Vier Jahre Digitalradio

Verfechter von DAB+ fordern Fördergelder aus Digitaler Dividende II

Vier Jahre nach dem Start von DAB+ ist Deutschland noch meilenweit von einem kompletten Umstieg auf digitale Hörfunkübertragung entfernt. Jetzt fordern Verfechter des digital-terrestrischen Hörfunks Gelder aus der Digitalen Dividende II und aus dem Überschuss des Rundfunkbeitrags.
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Die Verkaufszahlen von Digitalradios steigen. Die breite Mehrheit kauft dennoch reine UKW-Radios.Die Verkaufszahlen von Digitalradios steigen. Die breite Mehrheit kauft dennoch reine UKW-Radios. Noch immer läuft beim Thema terrest­risches Digital­radio nicht alles rund. Zwar steigen die Geräte­verkaufs­zahlen von Jahr zu Jahr, aber die Steigerungs­rate erfolgt im Schnecken­tempo. Vier Jahre nach dem Start von DAB+ in Deutschland haben von 100 verkauften Radios 87 keinen Digital­radio-Empfang. Ganz anders war es bei der Einführung des digital-terrest­rischen Fern­sehens: Hier dauerte es gerade einmal zwei Jahre, dann gab es überhaupt keine TV-Geräte mehr ohne DVB-T im Handel. Die ungebremst hohe Nachfrage nach Nur-UKW-Geräten sorgt dafür, dass Händler die Ware nach wie vor massenhaft ordern und offenbar auch noch gut verkaufen. Dabei ist der preisliche Unterschied zwischen reinen UKW-Geräten und hybriden Empfängern, die auch DAB+ an Bord haben, gar nicht mehr so groß.

Finanzielle Anreize für Privatradios schaffen

Einer der Gründe, warum die Nachfrage nach DAB+ immer noch gering ist, dürfte das vielerorts noch mangel­hafte Programm­angebot im Digitalradio sein. Vor allem in ländlichen Regionen sind nur die öffentlich-rechtlichen Sender zu hören oder sogar noch gar nichts wie in Vorpommern, Nordbrandenburg, dem Emsland oder Nordfriesland. Die großen Privatradios wie ffn, RPR.1, Antenne Thüringen oder Radio Hamburg sind nicht mit dabei, aber auch viele Lokal- und Regionalsender fehlen.

Für Willi Schreiner, Chef der DRD Digitalradio Deutschland GmbH, ist es daher vorrangig wichtig, dass alle privaten Radiosender den Einstieg in die digitale Radiozukunft schaffen. Digitalradio bietet seiner Meinung nach die beste Möglichkeit, um den wichtigsten Verbreitungsweg, die terrestrische Versorgung, zukunftssicher zu gestalten. Die Radiosender erhielten so die Möglichkeit, ihre bisherigen und neuen Programme terrestrisch zu verbreiten. "Die digital-terrestrische Versorgung wird für die Zukunfts­sicherung jedes Radiosenders besonders wichtig, auch die Privaten müssen diesen Umstieg ermöglicht bekommen", so der DRD-Geschäftsführer. Außerdem könne jeder Sender zu einem Bruchteil der bisherigen UKW-Kosten mit DAB+ differenzierte Zielgruppen­programme verbreiten.

Vier Jahre DAB+ in Deutschland hätten gezeigt, wo Chancen und Defizite liegen. Jetzt sei es nach Ansicht von Schreiner unbedingt erforderlich, dass die Umstiegs­möglichkeiten für die Privaten auch ähnlich gefördert werden, wie dies den öffentlich-rechtlichen Sendern durch ihre Gebührengelder ermöglicht wird. Dazu bieten sich seiner Ansicht nach die Erlöse der Digitalen Dividende II an, die aus der Versteigerung von Rundfunk­bändern erzielt wurden und nun auch wieder der Rundfunk­infrastruktur zufließen sollten. "Es wäre für uns unverständlich, wenn diese Gelder in die Breitbandinfrastruktur investiert würden, die für uns keine kostengünstige terrestrische Verbreitungs­technologie darstellt, wie es Studien eindeutig dokumentieren", so der DRD-Geschäftsführer. Einen Appell richtet Willi Schreiner aber auch an die Landes­medien­anstalten, die in den letzten Wochen sehr intensiv ein Konzept zur Digitalisierung des terrestrischen Hörfunks erarbeitet haben.

"Gerade die privaten Anbieter benötigen auch die direkte finanzielle Unterstützung der Landes­medien­anstalten, denn wie sie es selbst richtig formulieren, kann der Migrationsprozess von UKW zu DAB+ nicht von den Anbietern alleine geleistet werden", so Schreiner. Helfen könnten dazu unter anderem die 12 Millionen Euro, welche die Landes­medien­anstalten aufgrund der erhöhten Rundfunkbeiträge in 2014 erhalten haben.

Einen Teil der Einnahmen aus der Digitalen Dividende II für DAB+, das fordert auch Bayerns Wirtschafts­ministerin Ilse Aigner (CSU). Aus der jüngsten Frequenzauktion, bei der der Bund 1,33 Milliarden Euro einnahm, fließen Bayern 97 Millionen zu. Unter anderem will sie damit die privaten Radiosender gerade in ländlichen Regionen beim Übergang auf DAB+ unterstützen. Aigner stellt sich mit ihrer Forderung auch gegen Bundesminister und Parteikollegen Alexander Dobrindt, der mit den Einnahmen aus der Digitalen Dividende II ausschließlich leistungsfähige Datennetze ausbauen will.

BLM-Chef fordert vorläufiges Ende der UKW-Ausstiegsdebatte

Der Chef der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), Siegfried Schneider, fordert unterdessen von allen Marktakteuren, das Thema UKW-Abschaltung vorerst ad acta zu legen. Es sei "kontraproduktiv, mit der Umstiegsdebatte zu beginnen. Warum sollte jemand, der heute mit UKW gutes Geschäft macht, sein Geschäft mutwillig zerstören?", fragt er in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung "Der Standard". Ein erfolgreiches Programm müsse auf allen Vertriebswegen präsent sein. "Deshalb fördern wir auch die DAB+-Sendeinfrastruktur für lokale und landesweite Radioanbieter mit annähernd 750 000 Euro im Jahr".

Um überhaupt über das Thema UKW-Abschaltung nachdenken zu können, bräuchte man laut Schneider eine ebenso gute technische Reichweite wie für UKW, "das heißt, mehr als 95 Prozent der Bevölkerung sollte DAB hören können und mindestens 50 Prozent der Haushalte sollten über ein DAB-Gerät verfügen". Auch die tatsächliche Nutzung sei ein wichtiges Kriterium. "Wenn die die Hälfte der Nutzung digital läuft - über DAB+ oder Internet - kann man konkret über einen Umstieg nachdenken". Aktuell sind digitale Verbreitungstechnologien wie DAB+ oder Internetradio nur für fünf Prozent der Deutschen die vorrangig genutzten Wege bei der Radionutzung. Neue Zahlen werden zur IFA in Berlin präsentiert.

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