Weiße Flecken

Editorial: Sisyphusarbeit Netzausbau

Die Deutsche Telekom will in den kommenden Jahren ihr Netz um 33 Prozent verdichten. Möglicherweise ist das sogar zu wenig, um künftige Dienste abzudecken.
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Netzabdeckungskarte des 4G-Netzes der Deutschen TelekomDie Netzabdeckungskarte des 4G-Netzes der Deutschen Telekom: Sicher etwas optimistisch zu pink gefärbt. 300 neue Standorte und fast 5 500 neue Mobilfunkdienste meldet die Deutsche Telekom bezüglich ihres Netzausbaus in den letzten beiden Monaten. Da ein neuer Standort bei der Telekom typischerweise mit um neun bis zwölf Diensten ausgerüstet wird (beispielsweise je drei Antennen für GSM-900, UMTS-2100, LTE-800 und LTE-1800) ergibt sich aus den Zahlen, dass nicht nur die genannten 300 neuen Standorte erschlossen, sondern auch zahlreiche bestehende Standorte mit zusätzlichen Antennen aufgerüstet worden sind.

Insgesamt bleibt der Netzausbau eine Sisyphusarbeit: Kaum ist man fertig, kann man von vorne beginnen. So plant die Deutsche Telekom, die Zahl ihrer Standorte von aktuell ca. 27 000 bis 2021 auf 36 000 zu erhöhen. Dabei geht es vor allem um Lückenschlüsse, aber auch die Beseitigung von Engpässen. Insbesondere soll der Anteil der Bevölkerung, an deren Wohnort kein Telekom-LTE verfügbar ist, von aktuell noch 6 Prozent bis 2019 auf 2 Prozent sinken.

Im Zusammenspiel mit den - allerdings noch sehr teuren - unlimitierten Datentarifen der Telekom könnte der weitere LTE-Netzausbau aber auch eine Lösung für viele derjenigen Bürger bringen, die weiterhin auf einen schnellen Festnetzanschluss warten müssen. Denn bei den in den bisherigen "weißen Flecken" (die oft weder mit Festnetz noch mit Mobilfunk gut versorgt sind) aufgebauten neuen Mobilfunkzellen ist auch bei Nutzung als Festnetzersatz keine Netzüberlastung zu erwarten: Zum einen wohnen jeweils nur vergleichsweise wenige Nutzer im Bereich einer solchen neuen Zelle. Zum anderen wird die Telekom trotzdem aktuelle, also besonders leistungsfähige Mobilfunktechnik installieren.

Natürlich stellt sich die Frage, wie groß der Anteil der Nutzer ist, die sich 80 Euro monatlich für einen mobilen Festnetzersatz leisten können und wollen. Aber der Preis dürfte der generellen Preistendenz im Mobilfunk folgend in zwei Jahren auf 60 Euro fallen, und dann liegt er mehr allzu viel über den 40 bis 50 Euro monatlich, die ein schneller Festnetzanschluss außerhalb der Ballungsgebieten ebenfalls mindestens kostet.

Noch mehr Gründe für Netzausbau

Das Geschäft mit mobilem Festnetzersatz auf dem Land ist aber nur einer der Gründe, warum die Deutsche Telekom dort verstärkt ausbaut. Denn 5G steht vor der Tür, und damit viele neue Anwendungen, die gerade außerhalb der Ballungszentren gefragt sein werden: Beispielsweise sind Landstraßen in Deutschland die Straßen mit der höchsten Unfalldichte, bezogen auf die Fahrleistung. Selbst, wenn vollautonomes Fahren möglicherweise noch weiter in der Zukunft liegt, als es den Protagonisten der Technik lieb ist: Zumindest in Oberklasse-Autos werden in den kommenden Jahren immer ausgeklügeltere Fahrassistenz- und Unfallvermeidungssysteme einziehen, die sich auch gegenseitig vor Gefahren warnen können. Nachrichten wie: "Aquaplaninggefahr in der Kurve bei Kilometer 13,7", "Totes Tier auf der Straße bei Kilometer 17,5" und "Rollsplit bei Kilometer 20,8" können aber nur dann ausgetauscht werden, wenn vor Ort auch ein zuverlässiges Mobilfunknetz verfügbar ist.

Auch Sensoren zur Überwachung von landwirtschaftlichen Anbauflächen gehören zur 5G-Zukunft. Beispielsweise hat es dieses Jahr in Brandenburg im Mai und der ersten Juni-Hälfte so gut wie gar nicht geregnet. Feuchtigkeitssensoren können dann den Bauern melden, wo künstliche Bewässerung am allernötigsten ist, und wo hingegen zumindest ein paar Tropfen gefallen sind. Aber auch Schädlingsbefall kann jeweils zeitnah gemeldet werden, und so der vorsorgliche Pestizideinsatz entsprechend reduziert werden. Aber auch hier gilt: Nur mit Netz können solche Nachrichten auch transportiert werden.

Reicht es?

Angesichts der zahlreichen neuen Möglichkeiten, die Mobilfunk künftig bietet, muss man sogar eher die Frage stellen: "Reichen 36 000 Standorte bis 2021 überhaupt aus?" Zu viele sind es sicher nicht.

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