pro und contra DAB+

Erbitterter Streit um Zukunft von UKW, DAB+ und Radio überhaupt

Um die Zukunft des Hörfunks ist ein Streit zwischen Medienpolitikern, Privatsendern und öffentlich-rechtlichen Anstalten entfacht. Die Ursache mag absurd klingen: Das Digitalradio DAB+ ist vielen Marktteilnehmern offensichtlich zu erfolgreich geworden.
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Streit um die Zukunft des Hörfunks in Deutschland gab es seit der terrestrische Digitalfunk im Jahr 2011 als DAB+ neu gestartet ist. Doch lange wurde nicht mehr so heftig gestritten wie in den vergangenen Tagen, und ausgetragen werden die Kämpfe in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) als wichtigem Leitmedium für Entscheider und Investoren.

DAB+-Radios von LencoDAB+-Radios von Lenco Ausschlaggebend war ein Artikel von Jürgen Brautmeier, Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) und Marc Jan Eumann, Staatssekretär für Europa und Medien in der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen, die in die Debatte um die Notwendigkeit einer Digitalisierung des terrestrischen Hörfunks neues Öl ins Feuer gegossen und indirekt dazu aufgefordert haben DAB+ auf regionaler Ebene nicht weiter zu forcieren, da die Zukunft des Hörfunks im Internet liege. Hintergrund hierfür war wiederum die vorherige Positionierung der kommerziellen UKW-Lokalradios in NRW gegen DAB+.

Intendanten wehren sich gegen Einschätzung zu DAB+ aus NRW

Die Intendantinnen und Intendanten Willi Steul (Deutschlandradio), Karola Wille (MDR) und Ulrich Wilhelm (BR) haben wenige Tage später auf diesen Zeitungsartikel reagiert. In einem eigenen Beitrag weisen sie dabei noch einmal klar auf die Vorteile von DAB+ hin: Die Technik sei "deutlich kostengünstiger, ist bei erheblich geringerem Stromverbrauch ökologischer und ohne jedes Rauschen glasklar zu genießen". DAB+ bedeute aber vor allem das Ende der Frequenzknappheit im UKW-Band.

Der Diskussionsbeitrag von Brautmeier und Eumann aus Nordrhein-Westfalen beschränke sich laut den Intendanten auf die Sichtweise etablierter, privater Lokalanbieter in NRW. Wie sehr diese Sicht von Partikularinteressen geprägt sei, zeige sich daran, "dass sie den großen Zuwachs an Vielfalt, der durch Digitalradio möglich wird, schlicht ignoriert. UKW ist auch in NRW seit dreißig Jahren ausgereizt. Das Mantra aus Düsseldorf ist so alt wie die Diskussion: 'Unsere UKW-Radiolandschaft ist im digital terrestrischen DAB+ nicht abzubilden.' Punkt". Für etablierte UKW-Anbieter sei dies eine komfortable Blockade: keine neuen Wettbewerber für die in NRW monopolartig zugeschnittenen Privatradios um den Preis technologischer Rückständigkeit und Verhinderung längst möglicher Vielfalt.

Brautmeier und Eumann machten laut den Intendanten "einen Kardinalfehler": Bei DAB+ gehe es nicht allein um die moderne und erheblich kostengünstigere Verbreitung von Radio. Diese Betrachtung sei zu kurz. Der Paradigmenwechsel sei auch Grundlage zum Beispiel für eine deutlich verbesserte Verkehrssteuerung, nicht nur des Automobilverkehrs. Erkannt habe dies das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI). Deshalb habe Staatssekretärin Dorothee Bär im vergangenen Jahr ein fünfzehnköpfiges "Digitalradio-Board" gegründet. Neben dem privaten und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk seien mit einem Vertreter der Länder, der Landesmedienanstalten, der Automobil- und Gerätehersteller sowie der Netzbetreiber alle relevanten Partner vertreten. DAB+ ist Teil der digitalen Agenda der Bundesregierung.

Die Zukunft des Radios sei digital, und sie liege in der parallelen digitalen Verbreitung über DAB+ und über das Internet. "Was für Fernsehen richtig ist, das ist auch für das Radio die Sicherung seiner Zukunft". Völlig unglaubwürdig seien Brautmeier und Eumann, wenn sie Krokodilstränen über angeblich mangelndes Interesse für DAB+ in ihrem Bundesland vergießen, wo doch die Medienanstalt gemeinsam mit der Staatskanzlei die Ausstrahlung eben dieser DAB-Angebote blockiere. Dem WDR wurde erst jüngst eine digitale Schlagerwelle untersagt.

