Mit Umfrage

Empfangstest: Was ist besser, UKW oder DAB+?

Viele unserer Leser äußerten Unverständnis über eine mögliche Abschaltung des analogen UKW-Hörfunks, andere berichten über Empfangsprobleme bei DAB+. Wir haben an zwei Orten Angebot und Qualität von DAB+ mit UKW verglichen.
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Digitalradio im Vergleich mit UKWDigitalradio im Vergleich mit UKW Vor allem nach unserer Berichterstattung zur UKW-Abschaltung in Norwegen und der Forderung des deutschen Digitalradio-Büros nach einem schnellen Ende von UKW auch hierzulande erreichten uns zahlreiche Reaktionen von Lesern in Form von Forenpostings, Mails und Anrufen. Fast alle reagierten auf die Vorgehensweise in Norwegen und die daraus folgenden deutschen Forderungen wütend.

Zum Teil haben die Leser auch schon Erfahrungen mit dem digital-terrestrischen Radio DAB+ gemacht - und zwar häufig negative. Ein Leser, der 30 Kilometer entfernt von Stuttgart wohnt, berichtet etwa, dass er in der bergigen Landschaft im Vergleich zu UKW bei DAB+ ständige Aussetzer hätte. Ein anderer Leser aus Rheinland-Pfalz schilderte uns das Phänomen, dass es mit dem stationären DAB+-Empfang vorbei sei, sobald er den PC starte.

Aufgrund dieser Schilderungen haben wir anhand zweier Beispiele UKW und DAB+ in normalen Alltagssituationen miteinander verglichen. Beachten Sie auch unsere Umfrage am Ende des Textes.

Wiesbaden: DAB+ eindeutig besser als UKW

Unser erster Besuch führte uns in eine Erdgeschosswohnung in den Wiesbadener Stadtteil Biebrich. Unser Testempfänger ist ein Radiowecker Marke Dual, also ein durchschnittliches Alltagsradio. Wir haben als Programm die Jugendwelle You FM vom Hessischen Rundfunk ausgewählt und UKW mit DAB+ verglichen. Während hier der Empfang über DAB+ einwandfrei und ohne Aussetzer funktionierte, war das UKW-Signal über die Wiesbadener Stadtfrequenz 99,7 MHz stark verrauscht (siehe auch Video). Klares Plus hier also für DAB+, wobei wir aber auch einen Blick auf die technischen Parameter geworfen haben.

DAB+ sendet für die Region Wiesbaden vom Standort Mainz-Kastel mit einer Sendeleistung von 10 kW, während das UKW-Signal bei You FM von einem Low-Power-Stadtsender mit nur 200 Watt ankommt. Mit hohen Leistungen und stadtnahen Sendern gibt es also ein eindeutiges Plus bei DAB+ gegenüber UKW: Absolut rauschfreier Empfang ohne Aussetzer auch in schwierigen Empfangslagen, wie bei unserem Beispiel in einer Erdgeschosswohnung. Generell konnten wir 42 Digitalradio-Programme mit DAB+ in bester Qualität hören. Auf UKW kamen rauschfrei nur zwölf Programme und verrauscht weitere zehn Programme an. Auch hier hat DAB+ gegenüber UKW klar die Nase vorn.

Bad Kreuznach: Die Kurstadt ist ein DAB+-Funkloch

Unser zweiter Besuch führte uns rund 50 Kilometer von Wiesbaden entfernt in die Kurstadt Bad Kreuznach an der Nahe. Hier konnten wir den Empfang in einer Innenstadtwohnung im zweiten Stockwerk testen. Unser Suchlauf bei DAB+ brachte zunächst das ernüchternde Ergebnis von null gefundenen Sendern, erst als wir das Radio in die Luft hoben, die Wurfantenne ans geöffnete Fenster legten und nochmal einen Suchlauf starteten, waren die Programme des "Bundesmuxes" (Kanal 5C) mit Aussetzern hörbar, der regionale Mux des Südwestrundfunks (SWR) war dagegen auch hier komplette Fehlanzeige.

Auf UKW dagegen waren die Programme des SWR, der Deutschlandfunk und mehrere Privatradios einwandfrei und ohne Rauschen zu hören. Mit leichtem Rauschen kamen zudem Sender aus Hessen an. Auch hier lohnt ein Blick in die Sendeparameter: Die Stadt Bad Kreuznach wird bisher nur über zwei UKW-Stadtstandorte versorgt, eine Sendeanlage für DAB+ fehlt und die nächst gelegenen Digitalradio-Sender (Großer Feldberg/Taunus, Mainz-Kastel und Donnersberg) sind alle zu weit entfernt oder im Nahetal abgeschattet.

DAB+ wird erst nach Netzausbau überall besser als UKW

Das Sendernetz bei DAB+ ist noch im Aufbau begriffen. Auch wenn die Digitalradio-Lobby gerne ausführt, dass man sich zumindest beim bundesweiten Multiplex der Vollversorgung nähere, verbleiben in der Realität zahlreiche Lücken, vor allem auf dem Land und in topographisch schwierigen Lagen, in denen häufig kein Blickkontakt zu Sendeanlagen besteht. Als besonders problematisch gelten hier die Flusstäler der Mittelgebirge. Während auf UKW ein 100-kW-Grundnetzsender in 50 Kilometer Entfernung für die Versorgung ausreicht, müsste das Sendernetz bei DAB+ deutlich verdichtet werden, um eine ähnliche oder bessere Empfangsqualität zu gewährleisten. Im Moment ist das allerdings kaum finanzierbar und erst denkbar, wenn UKW tatsächlich einmal abgeschaltet ist und Programmveranstalter nur noch für einen Verbreitungsweg zahlen müssen.

Alle aktuellen Empfangsprobleme bei DAB+ ließen sich aber weit leichter lösen als es bei UKW der Fall wäre. Denn DAB+ arbeitet nach dem Gleichwellenprinzip. Innerhalb eines terrestrischen Sendegebietes könnten zumindest theoretisch unzählige Sendeanlagen in ein Gleichwellennetz integriert werden, bis wirklich jedes Kellerloch mit DAB+ versorgt ist. Bei UKW müsste man dagegen Frequenzen in langjährigen Verfahren nachkoordinieren, da die analoge Technik nicht oder nur mit starken Einschränkungen gleichkanalfähig ist. Und diese freien Frequenzen gibt es kaum noch, da das Band schon heute völlig überfüllt ist.

Eine Roadmap hin zu DAB+ mit klarem Bekenntnis zu einer digitalen Zukunft wäre die vernünftigste Lösung, da das digitale System zumindest potenziell eindeutig leistungsfähiger ist als die UKW-Technik: Es gibt keinen Frequenzmangel, es sind weit mehr Programme möglich, es können Zusatzinfos übertragen werden, die Technik ist rauschfrei, die Sendernetze gleichwellenfähig.

Zunächst einmal müssen die ARD-Anstalten und Sendernetzbetreiber aber noch einige Hausaufgaben machen. Allen voran steht ein weiterer massiver Netzausbau. Erst wenn DAB+ wirklich für jeden Bundesbürger erschwinglich ist, dürfte der aktuelle Frust aus dem Weg geräumt sein und die Begeisterung über die neue Technik überwiegen.

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