klinik bringen und den Notarzt freihalten für den nächsten Patienten, der ihn wirklich braucht".

So vielfältig E-Health-Projekte sein können - sie stoßen derzeit auch deshalb noch an ihre Grenzen, weil mancherorts die nötige Infrastruktur fehlt. Gerade auf dem Land. So räumt auch Minister Grüttner ein: "Eine der Grundvoraussetzungen, damit das auch sollbruchfrei funktioniert, ist der Ausbau des Mobilfunknetzes." Da sah er aber vor allem die Mobilfunkanbieter in der Pflicht.

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