DAB+

ORF entscheidet sich beim Digitalradio gegen DAB+

Der Österreichische Rundfunk hat sich gegen die Einführung des digital-terrestrischen Radiostandards DAB+ ausgesprochen. Damit ist klar: Eine europaweit einheitliche Lösung wird es wohl in den kommenden zwei Jahrzehnten nicht geben. Gefragt sind nun hybride Multiband-Empfänger.
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Ein Wiener Fiaker und das DAB+-Logo.DAB+ in Österreich wird es wohl so schnell nicht geben Es ist für Beobachter keine Über­raschung: Der Öster­reichische Rund­funk (ORF) wird seine Radio­programme dauer­haft nicht im Digital­standard DAB+ aus­strahlen. Das kündigte ORF-Chef Alexander Wrabetz am Mittwoch laut der Tages­zeitung Der Standard im Publikums­rat an. Wrabetz sieht die Radio-Zukunft in internet­basierten Audio­boxen, die über WLAN und Mobil­funk Radio­programme streamen. Dieser Trend werde sich verstärken, so Wrabetz, der etwa auf den intelligenten Amazon-Laut­sprecher "Echo" mit der Sprach­assistentin Alexa verwies, der gerade in Europa eingeführt wird. Der ORF-General begründete die Entscheidung zudem mit dem "mangelnden Erfolg von DAB+ in anderen europäischen Ländern", auch wenn Statistiken inzwischen eine andere Sprache sprechen. UKW sei der erfolgreichste Radio-Standard, bei dem wolle man bleiben.

Ein Grund für diese Haltung dürfte aber auch die deutliche Dominanz der ORF-Hör­funk­programme auf UKW sein, hier ist der öffentlich-rechtliche Sender auf bundes­weiter Ebene nahezu konkurrenz­los. Das geltende ORF-Gesetz erlaubt dem öffentlich-rechtlichen Sender zudem keine weiteren Radiop­rogramme im digitalen Bereich, daher sehe der ORF keinen Sinn in einem Technik­umstieg. Paradox an der Lage ist, dass die ORF-Hörfunk­programme bereits heute über DAB verbreitet werden, allerdings nicht in Österreich, sondern in Südtirol. Ver­antwortlich hierfür ist die Rund­funk Anstalt Südtirol (RAS), die öffentlich-rechtliche Programme aus dem Ausland für die deutsch­sprachige Bevölkerung ausstrahlt (Re-Broadcasting). Über diesen Um­weg ist der ORF auch in kleinen Teilen Ost­tirols im digital-terrestrischen Radio zu hören, ab 2017 möglicher­weise sogar in ganz Tirol, denn die RAS will ihre beiden Multiplexe für Pendler auch im Großraum Innsbruck ausstrahlen.

Auch ORF-Techniktochter überprüft weiteres Engagement in DAB+

Das Nein zu DAB+ beim ORF hat dennoch weit­reichende Folgen - nicht nur in Österreich, sondern auch in anderen europäischen Ländern: Denn auch der österreichische Sender­netz­betreiber und ORF-Tochter ORS überprüft laut "Standard" nach der Absage des ORF ans terrestrische Digital­radio das weitere Engagement in DAB+. Die ORS sei durch die ORF-Absage in einer "diffizilen Situation", weil sie eine Bewerbung für einen nationalen Multiplex nur abgeben könne, wenn sich genügend Programm­anbieter an einem solchen Mux beteiligen.

Die ORS betreibt aktuell das DAB+-Testensemble in Wien. 2017 will die Medien­behörde KommAustria einen nationalen Multiplex ausschreiben, der zunächst in den größten Städten des Landes starten soll. Denkbar ist, dass sich die deutsche Media Broadcast im Falle einer Absage der ORS um den Betrieb des Multiplexes bemühen könnte. Generell dürfte die Ausgangs­lage für digital-terrestrische Radio­programme in Österreich aber, nach der definitiven Absage des ORF und voraussichtlich auch der größten Privat­sender des Landes, weit schwerer als in Deutschland sein. Schon vor dem Start des Test­betriebes in Wien gab es von den Platz­hirschen Versuche diesen zu verhindern.

DAB+-Boykott aus purem Egoismus

Insgesamt läuft alles bei der Digitalisierung des Hör­funks auf einen jahr­zehnte­langen Flicken­teppich in Europa heraus: Während Länder wie Nor­wegen und die Schweiz schon ab dem kommenden Jahr die UKW-Sender­netze abschalten und andere wie Belgien dies anstreben, halten andere stur an der eigentlich technisch längst überholten analogen Technologie fest. Wiederum andere wie Polen denken sogar darüber nach wieder aus DAB+ auszusteigen. Diese Haltung ist zumeist weniger technisch begründet. Vielmehr geht es um eine Verteidigung der eigenen Markt­position: Die UKW-Frequenzen sind knapp, neue Konkur­renten kaum zu erwarten. Bei DAB+ gibt es dagegen theoretisch Platz für bis zu 200 terrestrisch verbreitete Hör­funk­programme pro Radio­markt. Das schmeckt den etablierten Sendern nicht. Oft sind es die großen Privat­sender, die DAB+ ablehnen, in mehreren Staaten aber auch staatliche und öffentlich-rechtliche Programme.

Ohne die Platz­hirsche ist eine Markt­einführung des digitalen Radios schwierig. Eine Refinanzierung ist nahezu ausgeschlossen, und auch für Marketing­maßnahmen stehen ohne die Großen weniger finanzielle Mittel bereit. Die Hörer­schaft bleibt zumeist bei UKW, nur wenige schaffen sich wegen neuer Programme Digital­radios mit DAB+ an. Ganz anders dort, wo etablierte und zum Teil neue Sender an einem Strang ziehen wie in Großbritannien, Norwegen, der Schweiz, zum Teil in Deutschland und zunehmend auch den Niederlanden: Hier setzt sich die digitale Technologie immer stärker durch.

Europäische Entscheidungen gefragt

Gefragt ist nun eine Entscheidung auf europäischer Ebene. Nur durch einen Beschluss den UKW-Hörfunk europa­weit auslaufen zu lassen könnten auch bisherige Blockierer dazu aufgefordert werden auf die digitale Schiene zu springen. Im Moment ist dies aber nahezu ausgeschlossen. Umso wichtiger ist die Verpflichtung für Multichips vor allem in Fahrzeugen, damit künftig das Radio etwa bei einer Fahrt von Deutschland nach Italien durch die Schweiz nicht stumm bleibt.

Österreich setzt unterdessen auf ein anderes Pferd: Die ORF-Hörfunkprogramme und mehrere Privatradios, die DAB+ bislang blockieren, sind nun über die Technologie des digital-terrestrischen Antennenfernsehens, DVB-T2, zu hören. Bisher ist das in Europa weitgehend ein Allein­gang.

In einer weiteren Meldung erklären wir Ihnen, wie sich DAB+ im Auto nachrüsten lässt.

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