Studie

Medienanstalten prüfen LTE-Broadcast für Radio

Die Tele­kommunikations­konzerne wollen das Digitalradio DAB+ nicht in Smartphones haben. Könnte LTE Broadcast hier eine Alternative sein? Diese Frage wollten die Landes­medien­anstalten in einer Studie beantwortet haben.

Medienanstalten prüfen LTE-Broadcast für Radio Medienanstalten prüfen LTE-Broadcast für Radio
Bild: teltarif.de
Auch vier Jahre nach dem Start des digitalen Hörfunk­standards DAB+ gibt es auf dem deutschen Markt kein einziges Smartphone, welches das terrestrische Digitalradio eingebaut hat. Wie wir auf der IFA erfuhren, liegt dies in erster Linie am deutschen Markt: 90 Prozent der Gadgets würden subventioniert über Tele­kommunikations­unternehmen vertrieben. Und diese haben kein Interesse an einem digitalen Broadcast-Verfahren in den Endgeräten, da sie Highspeed-Volumen verkaufen wollen. Dies gelte vorrangig für die Bewegtbild-, aber auch für die Audio-Nutzung. Schon 60 Minuten Internet­radiohören in mittlerer Qualität verschlucken 200 MB des Datenvolumens.

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Die Medienanstalten wollten nun wissen, ob das LTE-Broadcast-Verfahren eMBMS eine Alternative für DAB+ sein kann und haben dies in einer Studie untersuchen lassen. Während die Kosten eines Radio­bouquets über eMBMS für den Kunden noch nicht beziffert sind, sei bereits klar, dass Hörfunk­anbieter sparen könnten. Vor allem wenn viele Menschen gleichzeitig den Stream einschalten.

LTE Broadcast unterliegt der Kontrolle der Telkos

Die Studie kommt allgemein zu dem Ergebnis, dass jedes LTE-fähige Empfangsgerät auch Hörfunk im Broadcast-Verfahren über LTE empfangen kann. Es seien jedoch keine Planungen bekannt, dass die heute üblichen Radiogeräte wie Radiowecker, Küchenradio und HiFi-Stereo­anlage für den LTE-Empfang ausgerüstet werden sollten. Das Hauptproblem sei, dass jedes LTE-Empfangs­gerät eine SIM-Karte haben muss, also der Kontrolle der Tele­kommunikations­unternehmen unterliegt.

LTE nutzt dem Mobilfunk zugewiesene Frequenzen. Für diese gebe es derzeit in keiner Weise eine Rundfunk­regulierung. Wenn die Hörfunk­über­tragung über LTE ein Teil des gesetzlichen Versorgungs­auftrags werden soll, müsste ein medien­rechtlicher Rahmen dafür geschaffen werden, so die Studie. Dies würde schwierig werden, da die Mobilfunk­lizenzen im Mai/Juni 2015 mit einer Laufzeit bis 2033 ohne dies­bezügliche Auflagen versteigert wurden.

Sobald der Radiostream in einer Funkzelle abgerufen wird, und diese Funkzelle zur Verbreitung des Radioprogramms freigeschaltet ist, entscheidet der Mobilfunk­betreiber, ob es ökonomisch sinnvoller ist, den Stream über eine direkte, individuelle Verbindung zum Gerät des Nutzers auszuliefern (point-to-point) oder die Daten mittels eMBMS als Broadcast in dieser Funkzelle zu verbreiten. Eine Verbreitung im Broadcast-Modus sei für den Betreiber vorteilhaft, wenn sehr viele Hörer dieses Programm gleichzeitig hören wollen und/oder wenn diese sich am Rand der Zelle aufhalten. Probleme wie überlastete Streams ließen sich lösen.

Eine individuelle Verbindung kann für den Betreiber vorteilhaft sein, wenn sich alle Hörer einer Zelle nahe der Basisstation befinden und mit einem höherstufigen und somit Bandbreite sparenden Über­tragungs­verfahren versorgt werden können. Der Broad­castmodus hat zur Folge, dass bei einer Mehr­fach­nutzung des gleichen Streams innerhalb einer Funkzelle dieser nur einmal verbreitet werden muss und sich das Datenvolumen nicht durch die Anzahl der Hörer vervielfacht. Bei der Entscheidung zwischen individueller Übertragung oder Broad­castmodus handelt sich in erster Linie um eine Auslastungs­optimierung des Netz­betreibers. Für den Nutzer sei der Wechsel von Unicast zu Broadcast nicht erkennbar.

Übertragung über nur ein Netz spart Kosten

Allerdings seien die Kosten für die Betreiber nicht zu unterschätzen: Will der Radioveranstalter tatsächlich alle Mobilfunk­nutzer in seinem Verbreitungs­gebiet erreichen, müsste er mit allen dort tätigen Mobilfunk­unternehmen entsprechende Vereinbarungen schließen. Das Programm würde dann bei entsprechenden Abrufen von jedem Mobilfunker in einem eigenen Netz (in Deutschland somit über drei Netze) verbreitet. Alternativ könnten gemäß einem von der European Broadcasting Union (EBU) empfohlenen Verfahren die Mobilfunker und der Radioveranstalter sich darauf einigen, das Radioprogramm über eMBMS nur über ein einziges Netz (statt drei) zu übertragen und dieses so zu signalisieren, dass auch von allen Teilnehmern aus anderen Netzen darauf zugegriffen werden könnte. Dies würde insgesamt gesehen die Frequenz­effizienz erhöhen und die Kosten senken.

Die Infrastrukturkosten seien ein ganz wesentlicher Faktor für die Entscheidung, welche Über­tragungs­technik Radio in Zukunft nutzen sollte. Im Moment sei DAB+ in jedem Fall die weit günstigere Technik im Vergleich zu LTE-Broadcast. Allerdings könnten neue Codecs die Kosten noch verringern, sodass man heute noch kein abschließendes Urteil bilden könne.

Bevor in Deutschland die Hörfunk­übertragung über LTE und eMBMS als Substitut der heute bekannten Rundfunk­übertragungs­techniken eingeführt werden könne, müssten diverse Fragen geklärt werden, etwa welche Geschäfts­modelle es zur Aufteilung von Kosten und Erlösen zwischen Mobilfunker und Radio­veranstalter auf der einen, aber auch den Kunden auf der anderen Seite gebe. Neben Smartphones und Tablets sollte es laut der Studie auch traditionelle Hörfunk­empfänger geben, die LTE und eMBMS ohne Mobilfunk­vertrag empfangen können. Bisher seien keinerlei Ansätze zu Entwicklung entsprechender Geräte bekannt.

DAB+ und DVB-T2 in Smartphones: Hoffen auf den chinesischen Markt

Für die Implementierung von DAB+ oder künftig auch dem terres­trischen Digital­fernsehen DVB-T2 hoffen Veranstalter unterdessen auf den immer stärkeren chinesischen Markt, der unabhängig von den großen Tele­kommunikations­konzernen Smartphones vor allem im Billig­preis­sektor auf den Markt bringt. Wie wir auf der IFA von einem chinesischen OEM-Hersteller erfuhren, sei es rein technisch kein Problem, einen entsprechenden Chip in Gadgets einzubauen. So gebe es bereits heute einen Mikro-Multichip (UKW/DAB/DAB+/DMB-R) des Unternehmens Keystone Semi­conductor für mobile Gadgets wie Smartphones. Allerdings habe noch kein einziger deutscher Kunde nach einer entsprechenden Lösung angefragt, und ohne entsprechende Bedarfs­anfrage würden auch keine Modelle für den deutschen Markt gebaut.

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