Medientage München

DAB+ ist in Deutschland ein "endlos müder Prozess"

Große Privatradios kuscheln sich weiter in der UKW-Nische und lehnen die DAB+-Technik ab, die Politik weigert sich finanzielle Mittel bereit zu stellen. Die Haltung vieler kommerzieller Sender gefährde jedoch die Zukunft der Gattung Hörfunk, heißt es in einem Panel auf den Münchner Medientagen.
AAA
Teilen

In der Schweiz senden inzwischen fast alle Radiostationen auch per DAB+. Die Marktteilnehmer ziehen bei der Digitalisierung des Hörfunks an einem Strang. Warum in Deutschland die Umstellung auf den neuen Standard für die digitale terrestrische Ver­breitung von Hörfunk nicht ebenso schnell voran­kommt, diskutierten Experten im Rahmen eines Panels auf den Medientagen in München.

Vorbild Schweiz

Die Entwicklung von DAB Plus im FokusDie Entwicklung von DAB Plus im Fokus Béatrice Merlach stellte die Entwicklung von DAB+ in der Schweiz vor. Nach Angaben der Gründerin der SRG-Tochtergesellschaft MCDT senden dort etwa 95 Prozent der privatwirtschaftlichen Radio­stationen in dem neuen digitalen Radiostandard. 45 Prozent der Schweizer Hörer, so berichtete die Digitalradio-Expertin, nutzten bereits Webradios via IP und das digital-terrestrische Radio DAB+. Die Abschaltung von UKW in der Schweiz werde stufenweise von 2019 bis 2024 stattfinden. "Meiner Meinung nach sollte die Simulcast-Phase nicht zu lang sein", empfahl Merlach, da die Verbraucher erst kurz vor dem Abschaltdatum Empfangsgeräte für DAB+ kauften. "Jetzt ist das Window of Opportunity offen", betonte die Digitalradio-Expertin. "Sie können nicht auf alle warten."

Blockierer gefährden Zukunft der Gattung Radio

Auf die hohen Kosten für den Parallelbetrieb von UKW und DAB+ wies Willi Schreiner, 1. Vorsitzender beim Verband Bayerischer Lokalrundfunk (VBL), hin. Die Erlöse aus der Digitalen Dividende II sollten daher auch den Umstieg subventionieren. Aber: "Hier sperrt sich der bayerische Finanzminister", klagte Schreiner, der zugleich unterstrich, "keine ewige Förderung" zu fordern: "Das System muss sich selbst tragen."

Zugleich kritisierte der VBL-Vorsitzende die Bedenken vieler Veranstalter: Zum einen sei dort die "Schizophrenie" verbreitet, Radio dürfe terrestrisch nur in einem klar definierten Versorgungsbereich empfangbar sein, was aber mit der weltweiten Ausstrahlung im Internet bereits aufgegeben wurde. Außerdem kritisierte er die Veranstalter, die sich nach wie vor im UKW-Biotop suhlen und DAB+ aufgrund von mehr Konkurrenz vehement ablehnen, damit aber die Zukunft der Gattung Radio in Gefahr bringen: "Wenn es uns heute nicht gelingt junge Menschen weiter für Radio zu sozialisieren, werden wir die nachfolgende Generation verlieren", warnt Schreiner angesichts der neuen Konkurrenz durch Musikstreaming im Internet.

"Wie sollen wir mit der Politik sprechen, wenn sich die Gesellschafter nicht einig sind?", fügte Markus Knoll, Geschäftsführer der Privatsender Hitradio Ohr und Schwarzwaldradio an. Zugleich wies Knoll darauf hin, dass die öffentlich-rechtlichen Hörfunk-Programmanbieter mit hohem Tempo den Umstieg vorantrieben: "Wir sind nicht im Zug, sondern hängen bestenfalls dran." Von den Rundfunkpolitikern erwartet der Radiomacher daher "ein klares Bekenntnis zum dualen System", sonst führe die Hörfunkdigitalisierung zu einer "gewaltigen Schieflage".