RTL-CEO positioniert sich gegen DAB+

Doch auch aus dem Privatradiolager veröffentlichte die F.A.Z. ein Statement in Form eines Leserbriefes, von Gert Zimmer, CEO der RTL Radio Deutschland GmbH. In diesem positioniert er sich deutlich gegen die digital-terrestrische Technik. DAB+ biete seiner Meinung nach nicht die Vorteile und Möglichkeiten, die Menschen heutzutage mit der Mediennutzung im Internet verbinden: Multimedialität, Interaktivität, Personalisierung und Mobilität von Angeboten sowie eine unbegrenzte Vielfalt. All dies werde mit Diensten ermöglicht, die Menschen über den Computer und ausschließlich über ihr Smartphone beziehungsweise mobile Empfangsgeräte nutzen. "Wenn wir mit unseren Radioangeboten nicht mehr dort vertreten sind, wo die Menschen sie nutzen möchten, werden wir sie verlieren, und damit unser Finanzierungsmodell", so Zimmer. Eine politisch gewollte Umstellung von UKW auf DAB+ sei "nicht konstruktiv, denn sie würde die Hörerverluste stärken und damit dem Privatradio die Finanzierungsgrundlage entziehen".

Statt einem immens teuren Umstieg von UKW auf DAB+ fordert Zimmer, dass sich die Politik eher dem Breitbandausbau und um das Thema Netzneutralität kümmern solle. Außerdem wäre es im Interesse eines vielfältigen Hörfunks von privaten und öffentlich-rechtlichen Anbietern "zielführend, die Integration und Freischaltung von UKW-Empfangschips in allen gängigen Smartphones gesetzlich festzuschreiben".

DAB+ wird den Etablierten möglicherweise zu erfolgreich

Die Diskussion um DAB+ kommt jedoch überraschend (oder auch nicht) just zu einem Zeitpunkt, an dem der digital-terrestrische Hörfunk erstmals Erfolge nachweisen kann - alleine aus dem Markt heraus und ohne politisches Eingreifen. Das Wachstum von DAB+ ist überproportional, die Zahl der verkauften Empfangsgeräte dürfte die sieben Millionen inzwischen überschritten haben, in fast 15 Prozent der deutschen Haushalte steht mindestens ein DAB+-Empfangsgerät. Ein Erfolg, bedenkt man, dass es DAB+ erst fünf und UKW bereits weit mehr als 60 Jahre gibt. Erstmals kratzen Programmanbieter, die auch über DAB+ senden, am Erfolg der etablierten UKW-Anbieter, das zeigte sich zum Beispiel in der letzten Media Analyse Hörfunk, laut der etwa das im bundesweiten Multiplex verbreitete Radio Bob seine Hörerzahlen außerhalb des UKW-Sendegebiets in Hessen massiv steigern konnte.

Über 30 Jahre lang lebten die UKW-Veranstalter in einem sicheren Biotop, der Frequenzmangel schützte sie vor neuen Konkurrenten. Vor diesem Hintergrund sind die Reaktionen vor allem aus dem privat-kommerziellen Lager verständlich: Wer will schon gerne 20 und mehr Konkurrenten ins Boot holen? Andererseits stellt sich aber auch die Frage, ob die etablierten Anbieter mit ihrer Positionierung gegen DAB+ nicht auch Chancen verspielen, die sie etwa durch Beiboote oder Zweitmarken hätten, die nur digital verbreitet werden. Der Versuch, DAB+ noch auf der Zielgeraden zu stoppen wird jedenfalls ebenso wenig von Erfolg gekrönt sein wie einst die Musikindustrie bei dem Versuch den digitalen Internet-Musikmarkt zu blockieren und das Geschäftsmodell CD zu retten. Dafür ist die Technik bereits viel zu stark etabliert.

Noch 2011 forderten die Privatradios die Entwicklung von DAB+ dem Markt zu überlassen. Es klingt vor diesem Hintergrund schon absurd, dass sie ausgerechnet jetzt, wo der Markt erste positive Zeichen beim digital-terrestrischen Radio setzt, nach einem Bestandschutz von UKW und einem politischen Einschreiten schreien.

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