ausgebremst

Editorial: Schneller an die Datendrossel

Dank steigender mobiler Datenraten ist das Verhältnis aus Datenrate und Größe vieler Datenpakete ins Missverhältnis gerutscht. Ein erster Netzbetreiber versucht sich an einer Korrektur.
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Das mobile Internet wird dank LTE und HSPA+ immer schneller, doch das in den Datentarifen enthaltene Datenvolumen wächst mitnichten dazu passend mit. Entsprechend schneller werden bei aktuellen Tarifen das Volumenlimit und damit die Tempodrossel erreicht, wenn die Fähigkeiten des Tarifs wirklich ausgenutzt werden.

Gerade bei "kleinen" Smartphone-Tarifen ist zudem ein Trend zu immer weniger Volumen zu verzeichnen. Beim o2 Blue All In S sind lediglich 50 MB inklusive, von Mobilcom-Debitel haben wir bereits Aktionsangebote mit lediglich 30 MB enthaltenem Volumen gemeldet. Diese werden von den Anbietern oft als "Einsteigertarife" betitelt; faktisch sind sie kaum mehr als "Ausprobier-" oder "Notfalltarife".

Hat man Apps im Hintergrund laufen, allen voran Instant Messanger, und einen Anbieter, der jede Stunde auf ein volles 100-Kilobyte-Paket aufrundet, dann reichen schon ein normaler Bürojob und einige Aktivitäten am Wochenende, entsprechend durchschnittlich zehn Stunden täglicher Abwesenheit vom heimatlichen W-LAN, damit sich so ein kleines Datenpaket quasi von selbst aufbraucht. Von diesem hohen Standby-Verbrauch durch Hintergrund-Apps sind vor allem Telekom- und Vodafone-Kunden betroffen, egal, ob direkt beim Netzbetreiber oder via Provider. E-Plus und o2 setzen für die Abrechnung bei der überwiegenden Mehrheit der Tarife einen wesentlich kleineren Datentakt an; entsprechend werden dort für den Standby-Betrieb derselben Apps viel weniger Megabyte vom Volumen abgezogen!

Schon nach wenigen Minuten am Limit!

Mehr mobile Daten bei o2Mehr mobile Daten bei o2 Aber selbst dann, wenn sich das Datenpaket nicht schon quasi von selbst verbraucht: Wagt man mit den genannten Mini-Paketen einen Download, ist im Nu die Drosselgrenze erreicht. Bei vollem Tempo von 7,2 MBit/s dauert es gerade mal 33 Sekunden, bis das vorgenannte 30-MB-Paket aufgebraucht ist. Passiert das schon am Anfang des Monats, muss man sich für weitere 2 000 000 Sekunden mit dem gedrosselten Tempo zufrieden geben, oder eben doch ein Upgrade kaufen.

Aber selbst mit großen Paketen ist man dank der immer höheren Bitraten schneller an der Drossel, als man denkt. Die Telekom bietet 5 GB Volumen mit bis zu 150 MBit/s für knapp 30 Euro monatlich an. Findet man eine freie Zelle, die tatsächlich in die Nähe dieses Tempos kommt, dann hängt man unter Umständen bereits nach 5 Minuten am Limit, und kann mit weniger als 1/2000 der vorherigen Geschwindigkeit weiterladen.

Die Netzbetreiber begründen die Knausrigkeit bei der Zuteilung von Datenpaketen damit, dass die Datennutzung insgesamt wegen des Smartphone-Booms rasant wächst. Andererseits wächst die Netzkapazität dank neuer Technologien wie LTE ebenso rasant. Zudem bewirkt die Knappheit der Pakete, dass die Nutzer sich bei jeder Gelegenheit ins nächstbeste W-LAN flüchten. So wird die Datennutzung noch ungleichmäßiger, mit heftigen Peaks während der morgendlichen und abendlichen Rush Hour oder bei Großveranstaltungen, und Flaute zwischendurch. Entsprechend niedrig ist die durchschnittliche Auslastung der Datennetze.

Trotzdem finden es drei der vier Mobilfunk-Netzbetreiber gar nicht so schlecht, dass sich die Handys jeweils in die heimischen W-LANs umbuchen. Schließlich verdienen Telekom, Vodafone und o2 auch gutes Geld mit Festnetzanschlüssen. Lediglich E-Plus ist noch auf "Mobilfunk pur" ausgerichtet. Deren Strategie, als "smart follower" den Netzausbau bedarfsgerecht erst dann durchzuführen, wenn der Bedarf vorhanden ist, macht es aber ebenfalls wenig wahrscheinlich, dass E-Plus voranprescht und die Kunden mit substanziell größeren Datenpaketen lockt als bisher.

Schiebt die Drossel weiter weg!

Nun ist es nicht so, dass die Netzbetreiber nicht auf Probleme reagieren. Vor einigen Wochen hatten wir beispielsweise kritisiert, dass die Netzbetreiber außer E-Plus durch den Ausschluss zahlreicher Kunden vom LTE-Netz unnötig viele Kunden im Datenstau stehen lassen. Und siehe da: E-Plus hat, wie erwartet, alle Kunden für LTE freigeschaltet. o2 und die Telekom haben die Zugangsbedingungen zum LTE-Netz wieder gelockert. Das ist sehr zu begrüßen!

Beim Zuschnitt der Datenpakete ist es für die Netzbetreiber hingegen schwieriger, zu reagieren. Sie fürchten, dass die Kunden künftig einfach ein kleineres Datenpaket buchen, statt mehr Daten zu verbrauchen, wenn sie zum Beispiel das Inklusivvolumen in den Standardpaketen verdoppeln. Freilich droht auch das umgekehrte Szenario: Wenn Nutzer ihr Datenpaket als zu teuer und die Drossel als zu knapp empfinden, dann stellen sie die mobile Datennutzung möglicherweise wieder komplett ein.

Von daher kommt der folgende Testballon von o2 gerade zur rechten Zeit: Selbständige und junge Kunden bekommen dort bei Vertragsabschluss bis Ende Mai mehr Volumen zum gleichen Grundpreis. Sollte die Aktion Erfolg haben, dann wird o2 sie sicher auf alle Kunden ausdehnen. Die Drossel wäre dann tatsächlich wieder weiter weg, die mobile Datennutzung viel entspannter.

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