Frage der Finanzierbarkeit

Die Finanzierungsfragen, aber auch die mangelnde Konsensfähigkeit einzelner Bundesländer stellen nach Ansicht von Dr. Jürgen Brautmeier, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW (LfM), die Hauptprobleme der Hörfunk-Digitalisierung dar. "Der Ball liegt im Feld der Politik", betonte der Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM). Technisch sei DAB+ in den 46 Verbreitungsgebieten von Lokalfunk in Nordrhein-Westfalen möglich, aber nicht überall wirtschaftlich sinnvoll. Auch hier gebe es die Situation, dass viele Veranstalter DAB+ überhaupt nicht wollen: "Das kuschelige Gefühl des behüteten und fein umzäunten Marktes aufzugeben fällt vielen schwer". Eine Chance für den Digitalfunk stellten neue, landesweite Programme dar, die es bislang in NRW nicht gibt. Klar ist für Brautmeier aufgrund der hohen Bevölkerungszahl: "Wenn es in Nordrhein-Westfallen nicht funktioniert, dann auch nicht in der Bundesrepublik."

Den "Schulterschluss" von Landesregierung, öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalt und Medienanstalt in Bayern schilderte Dr. Klaus-Peter Potthast, Abteilungsleiter Digitalisierung und Medien im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie. Ein Alleingang bei der Digitalisierung kommt für Potthast trotz dieser "Sondersituation" nicht infrage: "Wir benötigen ein Gesamtkonzept, nicht Roadmaps für einzelne Länder." Außer diesem nationalen Umstellungsplan für DAB+ mit einem UKW-Ausstieg sei auch eine regulatorische Lösung für deutschlandweite Anbieter nötig, hob Potthast hervor: "Das neue Radio ist grenzüberschreitend." Alle Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass ohne politische Hilfestellung DAB+ ein endlos müder Prozess bleibe, da die Gerätepenetration in den Haushalten noch viel zu gering sei.

Zunächst Web only: Bauer Media startet Bouquet "Bravo Radio"

Auf einem anderen Panel auf den Medientagen kritisierte die Programmdirektorin des Senders Antenne Thüringen, Julia Schutz, allgemein die mangelnde Innovationsbereitschaft der privaten Radiosender: "Wir haben keine Innovationskultur", kritisierte sie die Situation des deutschen Hörfunkmarkts. "Das Radio bewegt sich nur, wenn es muss." Investitionen seien schwierig. "Wenn ich vorschlage, wir müssen WhatsApp bei uns einbinden, heißt es: 'Mach das'. Wenn ich aber hinzufüge: Wir brauchen die Software, um WhatsApp zu integrieren, und einen Mitarbeiter, der den Input betreut, dann ist dies zu teuer. Es wird nur so viel Geld ausgegeben, dass es reicht, um mitzuhalten, aber nicht mehr."

Eine Innovation im Radio-Business stellte dagegen die Bauer Media Group vor, mit dem interaktiven Bouquet Bravo Radio, das anlässlich der Medientage mit vier Hörfunkkanälen als Ableger der Jugendzeitschrift über Internet und Apps gestartet ist. Bravo Radio bietet Zusatz­funktionen für interaktive User, jeder Sender bietet der Zielgruppe einzigartige Extras und erlaubt einen direkten Kontakt zum Endverbraucher. Die User können beim Sender Bravo Charts stündlich für ihre Lieblingssongs abstimmen, von denen die Top 5 zu Beginn einer jeden Stunde gespielt werden. Bei Bravo Party besteht die Möglichkeit, seine eigenen Partybilder unter dem Hashtag #BRAVOParty bei Facebook, Instagram oder Twitter hochzuladen und auf diese Weise mit dem Sender zu vernetzen. Bravo Tubestars spielt mit etwas Glück die Voicemail-Grüße seiner Zuhörer ab, während auf Bravo Love die User in Kürze zwischen zwei Love Songs abstimmen können.

Teilen

Mehr zum Thema DAB+